Filmkuratoren Die Freude, Filme zu teilen

Claus Löser spricht im Kulturzentrum Bayerisches Haus in Odessa über Videokunst in der DDR (2015)
Claus Löser spricht im Kulturzentrum Bayerisches Haus in Odessa über Videokunst in der DDR (2015) | © Katerina Bakurova / Bayerisches Haus Odessa

Filmkuratoren wählen die Filme aus, die im Rahmen von Festivals oder Filmreihen in Kinos, Kinematheken und anderen Kulturinstitutionen gezeigt werden – ein Traumjob, aber kein Ausbildungsberuf.

Ob in Metropolen wie Berlin und Köln, am Bodensee oder in der tiefsten Provinz – fast überall in Deutschland gibt es Filmfestivals. Das Spektrum reicht von der Berlinale, einem der größten und vielfältigsten Filmfestivals weltweit, bis zu Veranstaltungen, die sich speziell um bestimmte Genres, Themen oder Ländern drehen.

Welche Filme in welcher Zusammenstellung bei Festivals laufen, entscheiden sogenannte Programmer, wie Filmkuratorinnen und Filmkuratoren in Abgrenzung zum Ausstellungskurator im Museum oft bezeichnet werden. Als Leiterin der Berlinale-Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ verantwortet Linda Söffker jedes Jahr die Auswahl von etwa zwölf deutschen Nachwuchsfilmen. „Man muss etwas aufleuchten sehen“, beschreibt die Kultur- und Theaterwissenschaftlerin, was für sie den Ausschlag gibt, sich für einen Film zu entscheiden. „Filme junger Regisseure können Fehler haben, aber es muss eine besondere Handschrift, ein Versprechen an die Zukunft erkennbar sein. Und: Alle Filme zusammen müssen als Programm funktionieren.“

„Planen lässt sich das nicht“

Linda Söffker, Leiterin Perspektive Deutsches Kino der Berlinale Linda Söffker, Leiterin Perspektive Deutsches Kino der Berlinale | © Internationale Filmfestspiele Berlin Diesen Blick für neue Tendenzen und Talente hat Söffker sich im Lauf der Zeit erarbeitet. Eine Ausbildung oder ein Studium für ihren Beruf existiert nicht, obwohl es die Tätigkeit bereits seit über 80 Jahren gibt. Spätestens seit in Venedig 1932 das erste Filmfestival gegründet wurde, war der Beruf des Programmgestalters mit künstlerischem Anspruch geboren. Heute werden zwar Aufbaustudiengänge angeboten, die sich mit der Praxis des Kuratierens beschäftigen – allerdings ausschließlich für den Bereich Bildende Kunst.

So erfolgte Linda Söffkers Spezialisierung eher zufällig. An der Universität traf sie auf Dozenten, die sich mit Film beschäftigten, und wurde neugierig. Aus einem Praktikum im Berliner Zeughauskino, das sich filmhistorischen Werken und Raritäten widmet, wurde ein Studentenjob, dann eine Stelle als wissenschaftliche und kuratorische Mitarbeiterin. Als das Zeughauskino 1999 wegen mehrjähriger Renovierung schloss, wechselte sie in die Programmorganisation der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Dort blieb ihr besonderes Interesse am deutschen Film nicht unbemerkt. Als Direktor Dieter Kosslick im Jahr 2002 die „Perspektive Deutsches Kino“ ins Leben rief, war sie als enge Mitarbeiterin des damaligen Kurators Alfred Holighaus mit dabei. Die Leitung wurde ihr 2010 übertragen. „Ein Traumberuf“, sagt sie. „Aber planen lässt sich das nicht.“

Teamwork und Multitasking

Birgit Glombitza, künstlerische Leiterin Internationales Kurz Film Festival Hamburg (IKFF) Birgit Glombitza, künstlerische Leiterin Internationales Kurz Film Festival Hamburg (IKFF) | © Xenia Catrinel Zarafu Wie die meisten Kuratoren fand auch Birgit Glombitza über den Quereinstieg in den Beruf, als sie 2010 die künstlerische Leitung des Internationalen KurzFilmFestivals (IKFF) Hamburg übernahm. Während des Studiums hatte sie begonnen, als Filmjournalistin zu arbeiten. Sie profilierte sich als Kulturredakteurin und freie Autorin, bevor sie mit einem Kollegen erstmals eine Filmreihe zum zeitgenössischen deutschen Film kuratierte. Als die Stelle beim KurzFilmFestival ausgeschrieben war, hatte sie Lust, die einsame Autorentätigkeit gegen Teamwork auszutauschen, und bewarb sich.

