Medien und Demokratie Bürgergespräche

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Angesichts der tiefen politischen Krise, die Brasilien in den letzten Monaten erschüttert und seine noch junge Demokratie in Gefahr bringt, muss dringend darüber nachgedacht werden, welche Rolle die Medien in diesem Machtspiel einnehmen.

Historisch gesehen sind die Medien ein fundamentaler Bestandteil demokratischer Prozesse. Die Freiheit der Presse und der Rede sowie eine breite und pluralistische Debatte sind grundlegende Achsen der heutigen Demokratien. In Brasilien (und nicht nur dort) trägt derzeit die massenhafte Verbreitung von Fake News, entweder von großen Organisationen oder von Individuen über soziale Medien in die Welt gesetzt, zur Meinungsbildung des Normalbürgers bei. Die Presse befindet sich, selbst wenn sie sich selbst als neutral bezeichnet, in einem Zustand der Polarisierung. Es tobt ein Krieg der Informationen. Mehrere Informationskriege, um genau zu sein. Angesichts dessen stellt sich die Frage, wie sich die Medien in diesem Land demokratisieren lassen und sich innerhalb der über die Medien verbreiteten Diskurse ein Pluralismus der Stimmen gewährleisten lässt. Lesen Sie hier drei Reflexionen dazu von Teilnehmern einer Diskussion über Medien und Demokratie am Goethe-Institut Porto Alegre: Thomas Fischermann, Journalist und Südamerika-Korrespondent der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, Cristina Charão, Journalistin des Senders TVE/Fundação Piratini, sowie der Filmemacher Jorge Furtado.

Ständiges Misstrauen und mehrfaches Überprüfen

Thomas Fischermann Foto: Privatarchiv „Wir leben in einem Zeitalter von ‚Fake News‘: Einen Verlust von Respekt, bei vielen Medienkonsumenten und Medienmachern, vor Fakten, folgerichtigen Zusammenhängen und einordnenden Rahmen für ein besseres Verständnis. Das ist keine Mode, es ist eine Frage von Macht. In Deutschland kommt ‚Fake News‘ von neuen Akteuren in der Medienlandschaft, die mal von inländischen und ausländischen politischen Interessengruppen gesteuert sind und mal von PR-Firmen und Wirtschaftsverbänden. In Brasilien kommt ‚Fake News‘ bisweilen von den größten und scheinbar seriösesten journalistischen Institutionen des Landes. In diesem Umfeld müssen Journalisten sich behaupten, sie müssen dies als Kampfansage an den Kern unseres Berufes verstehen. Wir müssen mehr ‚Real News‘ als je zuvor produzieren und uns auf gewissen Kerntugenden besinnen: das ständige Misstrauen, das mehrfache Überprüfen jeder Information, der Schutz von Informanten, aber auch ihre gnadenlose Durchleuchtung. Das ist ein erster Schritt. Der zweite Schritt ist eine noch größere Aufgabe, denn sie erfordert Innovation. Journalisten müssen - gemeinsam mit Verlegern, Medienhäusern, Internetfirmen - daran arbeiten, dass guter Journalismus vom überfluteten Publikum auch heute noch verstanden wird, dass seine Qualität gesehen und wertgeschätzt bleibt“.

Thomas Fischermann, Korrespondent der deutschen Wochzenzeitung „Die Zeit“

Über Schlagzeilen und Dringlichkeit

Cristina Charão Foto: Fábio Mariot. „Die vielfältigen, engen Verflechtungen zwischen Medien, der Macht und den Bedrohungen der Demokratie sind erschreckend in ihrer Komplexität. In der heutigen Situation lässt sich zum Beispiel gut in den Schlagzeilen der Zeitungen, den Nachrichtensendungen, in sozialen Netzwerken und Blogs all der Prä- und Post-Wahrheiten verfolgen, welch ein Krieg zwischen Experten im Dienst zweier Giganten der Kommunikation mit brasilienweiter Ausstrahlung tobt, in dem es vor allem darum geht, ob das, was ein krimineller Zeuge und der Präsident sagen, manipuliert wurde oder nicht, um diesem Noch-Präsident die Verteidigung gegenüber den Anschuldigungen gegen ihn zu ermöglichen oder nicht. Und jener Präsident jammert über die ‚Einfachheit‘, mit der man im Land eine Rundfunkkonzession erlangen könne, als hätten wir genau dies nicht zuvor stets moniert und als hätte genau dies nichts zu tun mit der Perpetuierung des politischen Projekts des brasilianischen „Herrenhauses“, das er selbst als Noch-Präsident repräsentiert. Die Angestellten der stattliche Rundfunkanstalt Empresa Brasil de Comunicação klagen über eine unglaubliche Zunahme der Zensur bei den staatlichen Fernseh- und Radiosendern, deren Struktur bereits am ersten Tag nach dem Staatsstreich zerschlagen wurde. All dies in eine mögliche Erklärung zu fassen ist eine dringende Aufgabe. Jetzt, in diesem Moment, in dem die Geschichte sich in noch offensichtlicheren Schlagzeilen entblößt, wird die Dringlichkeit nur noch größer. Das macht Diskussionsräume so wichtig“.

