Politische Poesie Der Vereinfachung widerstehen

Der wirkungsmächtigste politische Poet in Deutschland: Denkmal für Bertolt Brecht in Berlin
Der wirkungsmächtigste politische Poet in Deutschland: Denkmal für Bertolt Brecht in Berlin | Foto (Auschnitt): Bertolt Brecht, Skulptur von Fritz Cremer; dusdin CC BY 2.0

Politische Lyrik kann Seismograf für die Verwerfungen der Geschichte sein oder nur peinliche Gesinnungsästhetik. Einblicke in die politische deutsche Poesie.

„Poesie ist durch ihr bloßes Dasein subversiv.“ Der Glaube an die oppositionelle Widerstandsenergie des Gedichts, wie ihn Hans Magnus Enzensberger noch 1962 formuliert hat, ist im 20. Jahrhundert stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Ist die moderne Lyrik wirklich der denkbar größte Gegensatz zur Macht, wie ihre Befürworter hoffen? 
 
Auf die politische Skepsis der deutschen Dichter war jedenfalls 1914, im Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, kein Verlass. „Kunst? Das ist nun alles aus und lächerlich geworden. (...) Der Krieg ist das Einzige, was mich noch reizt.“ Hugo Ball, der Begründer des Dadaismus, verkündete im August 1914 den Ausstieg aus allen künstlerischen Ambitionen und das Eintauchen in den kollektiven Rausch der Kriegsbegeisterung. Und tatsächlich waren nicht nur die nationalistischen Politiker Europas, sondern auch die Dichter im August 1914 vom großen bellizistischen Fieber erfasst. Nach einer Schätzung des Schriftstellers Julius Bab wurden in Deutschland im Verlauf des ersten Kriegsmonats 1914 an die 50.000 Kriegsgedichte pro Tag verfasst. Meistens handelte es sich um Werke mit großem Pathos-Anteil, die den Tod fürs Vaterland verherrlichten.

Grauen und Faszination des Kriegs

Gegen diese chauvinistische Dichtung stemmten sich zunächst nur wenige Autoren. Es waren etwa Expressionisten wie Alfred Lichtenstein, Franz Richard Behrens, August Stramm oder Georg Trakl, die sich gegen die blinde Kriegsbegeisterung auflehnten. August Stramm (1874–1915), von Beruf Postbeamter, geriet durch die Fronterfahrung in schlimmste Nervenkrisen. Der seelischen Belastung zum Trotz rang er sich immer häufiger Gedichte zum Kriegsgeschehen ab, in denen sich Grauen und Faszination vermischen. Stramm ist ein Repräsentant der sogenannten „Wortkunst“, die den Einzelvers auf nahezu atemlos vorgetragene Substantive oder substantivierte Verben verkürzt. So beispielsweise im Gedicht Sturmangriff: „Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen / kreisch / peitscht / das Leben / vor / sich / her / den keuchen Tod / die Himmel fetzen / blinde schlächtert wildum das Entsetzen“. Am 1. September 1915 starb Stramm an einem Frontabschnitt in Weißrussland.
 
Als ironisch unterkühltes Kontrastprogramm zur pathetisch aufgewühlten Dichtung Stramms liest sich die lapidare Poesie des Berliner Dichters Alfred Lichtenstein (1887–1914). Dem Pathos im Breitwand-Format zog Lichtenstein eine dezent-groteske Poesie vor, die alle Welt-Elemente als lächerliche Kippfiguren erscheinen lässt. Selbst die Ankündigung des eigenen Todes wird in Abschied in einem leisen Gestus der Selbstzurücknahme beschrieben: „Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht. / Still, Kameraden, stört mich nicht.“ Wenige Wochen nach Abfassen seines Gedichts, am 25. September 1914, starb Lichtenstein in der Nähe von Reims an der Westfront.   

Vom Widerspruch zwischen Poesie und Macht

Die substanzielle politische Poesie, die diesen Namen verdient, erwies sich auch nach Kriegsende 1918 als Seismograf für die Katastrophen und Verwerfungen der Geschichte. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 schrieb Karl Kraus im selben Jahr hellseherisch: „Und Stille gibt es, da die Erde krachte.“ Paul Celans epochale Todesfuge widerlegte nach 1945 die Vermutung des Philosophen Theodor Adorno, dass nach Auschwitz keine gültigen Gedichte geschrieben werden könnten. In der DDR waren es Bertolt Brecht (1898–1956), der wirkungsmächtigste politische Poet in Deutschland, und seine kritischen Adepten Volker Braun, Wolf Biermann oder Karl Mickel, die sich als demokratische Sozialisten im SED-Staat positionierten, ohne die grundsätzliche Loyalität gegenüber ihrem Land aufzukündigen.
 
Der Widerspruch zwischen Poesie und Macht blieb in der gültigen politischer Lyrik der Bundesrepublik wie der DDR unaufhebbar. Davon zeugt etwa die Lyrik Adolf Endlers (1935–2009), der sich als schelmischer Anarchist präsentierte und die realsozialistische Identität der DDR ebenso ironisch aushebelte wie den neuen gesamtdeutschen Kitsch. In Santiago thematisiert er in schockierender Nüchternheit den Terror der chilenischen Diktatur unter Augusto Pinochet. Nicht minder schockierend liest sich seine bereits 1957 verfasste Postkarte an M.S. in Dinslaken, in dem er sarkastisch die Durchschnittsdeutschen als willige Vollstrecker des mörderischen Nazi-Regimes darstellt.

Entfremdungsprozesse im Gedicht

In der Zeit der Politisierung um 1968 tendierte die deutsche politische Lyrik mitunter zur peinlichen Gesinnungsästhetik. Als dann 1989 die Mauer fiel, entstand das wohl berühmteste Gedicht über die deutsche Wiedervereinigung – Volker Brauns Das Eigentum, geschrieben aus der Perspektive eines verschmähten Liebhabers. Das poetische Gegenstück zu Brauns grimmiger Melancholie lieferte Rondeau Allemagne von Barbara Köhler (Jahrgang 1958). Hier geht es um das Gefühl des Landlos-Werdens, das in der Endphase der DDR viele jüngere Dichter befiel. In der strengen Struktur des Rondos wird dieser Entfremdungsprozess durchgespielt: „Ich harre aus im Land und geh, ihm fremd, / Mit einer Liebe, die mich über Grenzen treibt, / Zwischen den Himmeln. Sehe jeder, wo er bleibt; / Ich harre aus im Land und geh ihm fremd.“
 
Dass sich Gesinnungsästhetik und gute Dichtung gegenseitig ausschließen, zeigte zuletzt die Lyrik von Günter Grass (1927–2015). Er erfand 2012 einen sehr problematischen Typus des interventionistischen Geschichtsgedichts, als er eine grobschlächtige Polemik gegen die „Atommacht Israel“ in Was gesagt werden muss als „Gedicht“ deklarierte. Politische Lyrik – sie kann nur bestehen, wo sie der Versuchung zur plakativen Vereinfachung nicht nachgibt, sondern die politischen Stereotype aushebelt.