Seither kann Glombitza vom Kuratieren leben und ihr Arbeitsalltag ist alles andere als einsam. In der ersten Phase der Festivalvorbereitung, die ungefähr ein halbes Jahr dauert, recherchieren sie und ihre Mitarbeiter, reisen zu anderen Festivals und pflegen Kontakte zu Filmhochschulen, Weltvertrieben und Archiven. Für die Filmauswahl zieht sich Glombitza zwei Wochen lang mit den Auswahlkomitees der verschiedenen Wettbewerbe des Festivals aufs Land zurück, wo intensiv gesichtet und diskutiert wird. Dann erfolgen, wieder im Team, die Einladungen, Absagen und die dramaturgische Planung der Projektionen. Hier müssen unterschiedliche Abspielformate ebenso berücksichtigt werden wie gewollte oder ungewollte Wirkungen aufs Publikum. „Gerade in einem Kurzfilmprogramm ist es wichtig, Querverbindungen zwischen den Filmen und Nebeneffekte zu bedenken“, erklärt Glombitza. „Es gibt Filme, auf die besser ein stiller Film oder ein Schwarzbild folgt. Oder Filme, nach denen nichts kommen kann, weil sie so kraftvoll sind.“ Während des Festivals empfängt Glombitza die eingeladenen Filmemacher, Förderer, die Presse oder andere Akteure aus der Kurzfilmwelt und repräsentiert bei allen wichtigen Programmpunkten das IKFF. Vor allem zum Festivalende ist das Arbeitspensum sehr hoch, dafür hat sie im Sommer zwei bis drei Monate Pause.

Beruf und Berufung

Neben Fachwissen zu Film und Filmtechnik seien im Festivalbetrieb vor allem Teamfähigkeit und Organisationstalent wichtig, betonen Glombitza und Söffker. Für freiberufliche Kuratoren sei dies nicht anders, sagt Claus Löser, der vorwiegend Reihen zu historischen Filmen zusammenstellt. Für das Filmfest Dresden organisierte er 2012 etwa eine Retrospektive zum osteuropäischen Kurzfilm und für die Kulturstiftung des Bundes und die Deutsche Kinemathek kuratierte er das Programm Winter Adé – Filmische Vorboten der Wende, das 2009 bei der Berlinale  Premiere feierte. „Recherche in Archiven, die Rechteklärung, technische Fragen, verfügbare Sprachfassungen“, zählt Löser seine Aufgabengebiete auf. „Das ist knallharte Kulturmanagementarbeit.“

Als Programmleiter des Berliner Arthouse-Kinos in der Brotfabrik, Filmjournalist und promovierter Experte für Underground- und Experimentalfilme in der DDR hat Löser einen „Patchwork-Job“. Obwohl er mit seinem Spezialgebiet, „Filme, die unter totalitären Bedingungen entstanden“ sind, seine Nische gefunden hat, und von Dresden über Odessa bis Tokio Filme präsentiert, könne er vom Kuratieren alleine nicht leben. Erste Berufserfahrungen zu sammeln, sei hingegen vergleichsweise einfach: „Als Gestalter eines täglichen Kinoprogramms bin ich froh, wenn mich junge Leute mit guten Ideen ansprechen.“ Auch Festivals sind in der Regel offen für Praktikanten und freiwillige Helfer. Der Impuls, die eigene Entdeckerlust auszuleben, so Löser, und besondere Funde und Gedanken mit anderen zu teilen, gehe dem Beruf voraus. Die Tätigkeit als Filmkurator hat wohl auch etwas mit Berufung zu tun.
 
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