Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas Denken mit Bildern

Ausstellungsansicht ZKM | Zentrum für Kunst und Medien
Ausstellungsansicht ZKM | Zentrum für Kunst und Medien | Foto ©: ONUK

1924 begann Aby Warburg mit seinem „Mnemosyne“-Bilderatlas – und stand mit dieser Methode und ihrem Nutzen für die Bildwissenschaft recht alleine da. Kaum jemand hatte bis dahin mit Fotografien gearbeitet.

Warburg heftete rund 1.000 Abzüge mit Klammern auf die mit schwarzem Stoff bespannten Tafeln. Die letzte Fassung des Mnemosyne-Atlas zählte schließlich 63 Tafeln, 170 auf 140 Zentimeter. Diese sollten so publiziert werden, dass alle Details der Abbildungen sichtbar blieben.

  • Aby Warburg, Tafel 37 des Mnemosyne Bilderatlas, historische Aufnahme der Originaltafel © Warburg Institute, London
    Aby Warburg, Tafel 37 des Mnemosyne Bilderatlas, historische Aufnahme der Originaltafel
  • Faun, eine Schlange würgend, Schule Andrea Mantegna, um 1490–1550 © Warburg Institute, London
    Faun, eine Schlange würgend, Schule Andrea Mantegna, um 1490–1550
  • Künstlertafel Linda Fregni-Nagler Foto: 8. Salon
    Künstlertafel Linda Fregni-Nagler
  • Künstlertafel Andy Hope 1930 Foto: 8. Salon
    Künstlertafel Andy Hope 1930
  • Künstlertafel Olaf Metzel Foto: 8. Salon
    Künstlertafel Olaf Metzel
  • Ausstellungsansicht ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Foto ©: ONUK
    Ausstellungsansicht ZKM | Zentrum für Kunst und Medien
  • Aby Warburg, Tafel 37 des Mnemosyne Bilderatlas, historische Aufnahme der Originaltafel © Warburg Institute, London
    Aby Warburg, Tafel 37 des Mnemosyne Bilderatlas, historische Aufnahme der Originaltafel
  • Faun, eine Schlange würgend, Schule Andrea Mantegna, um 1490–1550 © Warburg Institute, London
    Faun, eine Schlange würgend, Schule Andrea Mantegna, um 1490–1550
  • Künstlertafel Linda Fregni-Nagler Foto: 8. Salon
    Künstlertafel Linda Fregni-Nagler
  • Künstlertafel Andy Hope 1930 Foto: 8. Salon
    Künstlertafel Andy Hope 1930
  • Künstlertafel Olaf Metzel Foto: 8. Salon
    Künstlertafel Olaf Metzel
  • Ausstellungsansicht ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Foto ©: ONUK
    Ausstellungsansicht ZKM | Zentrum für Kunst und Medien

Heute sind derlei Arrangements von Bildern alltäglich. Moodboard heißen diese Tafeln und finden als reale Tafelwerke oder aber als virtuelle Sammlungen im Netz in allen möglichen Bereichen des Berufs- und Privatlebens Verwendung. Sie helfen beim Sammeln von Ideen, zum Veranschaulichen beim Präsentieren und bleiben stets flexibel.

Anlässlich des 150. Geburtstages von Aby Warburg zeigte das ZKM Karlsruhe eine vollständige Rekonstruktion seines Mnemosyne-Bilderatlas, kommentiert, aktualisiert und ergänzt durch 13 Positionen zeitgenössischer Künstler.

Gespenstergeschichten für ganze Erwachsene

„Das Reisefräulein auf dem Reklamezettel ist eine heruntergekommene Nymphe, wie der Matrose eine Viktoria ist“, notiert Warburg 1929 in sein Tagebuch zum aktuellen Fortleben von seit der Antike geläufigen Gesten und Motiven in der Gebrauchsgrafik der 1920er-Jahre. Um dieses Fortleben zu zeigen, verwendete Warburg Reproduktionen aus der Malerei, der Grafik, der Bildhauerei ebenso wie Belege aus der angewandten Kunst: Teppiche, Genealogietafeln, Fotografien oder Reklame. Er nannte seinen Bilderatlas eine „Gespenstergeschichte für ganze Erwachsene“.

