re:publica 2017 Diversität mit lauter Stimme

re:publica 2017: Teil der Community des Global Innovation Gathering
re:publica 2017: Teil der Community des Global Innovation Gathering

Technologiekonferenz in Berlin wählt die Liebe zum Thema, um über Überwachung, Fake News, Hassrede im Netz, freies Internet, Medien und Politik zu diskutieren.

Unter dem Motto Love Out Lout (in etwa: Liebe laut heraus) ging die re:publica, eines der größten Technologie-Events in Europa, in ihrer diesjährigen 11. Ausgabe ohne große internationale Namen über die Bühne. Eine Ausnahme war sicherlich die Anwesenheit des russischen Schachmeisters und Politikaktivisten Garri Kasparow. Die re:publica entstand ursprünglich als eine Zusammenkunft von Bloggern und insofern als eine Art Community-Treffen. Doch das war 2005. Da war die Welt eine andere und vor allem das Internet war noch ein vollkommen anderes. Im Laufe der Jahre wurde das Festival zu einer wichtigen Bühne der Begegnung von Aktivisten, Politikern, Hackern, Unternehmen, Wissenschaftlern: Enthusiasten und Verteidigern des Internets neben Kritikern und Pessimisten.

Sowohl in diesem Jahr wie auch in den Jahren zuvor hatte die Veranstaltung niemals den Anspruch, dem System und den Firmen, die mittlerweile die digitale Welt beherrschen, vollkommen ablehnend gegenüberzustehen. Im Gegenteil: Die Präsenz der Internetkonzerne und das marktplatzartige Ambiente war schon immer ihr Markenzeichen. Dieses Jahr etwa gab es Stände für jeden Geschmack: von Augmented-Reality-Brillen bis High-Tech-Sex-Shop-Artikeln. Und doch ist bemerkenswert, dass sich die re:publica über die Jahre auch in den Terminkalendern der Kritiker, Aktivisten, Hacker und Wissenschaftler gehalten hat, wie etwa dem von Peter Sunde von Pirate Bay, Jacob Appelbaum (Hacker, Entwickler und Mitglied von Tor Project), Renata Àvila (von Web Foundation, der Stiftung des Internet-Erfinders Tim Berners Lee, die sich für ein freies Internet einsetzt), um nur einige zu nennen.

Überwachung, Fake News und Hassrede

Die Auswahl des Themas, von einigen als sehr optimistisch angesehen, war mutig. Große Teile der kritischeren Diskussionen konzentrierten sich auf den Verlust von Freiheiten und der Offenheit des Internets, auf Privatsphäre und Überwachung, die Zunahme von Fake News und Hassrede in den Netzen. Einer der meistbeachteten – und umstrittensten – Beiträge der Veranstaltung war das Interview einer der Kuratorinnen der re:publica, Geraldine de Bastion, mit Garri Kasparow über Russland und seine Troll-Armee und deren Einflussnahme auf die internationale Politik.

Mit 9.000 Teilnehmern aus 70 Ländern und mehr als eintausend Vortragenden auf 20 Bühnen bringt die Konferenz eine Unmenge an Informationen und Inhalten, nicht alle von gleicher Qualität und Relevanz. Und obwohl europäisch, nimmt sie zunehmend intensiv auch Ideen und Personen von außerhalb des Kontinents auf. Doch laut Geraldine de Bastion lässt die Internationalisierung noch Wünsche offen und stößt noch auf zahlreiche Hindernisse bezüglich Logistik und Budget. „Nicht alle haben eigene Mittel zu kommen, Sponsoren zu finden ist nicht leicht, und selbst wenn es möglich ist, bleibt die Frage der Grenzen: Visa bekommen ist je nach Land eine mühsame Angelegenheit.“

Stimmen und Identitäten

Die Designerin Mugethi Gitau bei ihrem Vortrag über “Die Politik des natürlichen Haars” Die Designerin Mugethi Gitau bei ihrem Vortrag über “Die Politik des natürlichen Haars” | © re:publica De Bastion, die Aktivistin ist, über digitale Kultur forscht und die innovative Szene auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent sehr genau kennt, hat in den vergangenen Jahren auf der re:publica verschiedene Aktivisten, Entwickler und Hacker aus den Ländern des Südens unter dem Label Global Innovation Gathering (GIG) versammeln können. Dieser Austausch gelang derart gut, dass er zu einem der Themenfelder der Konferenz wurde. „Das GIG-Netzwerk nimmt eine entscheidende Rolle in der Diversifizierung der Perspektiven der re:pblica ein und macht sie zu einem in mehrfacher Hinsicht globaleren Event. Über das GIG hatten wir hier bisher an die 50 Stimmen aus aller Welt, die seit 2013 auf unseren Bühnen ihre Geschichten und Erfahrungen geteilt haben“, erzählt DeBastion. „Ich erinnere mich, dass 2013 Salma vom Innovationshub iceCairo zu mir kam, weil ihr aufgefallen war, dass sie die einzige Frau mit Hijab auf der re:publica war … Diese Diversität durch das GIG hat mit den Jahren noch zugenommen“, stellt sie fest.

Die kenianische Designerin und Geek Mugethi Gitau, Mitglied des Netzwerks, stimmt dem zu. Eine ihrer Beiträge zur re:publica in diesem Jahr trug den Titel Die Politik des natürlichen Haars. Gitau, die bereits am Ihub, dem größten Innovationshub Ostafrikas arbeitete, ist heute Unternehmerin auf dem Gebiet der Naturkosmetik und sprach über die Bedeutung von Haar als Identität. „Das Thema in diesem Jahr war die Liebe mit lauter Stimme, und Haar ist ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Identität. Viel Liebe und leider auch viel Hass können durch und über das Haar ausgedrückt werden. Die re:publica ist meine Lieblingskonferenz, genau weil sie ein Ort sein kann, an dem politische Diskussionen wie diese geschehen.“