Episoden des Südens Peter Sloterdijk und Laymert Garcia dos Santos im Gespräch

Peter Sloterdijk und Laymert Garcia dos Santos
Goethe-Institut São Paulo

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk traf in São Paulo mit dem brasilianischen Soziologen Laymert Garcia dos Santos zusammen, zu einer Diskussion über das Konzept „Süden“ sowie dessen unzählige Reflexionen und Interpretationen. Wir dokumentieren Auszüge aus der Debatte.

Laymert Garcia dos Santos: Die Problematik des Südens ist zugleich geopolitischer wie mentaler Natur, denn der Süden definiert sich als Süden nur im Verhältnis zu einem Norden, der nicht wirklich der Norden ist, sondern in Wahrheit der euroamerikanische Kontext. Wir hatten diesen Süd-Süd-Dialog zum Beispiel als etwas zwischen den BRICS-Staaten. Und dabei fällt auf, dass drei der fünf BRICS-Staaten im Norden liegen. Sie liegen gar nicht im Süden, werden aber von allen als „Süden“ betrachtet. Das heißt, der Norden ist Nordamerika und teutonisch. Aus geopolitischer Sicht erlebt dies gerade eine große Veränderung. Ich bringe diese Veränderung mit der Globalisierung, ihren Aspekten und Nebeneffekten in Verbindung.

Warum ist diese Frage so brutal? Weil wir, wenn wir an Norden und Süden denken, die Weltkarte von Mercator von 1569 im Sinn haben. Eine Karte, die noch immer als unser Bild von der Welt, zur Definition eines Zustands der Welt, gültig ist. Und weiterhin funktioniert. Ich denke, wir müssen uns von diesem mentalen Klischee, dieser Weltkarte von Mercator, verabschieden und sie durch die Dymaxion Map ersetzen, die Weltkarte von Buckminster Fuller - einem großen amerikanischen Erfinder, der die Welt auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und Konzeptionen neu gezeichnet und die Weltmeere, Ozeane und Kontinente an die jeweils richtige Stelle gesetzt hat. Europa ist dort nicht mehr der zentrale Punkt. Wenn die Welt eine Kugel ist, kann sie von jedem Punkt der Dymaxion Map aus betrachtet und aufgefaltet werden. Jeder Punkt kann zentral sein. Und wenn er ausgebreitet ist, zeigt dieser Globus, dass es Norden und Süden nicht gibt.

„SELBST WENN MAN VOM SÜDEN SPRICHT, IST DER BEZUGSRAHMEN WEITER DER NORDEN“

Warum halte ich das für wichtig? Weil es, wenn wir den von Buckminster Fuller vorgeschlagenen Blickwinkel einnehmen, ein Raumschiff namens Erde im Kosmos gibt, das weder Norden noch Süden hat, sondern nur Innen und Außen, und das man von jedem Punkt aus betreten kann. Es gibt also keinen bevorzugten Ort. Das ist zumindest ein Hinweis auf den Wunsch nach Veränderung, nach einem Verlassen unserer eurozentristischen Wahrnehmung und dem Anerkenntnis der Multipolarität der Welt, der Konsequenzen, die sich aus dieser Perspektivänderung, dieser Mentalitätsänderung ergeben. Wir werden aufhören müssen, die europäische Ontologie und Epistemologie als zentral anzusehen und stattdessen die Pluralität von Ontologien und Epistemologien annehmen, was eine Problematisierung der Verhältnisse unterschiedlicher Ontologien und Epistemologien bedeuten würde. Damit hätten wir ein tatsächlich globales Wissen und eine globale Lebensform. Natürlich ist dies längst nicht der Fall, denn dominierend sind weiterhin die Ontologie und die Epistemologie Europas. Und selbst wenn man von Süden spricht, ist der Bezugsrahmen weiter der Norden.

Doch die Einbeziehung dieser „Anderen“, von Sichtweisen von anderen Orten aus, ermöglicht sehr unterschiedliche Perspektiven, indem wir anderes Wissen, andere Logiken, andere Denkweisen und Daseinsformen zur Kenntnis nehmen. Und warum meine ich, dass dies weiterhin zentral ist? Weil uns keine Philosophen oder Denker anderer Kontinente bekannt sind, die das Verhältnis zur europäischen philosophischen Tradition infrage stellen. Vermutlich kennen nur wenige hier im Raum beispielsweise die Kyoto-Schule oder die Diskussion des Philosophen Keiji Nishitani über das Verhältnis der zeitgenössischen deutschen Philosophie - auch über die Frage der Technologie - zum Zen-Buddhismus, wobei er zeigt, dass ein solches ins Verhältnis-Setzen möglich ist und wo der Kern dieses Verhältnisses liegt, welchen Widerhall es besitzt, welche Unterschiede und Problematiken zwischen den beiden Perspektiven bestehen. Aus Sicht Brasiliens könnten wir diesen Unterschied vielleicht denken. Ich glaube, jemand, der eine sehr interessante Betrachtung dieser Unterschiede anstellt, ist Eduardo Batalha Viveiros de Castro.

Die Frage, die ich also an Sloterdijk stellen würde, ist: Wie Sehen Sie diese Multidiversität von Ontologien und Epistemologien? Und ist das etwas, das Zukunft hat oder nicht?