In Warburgs Aufzeichnungen finden sich als mögliche Untertitel für die Publikation des umfassenden Werkes gleich mehrere Vorschläge – einer komplizierter als der andere: ein Zeichen für die Komplexität der Materie und die Schwierigkeit, sie verbal zu fassen. Die Komposition der Bilder auf den einzelnen Tafeln hingegen vermag Zusammenhänge zwischen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, schlüssig und ohne Worte zu überbrücken. Für die damals geplante Publikation, so geht aus den Aufzeichnungen ebenfalls hervor, sollten bis auf einen Einleitungstext und wenige Erklärungen, nicht viele Worte verloren werden.

Mythos „Mnemosyne“

Trotz Bemühungen des engsten Kreises von Wissenschaftlern um Waburg, kam es nach dessen Tod zu keiner Vervollständigung und Publikation des Atlas. Für die Ausstellung im ZKM lag die letzte Fassung in rekonstruierter Form vor. Auch konnte die Herkunft der einzelnen Fotografien nahezu überall identifiziert werden.
 
Seit vier Jahren beschäftigt sich die überwiegend aus Künstlern bestehende „Forschungsgruppe Mnemosyne“ mit dem Atlaswerk Warburgs. Sie trifft sich regelmäßig im Hamburger 8. Salon, einem Raum im Zentrum Hamburgs, der von Künstlern, Kuratoren, Kunsthistorikern und Autoren getragen wird, um dort „im praktischen Experiment Kunst und Theorie, Produktion und Forschung zu verbinden“. Für die Ausstellung im ZKM wurden alle 63 Tafeln in Originalgröße rekonstruiert, zwei davon mit dem originalen Abbildungsmaterial. Ihre Arbeit mit und an dem Atlas stellte die Forschungsgruppe erstmals in einem größeren Rahmen zur Diskussion. In der Präsentation blieb Warburgs Fassung unangetastet, Kommentare, Erläuterungen, Empfehlungen für die Lesbarkeit der Tafeln finden sich in einer Heftreihe mit dem Titel Baustelle. Ergänzend dazu wurden 13 Künstler und Künstlerinnen, darunter Olaf Metzel, Paul McCarthy oder Peter Weibel eingeladen, eigene Tafeln im originalen Format zu erstellen. Sie zeigen, dass Kunstwerke ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse nach ähnlichen gestalterischen Prinzipien visualisiert werden können.

Nach 100 Jahren ist das Werk unvollendet geblieben, offen für jeden, der damit weiter denken möchte. Das macht es nicht nur für die Kunstgeschichte oder Bildwissenschaft, sondern auch für Künstler interessant. Es gilt heute weniger Aby Warburgs Mnemosyne Atlas zu entschlüsseln, indem man Anleitungen zum Sehen der einzelnen Tafeln gibt. Doch man darf die Tafeln als Einladung sehen, komplexe Überlegungen über Bilder zu visualisieren.

Es mag damals an der „ehrfurchtsvollen Scheu“ seines Umfeldes gelegen haben, wie Ernst H. Gombrich in seiner Biographie über Aby Warburg bemerkt, dass das Projekt nicht zu einem Ende geführt werden konnte. Sehr individuell, fast privat mutet Aby Warburgs Zugang zu dieser umfassenden Thematik und Methode an. Und vielleicht ist es eben dieser offen dargebrachte Einblick in das Denken des Gelehrten, das noch heute fasziniert und inspiriert.
 

Abraham Moritz „Aby“ Warburg (1866–1929) entstammt einer Hamburger Bankiersfamilie. Sein Recht, als Erstgeborener die Firma zu übernehmen, gab er an seinen jüngeren Bruder unter der Voraussetzung ab, dass ihm Zeit seines Lebens jedes Buch gekauft würde, das er benötigt. Eine Forderung, die man ihm gewährte. Warburg studierte in Bonn, München, Straßburg und Florenz Kunstgeschichte und promovierte über den italienischen Renaissance-Maler und Zeichner Sandro Botticelli. Nach Reisen in die USA und einem längeren Aufenthalt in Florenz, begann Warburg 1902 in Hamburg mit dem systematischen Aufbau seiner Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (K.B.W.). Aufgrund einer psychischen Erkrankung verbrachte er mehrere Jahre in einer Schweizer Klinik. Danach begann er mit seinem letzten Projekt, dem Mnemosyne-Atlas, der durch seinen plötzlichen Tod unvollendet blieb. Aby Warburg gilt als einer der Väter der modernen Bildwissenschaft. Seine Bibliothek, die zu Warburgs Tod rund 60.000 Bände umfasste, konnte 1933 nach London übersiedelt werden und ist heute Teil der University of London.