Néle Azevedo: Kunst und öffentlicher Raum

Eisskulptur, São Paulo
Eisskulptur, São Paulo | Foto: Acervo Néle Azevedo.

Weltweit haben bereits mehrere Städte – unter anderem Tokio, Havanna, Paris, Berlin, Santiago de Chile und Belfast – das „Monumento Mínimo" der brasilianischen Künstlerin Néle Azevedo gezeigt. Als einzige Brasilianerin unter den vierzig vertretenen Künstlern nahm Azevedo auch an der seit 2010 laufenden Ausstellung ZNE – „Zur Nachahmung empfohlen!" – teil. Nachdem sie in verschiedenen Städten gastiert hat, kommt die ZNE nun nach São Paulo, wo sie zusammen mit Werken anderer brasilianischer Künstler im Memorial da América Latina zu sehen ist.

Weltweit haben bereits mehrere Städte – unter anderem Tokio, Havanna, Paris, Berlin, Santiago de Chile und Belfast – das „Monumento Mínimo" der brasilianischen Künstlerin Néle Azevedo gezeigt. Als einzige Brasilianerin unter den vierzig vertretenen Künstlern nahm Azevedo auch an der seit 2010 laufenden Ausstellung ZNE – „Zur Nachahmung empfohlen!" – teil. Nachdem sie in verschiedenen Städten gastiert hat, kommt die ZNE nun nach São Paulo, wo sie zusammen mit Werken anderer brasilianischer Künstler im Memorial da América Latina zu sehen ist.Im Interview spricht Néle Azevedo über die ursprüngliche Idee ihres Monumento, erinnert sich an die Reaktionen, die das Werk an seinen Ausstellungsorten hervorrief und denkt über die verschiedenen Auslegungen nach, die ihre Arbeit in den letzten Jahren erfahren hat.

Sie sind Urheberin einer Installation, die weltweit ein großes Echo hervorgerufen hat. Wie kam sie zustande?

Das Schlüsselerlebnis kam für mich während des Aufbaus einer Einzelausstellung in der Kapelle von Morumbi in São Paulo im Jahr 1999. Ich hatte in der Kapelle eine Gruppe von Eisenfiguren mit langen, schlanken Körpern ausgestellt. An den Gittern an der Außenseite der Kapelle hatte ich zwei kleine weibliche Skulpturen von etwa 20 cm Länge so angebracht, dass sie auf die Straße zu blicken schienen. Da wurde mir der Kontrast zwischen der Dimension der Skulpturen und der Dimension der Stadt bewusst. Ich fing daraufhin an, mich mit der Beziehung von Denkmal und öffentlichem Raum auseinanderzusetzen.

Wie sind Sie dann weiter verfahren? Was trieb Sie an?

Ich fand in den Denkmälern eine Synthese dessen, was mich beunruhigte: eine Art Huldigung der Geschichte, die mit dem Normalbürger nichts zu tun hat. Ich wollte eine Verbindung zwischen privater und öffentlicher Sphäre, zwischen subjektivem Ich und der Stadt versuchen. Das Monumento Mínimo sollte in diesem Sinne ein Anti-Denkmal sein, welches die Charakteristika offizieller Monumente subvertiert. Anstelle einer grandiosen Inszenierung von Macht gab ich dem Kleinen, Unbemerkten den Vorzug. Anstelle einer Ehrung der Helden der offiziellen Geschichte wollte ich eine Hommage des unbekannten Betrachters, der am Denkmal vorbeigeht. Ich wollte eine Würdigung des wahren Lebens, des Tragischen, Heroischen, das jede menschliche Existenz in sich birgt. Anstelle von beständigem Material wählte ich Skulpturen aus Eis, die innerhalb von etwa dreißig Minuten schmelzen. Sie halten die Erinnerung nicht fest, und noch weniger trennen sie das Leben vom Tod. Sie sind Flüssigkeit, Bewegung, und sie holen so das zurück, was die eigentliche Funktion des Denkmals ist: Daran zu erinnern, dass wir sterblich sind.[Eisskulptur, Gendarmenmarkt, Berlin. Foto: Silvina Der-Meguerditchia.]
Eisskulptur, Gendarmenmarkt, Berlin. Foto: Silvina Der-Meguerditchia.

