Gastspiel Regisseurin Susanne Kennedy im Gespräch

Szene aus „Warum läuft Herr R. Amok?“
Foto: Ju Ostkreuz

Die Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok“ der Münchner Kammerspiele wird im März 2017 im Rahmen des Theaterfestivals MITsp in São Paulo gezeigt.

Frau Kennedy, Ihre Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok“ wird in São Paulo aufgeführt. Sehen Sie Bezüge des Stücks zu Brasilien, zur brasilianischen Gesellschaft?
 
Die Frage kann ich so gar nicht beantworten. Ich war nie in Brasilien und kenne die Situation nur aus den Nachrichten. Es ist aber ein großes Abenteuer, die Arbeit in Brasilien zu zeigen und zu sehen, wie die Zuschauer darauf reagieren und ob sie überhaupt etwas damit anfangen können. Ich hoffe, dass wir über die Inszenierung ins Gespräch kommen und ich dabei etwas über Brasilien lerne.
 
Susanne Kennedy Foto: Susanne Kennedy Die Inszenierung basiert auf dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Film und Theater? Wo sind Verbindungen, wo grenzen sich beide voneinander ab?
 
Theater ist ein sehr starkes Ritual. Die Schauspieler auf der Bühne sind wie die Hauptfigur aus Andrei Tarkowskis Film Stalker – sie führen uns in ein Gebiet, in dem wir mit uns selber konfrontiert werden. Das ist die Kraft des Theaters, auf die wir uns wieder besinnen müssen. Ich bin da stark von dem französischen Schauspieler, Regisseur und Dramaturg Antonin Artaud beeinflusst.
 
Gleichzeitig glaube ich, dass das Theater viel von den anderen Künsten lernen kann, besonders vom Film. Eigentlich versuche ich immer, das Gefühl eines Films auf der Bühne herzustellen, eine Art von Sog oder atmosphärischer Erfahrung. Denn es geht ja nicht nur um Inhalte, die verhandelt oder erzählt werden, sondern um eine Erfahrung, ein Erlebnis. 
 
Warum haben Sie sich für eine Adaption gerade dieses Films entschieden, was hat Sie an dem Thema interessiert?
 
Für mich ist das Besondere an dem Film, das eigentlich nur Alltagsszenen gezeigt werden. Es gibt keinen Konflikt und kein Drama.  Die Menschen reden so, wie wir alle tagtäglich reden, in halben Sätzen, über nichts im Besonderen. Es wird gelabert oder geschwiegen. Man bekommt die Möglichkeit, auf das Alltägliche zu schauen. Ich habe mir sogar überlegt, den Mord am Ende wegzulassen. Er färbt alles ein, jede Alltagshandlung, die vorher stattgefunden hat. Mich hat vielmehr das ganz Profane fasziniert: Wie läuft man durch eine Tür? Wie trinkt man ein Glas Bier? Wie sagt man einen Satz? Wie sitzt man im Büro? Wie lebt man?
 


 
Was bedeutet es, eine Inszenierung auf einem anderen Kontinent zu zeigen? Gibt es aus ihrer Sicht Szenen, die leichter international verständlich sind als andere? Wo ist der Zugang möglicherweise schwierig, wo weniger – haben Sie da Erwartungen?
 
Ich gehe da ganz offen rein und freue mich nur auf die Begegnung. Ich habe keinerlei Erwartungen. Aus Erfahrung weiß ich, dass Dinge oft doch ganz anders gesehen werden, als man sich das vorher ausgemalt hat. Das fängt schon im eigenen Land, bei den eigenen Freunden an.