Cristina Charão, Journalistin bei TVE/Fundação Piratini

„Wir erleben eine Revolution der Informationsindustrie“

Jorge Furtado Foto: Privatarchiv. „Kommunikationsmittel sind der Kern des demokratischen Prozesses. Das Verständnis der Realität und damit der Ausgangspunkt für deren Veränderung hängen von Kommunikationsmitteln ab. In einem Land von der Größe Brasiliens ist diese Abhängigkeit absolut. Von daher müssen wir vor einem Gespräch definieren: Was genau ist die brasilianische Medienlandschaft? Schließt sie die Abendnachrichten des TV Globo ebenso ein wie die Informationswebsite GGN? Estado de São Paulo ebenso wie Sul21? Sind Folha de São Paulo, Agência Pública, Nexo, Veja, El País, BBC Brasil, Zero Hora, Carta Capital, Midia Ninja, Polarquia, Intercept, Isto É, Bandeirantes, Época, 247 brasilianische Medien? Gehören meine Facebook-Seite und mein Blog zu den brasilianischen Medien? Oder meinen wir, wenn wir von Medien sprechen, nur das halbe Dutzend großer Konzerne im Land, die 80% des Nachrichtenmarkts dominieren?

Tatsächlich ist die Freiheit der Information genau das, was Brasilien nach dem parlamentarischen Putsch heute noch von einer Diktatur trennt. Die sozialen Netzwerke sind die große Neuigkeit im Journalismus. Es gibt keine Geheimnisse mehr, fast alle haben in ihrer Tasche ein Mikrofon, eine Kamera eine live-Fernsehstation, ein Radio, eine Layoutanstalt und einen direkten Kommunikationskanal in die Welt. Es geht darum, wie Henry David Thoreau sehr gut formulierte: „Zur Wahrheit gehören immer zwei – einer, der sie sagt, und einer, der sie versteht“. Wer spricht und zu wem und zu wie vielen, das sind die zentralen Fragen der sozialen Netzwerke. So wie die Frage nach ihrer Finanzierung die der alternativen Medien ist.

Wie lassen sich die Kommunikationsmedien in Brasilien demokratisieren? Ich bin strikt gegen jede Form des Verbots oder jedweder Zensur, sei sie staatlich, wirtschaftlich, politisch oder religiös. Ich bin absolut dafür, die Verbreitungswege für Information zu erweitern. Und es müssen die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen dafür geschaffen  werden. Ich misstraue Kommissionen zur Gängelung von Kommunikationskanälen, setze mich aber ein für die gesellschaftliche Kontrolle der Inhalte, indem beispielsweise Zeitfenster für offene Fernseh- und Radioprogramme geschaffen werden. Wir erleben derzeit eine Revolution in der Informationsindustrie, und es ist schwer, eine Revolution zu verstehen, während sie noch im Gange ist“.

Jorge Furtado, Filmemacher



 
Diskussionsreihe Bürgergespräche
Thema: “Medien, Macht und Bedrohungen der Demokratie.”
Teilnehmer: Thomas Fischermann, Journalist, Politikwissenschaftler und Südamerikakorrespondent für die deutsche Wochenzeitung Die Zeit, Cristina Charão, Journalistin der Kulturstiftung Fundação Piratini - TVE/Rádio FM Cultura und Doktorandin in Sprachwissenschaften an der Bundesuniversität Rio Grande do Sul UFRGS, sowie der Filmemacher Jorge Furtado.
Datum: 30. Mai 2017
Uhrzeit: 19:30, Einlasskartenausgabe ab 18:45
Ort: Auditorium des Goethe-Instituts (rua 24 de Outubro, 112, Porto Alegre)
Organisation: Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit Sul21
Eintritt frei