Wann und wo haben Sie das Monumento Mínimo zum ersten Mal gezeigt?

Wie waren die Reaktionen?Bevor ich das Projekt zum ersten Mal ausstellte, habe ich mir verschiedene Städte angeschaut – Campinas, São Paulo, Brasília, Salvador und Curitiba. Außerhalb Brasiliens war ich in Havanna, Mexiko Stadt, Tokio und Kyoto. Ich las über die Geschichte der Städte, ihre historischen und architektonischen Besonderheiten und ging zu den Orten, die Knotenpunkte des öffentlichen Lebens sind. Die Skulpturen hatte ich in einer Kühltasche immer bei mir. Ich stellte sie nacheinander an den vorher ausgewählten Stellen auf und fotografierte sie. Einige Passanten blieben stehen und schauten zu. Manche von ihnen waren sichtlich bewegt. Ihre Reaktionen habe nur ich gesehen. Es waren kleine Aktionen, völlig anonym und absolut einzigartig. Die erste große Aktion fand mit der Unterstützung des SESC Carmo am 7. April 2005 statt. Etwa 300 Eisskulpturen standen auf den Treppen am Eingang zur Metrostation Sé, dem Nullpunkt der Stadt São Paulo, mittags um zwölf, bei 30 Grad im Schatten. Ein Ereignis, das seinesgleichen sucht! Was ich in anderen Städten erlebt hatte, bekam hier eine Dimension, die sowohl in Hinblick auf die Wirkung der Skulpturen als auch in Bezug auf die Reaktion des Publikums unerreicht war: Eine wahre Menschenmasse wollte an der Intervention teilhaben. Die Medien begleiteten das Ereignis; zahlreiche TV-Sender berichteten live vom Ort des Geschehens.
 

  • Eissulptur, Gendarmenmarkt, Berlin. Foto: Silvina Der-Meguerditchia.
    Eissulptur, Gendarmenmarkt, Berlin.
  • Eisskulptur,  Gendarmenmarkt, Berlin. Foto: Silvina Der-Meguerditchia.
    Eisskulptur, Gendarmenmarkt, Berlin.
  • Eisskulpturen, Florenz, Italien. Foto: Acervo Néle Azevedo
    Eisskulpturen, Florenz, Italien.
  • Eisskulptur, São Paulo Foto: Acervo Néle Azevedo.
    Eisskulptur, São Paulo


Wenn man sich die hunderten von Skulpturen aus Eis anschaut, stellt sich unweigerlich die Frage nach der Mühe, die ihre Herstellung kostet. Wie schaffen Sie das?

Nun, das ist ein recht anstrengender Prozess. Mein Assistent und ich arbeiten stets mit einem Produktionsteam vor Ort zusammen. Die Herstellung der Eisskulpturen ist tatsächlich ein Kraftakt, der aber auch, aufgrund der Wiederholung der Handgriffe sowie der Vorsicht und Behutsamkeit, die das Material erfordert, eine meditative Komponente hat. Es ist ein repetitives Arbeiten und auch Arbeit in Serie: Wir stellen an die hundert Skulpturen täglich her. Das geschieht in Handarbeit; vom Umfang her arbeiten wir allerdings fast wie in der industriellen Serienproduktion. In jeder Stadt, in der ausgestellt wird, sind wir für 10 bis 15 Tage beschäftigt, in Abhängigkeit von der Anzahl der Skulpturen, die in dem ausgewählten Raum Platz finden. Je mehr Miniskulpturen, desto wirkungsvoller.

Sie haben die Installation zweimal in Deutschland gezeigt. Wie war das für Sie?

