Musik und Erfindergeist Neue Klänge, neue Welten

Ein Saxophon, tiefer als die anderen: das Tubax
Ein Saxophon, tiefer als die anderen: das Tubax | Foto: Ralf Dombrowski

Ohne Theobald Böhm klänge die Flöte anders, ohne Heinrich Band fehlte dem Tango sein Lieblingsinstrument, ohne Walter Smetak wäre die brasilianische Musik um manche Ideen ärmer. Erfindungen inspirieren bis heute, auch Interpreten wie etwa das Ensemble Modern.

Auf dem Feld der Musik sind dem Erfindergeist keine Grenzen gesetzt. Experimentelle Spieltechniken auf traditionellen Instrumenten sind da nur ein Aspekt. Ein anderer und ebenso wichtiger ist die Entwicklung neuer Instrumente und Klangerzeuger, die beispielsweise im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert enormen Schub erhielt. Den eigenen Klangvisionen nachzuspüren, oder die Klangvisionen anderer zu realisieren, erfordert viel Fantasie, Kreativität und unbändige Lust am Tüfteln und Ausprobieren. Und die Motivationen, in diesen Kosmos einzutauchen, können ganz unterschiedlicher Natur sein.

Instrumente von berückender Anmut

Ein gutes Beispiel dafür, dass der Wechsel des Kulturkreises, also Begegnungen mit anderen Landschaften, Lebensmodellen und Klängen zum Bau neuer Klangkörper anregt, ist Walter Smetak. Im Jahr 1937 wanderte der 1913 in Zürich geborene Sohn tschechischer Eltern – im Anschluss an ein Cello-Studium in Salzburg – nach Brasilien aus, und als er sich 20 Jahre später in Salvador di Bahia ansiedelte, explodierte es förmlich in ihm. Von da an schuf er seine Plasticas sonoras, seine Klangplastiken, die Auge und Ohr gleichermaßen in Bann ziehen. Sie muten wie Apparaturen aus einer Traum- und Märchenwelt der Klänge an: Metall- und Holzkonstruktionen von archaischer Ausdruckskraft, Saiteninstrumente von berückender Anmut, mit Kürbis- und Kokosschalen als Resonanzkörper und kuriose Gebilde, von Schläuchen und Drähten umgarnt.

Das Ensemble Modern aus Frankfurt, eine der führenden Formationen für die Neue Musik weltweit, hat Walter Smetak für sich entdeckt, in Salvador di Bahia dessen Instrumente erforscht und zum Klingen gebracht. Doch es geht dem Ensemble nicht nur um die Wiederbelebung dieser Klangplastiken, sondern auch um deren Versetzung in andere Kontexte, um deren kompositorische Anverwandlung durch Tonkünstler unserer Tage. Einen spannenden Einblick in diese Prozesse gewährt Re-Inventing Smetak, ein Projekt des Berliner Künstlerprogramms des DAAD und des Ensemble Modern in Kooperation mit dem Goethe-Institut, das am 23. März 2017 im Rahmen des Berliner Festivals MaerzMusik zur Aufführung kommt, mit neuen Werken von Liza Lim, Arthur Kampela, Paulo Rios Filho und Daniel Moreira.

Bandoneon, Trautonium

In den über 35 Jahren seines Bestehens steht das Ensemble Modern für klangliche Experimente und Entgrenzungen, die ein wesentliches Merkmal der zeitgenössischen Musik überhaupt sind. In Sachen Smetak forschte das Ensemble aus Frankfurt im Sommer 2016 in Brasilien, darüber hinaus aber gibt es auch in Deutschland viel zu entdecken. Deutschland ist, nicht zuletzt aufgrund funktionierender Förderstrukturen, ein Zentrum dieser Kunstform. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass in Deutschland die Innovationskraft hinsichtlich der Ausprägung ungewöhnlicher Klangerzeuger besonders groß ist. Zudem blickt man auf eine lange Tradition zurück, die auch das Bandoneon und das Trautonium umfasst. Letzteres, ein frühes elektronisches Instrument, wurde von Friedrich Trautwein konzipiert und erstmals 1930 in Berlin vorgestellt, während das Bandoneon, das heute in erster Linie mit dem Tango verknüpft ist, bereits aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt und maßgeblich auf den Krefelder Musiklehrer Heinrich Band zurückgeht.

Ob sich die Doppeltrichtertrompete, die der grandiose Trompeter Marco Blaauw Anfang des 21. Jahrhunderts „erfand“, auf breiter Front durchsetzen wird, ist noch offen. Schon jetzt bereichert sie die Klangfarbenpalette, wie Werke der renommierten Zeitgenossen Rebecca Saunders und Peter Eötvös zeigen. Das Tubax des Münchner Instrumentenbauers Benedikt Eppelsheim wiederum wird als extrem kompakt gebautes Bass-Saxofon vor allem beim Improvisieren eingesetzt. Immer wieder sind es auch die Komponisten selbst, die neue Klangerzeuger generieren – besonders jene, die auch als ihre eigenen Interpreten auftreten. So spielt der Tubist, Schlagzeuger und Komponist Stephan Froleyks in seinen Konzerten fast ausschließlich auf selbstgebauten Instrumenten, etwa auf einer „geschweiften“, mit einem skurrilen Metalltrichter verlängerten Tuba.

Bizarre Klangsphären

Auch Volker Staub flankierte seine schöpferische Arbeit von Beginn an mit der Anfertigung eigener Instrumente, die er in seinen Werken verwendet: kuriose Schlaginstrumente aus Holz, Fell, Metall, Stein und Glas, aber auch Saiteninstrumente und elektroakustische Apparaturen. „Inside-Klavier“ nennt die Performerin und Komponistin Andrea Neumann ihre Kreation – ein mit Saiten bespannter Alurahmen, auf dem sie, technische und elektronische Verfremdungen eingeschlossen, mit selbst erdachten Spieltechniken bizarre Klangsphären auslotet.

Vornehmlich digital gesteuerte Gefilde sucht Alexander Schubert auf, der in Weapon of Choice (2009) für Violine, Bewegungssensor, Live-Video und Live-Elektronik den Geigenbogen quasi zum eigenständigen Instrument umfunktionierte, indem er die Bogenbewegungen und mithin die unmittelbare Interaktion mit der Interpretin Barbara Lüneburg zum Ausgangspunkt einer raffinierten Klang- und Bildsynthese erhob. Der Klangkünstler Erwin Stache setzt dagegen auf die Kombination von analogen und digitalen Zutaten und montiert irrwitzige Klangobjekte, etwa ein „Würfelrad mit hexadualer Anzeige“. Mit betörender Originalität schlagen diese Gerätschaften auch eine Brücke zu den Klangplastiken von Walter Smetak. Symbolik verbindet sich mit Sound – am Ende geht es um die Verbindung des Einzelnen mit der schier unendlichen Welt des Klangempfindens. Für Smetak steckte etwas Göttliches in den Dingen, die er spielte und erfand. Nennt man es Neugier, treibt es die Menschen bis heute an.