Peter Sloterdijk: Um das Thema des Südens aus geographischer und historischer Perspektive so anzugehen, wie es sich vor einigen hundert Jahren in Europa dargestellt hat, ist an Folgendes zu erinnern: Die europäischen Seefahrer und die europäischen Kartographen hatten entdeckt, dass es eine starke Asymmetrie auf dem Planeten in Bezug auf die Verteilung von Land und Wasser gibt. Die klassischen Darstellungen der Erde, wie sie seit dem 17. Jahrhundert in jedem Atlas abgebildet sind, zeigen zwei Sphären: die territoriale und die ozeanische. Das kann man auch auf heutigen Globen sehr gut sehen, aus einer bestimmten Perspektive scheint die Erde beinahe ohne Territorium zu sein. Wenn Außerirdische aus diesem Blickwinkel auf die Erde schauen würden, dann würden sie denken, dass es auf diesem Planeten nichts gibt außer Wasser. Die europäischen Kartographen haben nun aus Gründen der Symmetrie und der physikalischen Gerechtigkeit  postuliert, dass es im Süden genauso viel Land geben müsse  wie  im Norden, da ansonsten das ganze kosmische System aus dem Gleichgewicht geriete. Der Süden ist daher aus der Perspektive der europäischen spekulativen Geografie nichts anderes als eine unermessliche Enttäuschung.

“EUROPA HAT SICH SELBST PROVINZIALISIERT”

Der indisch-amerikanische Sozialwissenschaftler Dipesh Chakrabarty hat im Jahr 2000 Aufsehen erregt mit seinem Buch “Provincialising Europe”. Das ist ein zweideutiger Titel, da es nicht ganz klar wird, ob es sich um die Feststellung eines provinziellen Europas handelt, oder ob es heißt, dass wir das Unsere dazutun, um Europa als Provinz erscheinen zu lassen. In Chakrabartys Buch wird auch formuliert, was insbesondere zuletzt bei den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Ende des Ersten Weltkriegs überall festgestellt worden ist: Europa hat zwischen 1914 und 1945 vor den Augen der Welt Selbstmord begangen. Nach dem europäischen Selbstmord muss man Europa eigentlich nicht mehr provinzialisieren, den Europa hat sich selbst provinzialisiert.

Laymert Garcia dos Santos: Wie ließe sich formal perspektivistisch die Frage nach Gott stellen, wo doch Gott tot ist?

Peter Sloterdijk: Wenn Gott tot ist, dann macht das eigentlich nichts, denn etwas Besseres als einen Gott, der sterben kann, findet man überall. Aber aus der Perspektive der mittelalterlichen Theosophie ergibt sich eine latent häretische Interpretation der Subjektivität. Wenn Gott eine Kugel ist, deren Zentrum überall sein kann, dann kann dieses Zentrum auch in mir sein. Damit wird Gott der menschlichen Seele immanent. Der herkömmliche Glauben ist sehr diskret: man hat den Gläubigen und man hat Gott, und dieser ist ziemlich weit weg. Mit der mittelalterlichen Theosophie und dem Traktat der 24 Philosophen wird die Beziehung zwischen Gott und dem Individuum indiskret. Weil da, um mit einer technologischen Metapher zu sprechen, eine Art Kernschmelze stattfindet, eine Art “theologisches Fukushima” in der menschlichen Sphäre.

 “ÜBERALL DORT, WO EIN ZENTRUM ENTSTEHT, ENTSTEHT AUCH EINE PERIPHERIE”

Der so eingeführte Individualismus führt zur Denkbarkeit einer multizentrischen und multiperipheren Welt. Dies lässt sich geradewegs in den modernen Perspektivismus fortschreiben, wie er dann ganz besonders bei Nietzsche aufgetreten ist. Nach dem deutschen Idealismus, der dem Individuum scheinbar unbegrenzte Bedeutung zugemessen hat, ist Nietzsche mit seinem Neo-Individualismus hervorgetreten. Das ist eine Perspektive, mit der heute alle Menschen konfrontiert sind, egal, wo sie auf dem Globus leben: Überall dort, wo ein Zentrum entsteht, entsteht auch eine Peripherie.

Laymert Garcia dos Santos: Wie hat sich der Weg über Indien auf Ihr Schreiben ausgewirkt? Inwiefern hat dieser Weg durch das Territorium des Anderen Ihre Art zu schreiben und zu denken beeinflusst?

Peter Sloterdijk: Was mich an Indien am meisten beeindruckt hat,war die Erfahrung, dass die Metaphysik lebt. Ich komme aus einer sehr dekantierten Kultur, einer Kultur, von der Nietzsche gesagt hat, dass das Beste, was sie noch zustande bringt, aktiver Nihilismus ist. Das bedeutet einerseits das Fehlen eines letzten Anlasses, einer Letztbegründung, ist aber verbunden mit einem möglichst dynamischen Angriff auf den Gesamtbestand alles Heiligen.
Indien ist für einen Europäer insofern ein wohltuender Schock. Weil man aus der nihilistischen Provinz in das Offene einer lebenden Metaphysik kommt, die in sich selbst so pluralistisch ist, dass man nicht den Verdacht hat, dass hier jemand eine neue katholische Unterdrückungsmaschinerie installiert hätte. Die lebende Metaphysik der Inder, so wie ich sie kennengelernt habe, hat tatsächlich eintausend Köpfe. Mit anderen Worten, man kann plötzlich großzügig denken, man kann die eigene Metaphysik wiederentdecken, man kann auch mit einer negativen Metaphysik wie die der Japaner plötzlich wie mit Kollegen reden.