Im Juni 2006 habe ich zusammen mit anderen brasilianischen und deutschen Künstlern in Braunschweig ausgestellt, eine wunderbare Zusammenarbeit. Meine Aktion fand auf dem Burgplatz statt, der noch aus dem Mittelalter stammt und auf dem die älteste Skulptur Nordeuropas zu sehen ist. Die Anteilnahme des Publikums war immens. Die emotionalen Reaktionen der Menschen ließen mich über die Ursprünge der Romantik nachdenken, die ja unleugbar vor allem in Deutschland zu finden sind. Im September 2009 brachte ich das Monumento Mínimo nach Berlin. Hier war es Teil einer Reihe von Aktionen, die der deutsche WWF konzipiert hatte, um auf die Konsequenzen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Hier wurde meine Arbeit zum ersten Mal mit der Umweltfrage verknüpft. Da zur gleichen Zeit in Genf die 3. Weltklimakonferenz stattfand, war das Medienecho in Berlin beachtlich. Nachrichtenagenturen aus zahlreichen Ländern waren auf dem Gendarmenmarkt vertreten. Beeindruckt von der Interaktion von Kunst und Publikum und der Metapher des ‚Schmelzens‘, zeichneten Fernsehsender das Geschehen auf. Die Ausstrahlung machte die Aktion rund um den Globus bekannt.

Was halten Sie von der Interpretation Ihres Werkes unter einem ökologischen Gesichtspunkt, einem Aspekt also, der von der ursprünglichen Intention Ihrer Arbeit weit entfernt liegt?

Einerseits ist es ein Glück, wenn ein Kunstwerk von Teilen der Gesellschaft als eine Aktion begriffen wird und eine unmittelbare Wirkung erzielt. Andererseits wuchs meine Sorge, wie ich mein Werk in einer Stadt zeigen könnte, ohne dass es zu einer Chiffre klimapolitischer Fragen würde. Das heißt: Wie das Werk zeigen, ohne dass Kunst und Künstler „verschluckt“ werden? Natürlich schreibt mein Kunstwerk keine Lesart vor – ich habe das Monumento Mínimo entworfen, um eine andere Form des Denkmals ins Gespräch zu bringen, eine Art Antimonument, welches die Geschichte der Besiegten, der Unbekannten in sich aufnimmt und unsere Bedingtheit als sterbliche Wesen deutlich macht. Ich dachte auch an die Frage der Nutzung des öffentlichen Raums. Das Werk traf jedoch auf eine andere Frage, die des Umweltschutzes, welche in den letzten fünf Jahren immer präsenter geworden ist, und wird seitdem als Warnung vor den Gefahren der globalen Erwärmung und dem Verschwinden der Menschheit als deren letzte Konsequenz gesehen. Der Bezug zu diesem Thema ist offensichtlich. Andere Interpretationsansätze kommen auch vor, inklusive der, der die eigentliche Funktion des Denkmals – das Gedenken der Toten – mitdenkt. Dies war beispielsweise der Fall 2012 in Belfast, als ich einer Einladung folgte, meine Installation auf den Treppen des Custom House aufzubauen, wo an den tragischen Unfall der Titanic erinnert wurde. Diese Pluralität und Offenheit der Lesarten meiner Kunst machen mich glücklich: ein flüssiges Denkmal in dynamischen Zeiten …

Was planen Sie für die aktuelle Ausstellung im Memorial da América Latina?

Für das Memorial werde ich eine besondere Aktion auf den Treppen am Eingang machen. Es werden 400 Eisskulpturen und eine Skulptur zu sehen sein, die mit meinem Blut gemacht ist. Mein Körper ist Teil der Geschichte, er ist Teil der Geschichte Amerikas, des Verschwindens der indigenen Völker und der aktuellen Probleme unserer Gesellschaft. Die Skulptur aus Blut soll den rituellen, sakrifiziellen und zugleich epiphanischen Charakter des Monumento Mínimo unterstreichen.

Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit
21.02.13 bis 07.04.2013
Fundação Memorial da América Latina
Av. Auro Soares de Moura Andrade, 664
Barra Funda, São Paulo