Re-Inventing Smetak Klangrevoultionär, Experimentierer, „Hexer”

A virgem
A virgem | © Familia Smetak

José Miguel Wisnik, Tom Zé, Marco Antônio Guimarães und Marco Scarassati sprechen über die Bedeutung von Walter Smetak für die brasilianische Musik. Konzert und Diskussionsveranstaltung erinnern an das Erbe des Musikers.

Anfang der 1970er Jahre unternahm Walter Smetak (1913-1984) ein musikalisches Experiment in der São-Francisco-Kirche in Ouro Preto (Bundesstaat Minas Gerais). Die Legende sagt, durch die Töne, die der Multiinstrumentalist mithilfe seiner Hände, seiner Nase und seiner Zunge einer elektrischen Orgel entlockte, sei der Kristallleuchter ins Kreisen geraten und sogar die Wände des Gotteshauses, das als eines der Meisterwerke des Minas-Barock gilt, hätten gewackelt. „Fast alle verließen fluchtartig die Kirche. Nur ein paar Hippies, die nichts mehr zu verlieren hatten, blieben, und ich“, sagte Smetak damals. „Sie nannten mich Hexer, dabei war es einfach nur eine physikalische Reaktion.“

Die Episode sagt viel über den Komponisten, Musiker, Philosophen, Dichter, bildenden Künstler, Wissenschaftler und Dramatiker, der in der Schweiz geboren 1937 auf der Flucht vor dem Nazismus nach Brasilien kam. Nachdem er sich in den 1950er Jahren in Salvador da Bahia niedergelassen hatte, sollte er in seiner Werkstatt im Keller unter der Musikabteilung der Universität von Bahia mehr als 100 Instrumente erschaffen, aus Materialien wie Kalebassen und Plastikschläuchen. Sein kreatives, innovatives Werk erregte die Aufmerksamkeit von Namen wie Tom Zé, Gilberto Gil, Caetano Veloso oder Marco Antônio Guimarães von der Gruppe Uakti (1977-2016).

Nun inspiriert der Schweiz-Brasilianer das Konzert „Re-Inventing Smetak“ des deutschen Ensemble Modern (mit speziell dafür komponierten Werken der Brasilianer Arthur Kampela, Daniel Moreira und Paulo Rios Filho sowie der Australierin Liza Lim) und ist Gegenstand einer Gesprächsrunde unter dem Titel Invenções de Smetak: o multiculturalismo do compositor e inventor de instrumentos, da música clássica à vanguarda baiana, (Smetaks Erfindungen: Der Multikulturalismus des Komponisten und Instrumentenerfinders von der klassischen Musik bis zur Avantgarde Bahias) mit dem Klangkünstler Marco Scarassatti, dem Musiker, Komponisten und Essayisten José Miguel Wisnik und dem künstlerischen Leiter des Ensemble Modern, Christian Fausch. Wisnik, Scarassatti, Tom Zé und Guimarães äußern sich über den „Hexer“.

Eine neue Musikordnung

Tom Zé: Smetaks Werk ist eine Reise außerhalb der Parameter der westlichen Musik, ein Nukleus, in dem das Neue in Syntax und Form neu zu Kräften kommt.

José Miguel Wisnik: Indem er die klangliche Ordnung verlässt, auf der praktisch die gesamte westliche Musik seit dem 18. Jahrhundert beruht, die kartesische Aufteilung in gleichstufige Halbtöne, die das Tonsystem und seine atonalen, dodekaphonischen und seriellen Abwandlungen stützt, unternimmt Smetak keineswegs einfach nur eine Rückkehr zu modalen Mustern und Traditionen, sondern versucht, einen neuen Ort für die Musikerfahrung zu erfinden, der offen ist für die nicht domestizierten Kräfte des Klangs. Diese Geste klingt zugleich pythagoräisch und progressiv, und einen entscheidenden Raum darin nehmen seine erfundenen Instrumente, die „Klangplastiken“ und Skulpturen ein, die in ihrer Form selbst ein konkaves und konvexes Verhältnis zum Klang einnehmen, der zentriert und dezentriert ist, Epizentrum von Kosmogonien und ein Punkt kosmischer Dispersion.

Smetak neu erfinden

Marco Scarassatti: Smetak heute neu erfinden bedeutet auch ein Brasilien fast im Sinne von Thomas Morus’ „Utopia“ (1516) aufscheinen zu lassen. Smetaks Brasilien ist mythisch, Wiege einer neuen Zivilisation, die sich ankündigte und vorbereitet werden musste, um einen neuen Existenzzyklus der Welt einzuleiten. Für uns Brasilianer im aktuellen politischen Moment ist diese Initiative gescheitert, denn wir stehen vor finsteren Zeiten, wie kürzlich der Schriftsteller Raduan Nassar sagte. Auf jeden Fall liegt die Kraft dieses Brasiliens womöglich viel mehr in dem modus operandi der amerindischen und afrikanischen Muster, der Kraft des Rituals, dem scheinbar Prekären des Handwerklichen, dem, was unsere Umgebung uns als Möglichkeit des Schöpferischen, der Erfindung und Neuerfindung bietet, im Basteln, im Pfusch, in der Intuition, der Spiritualität, der Improvisation, genau wie es Smetak gemacht hat.

 
  • Foto mit Smetak © Familia Smetak
    Foto mit Smetak
  • Pindorama © Familia Smetak
    Pindorama
  • Cretino © Familia Smetak
    Cretino
  • Arquivo Smetak: Palco © Família Smetak

Das Erbe des „Hexers“

José Miguel Wisnik: Im spezifischen Fall der Musik hat Smetak gewiss zu einer Öffnung des Geistes beigetragen, das heißt, zu einer nicht konventionellen Konzeption nicht nur der Repertoires und der Möglichkeiten der Musik, sondern mehr noch, zu einer internen Revolution der musikalischer Erfahrung zugrunde liegenden Systeme. Sein großer Beitrag ist nicht festgelegt auf ein als eine Reihe spezifischer Produkte konzipiertes Werk, sondern liegt in dem Hinweis auf Möglichkeiten und Richtungen, die den linearen, progressiven Weg der Musikgeschichte unterlaufen.

Tom Zé: Es ist ein Erbe, das geachtet, zelebriert, diskutiert und in Vers und Prosa gefeiert wird. Es gibt eine große Zahl an Referenzen und Kommentaren, insbesondere auf universitärem Gebiet und auf dem der E-Musik. Und es gibt Äußerungen der Popularmusik, die seinen großen Einfluss erkennen lassen, wie im Fall der Gruppe Uakti [1977-2016] von Marco Antonio Guimarães, um nur eine zu nennen.

Marco Antônio Guimarães: Als ich von 1966 bis 1971 Dirigieren und Violoncello an der Musikschule der Universität von Bahia in Salvador studierte, war ich regelmäßiger Besucher der Instrumentenwerkstatt, die Smetak dort unterhielt. Ich erinnere mich daran als eine riesige Räumlichkeit mit verschiedenen Abteilungen im Keller der Schule, wo wir uns nicht nur über Musik unterhielten, sondern auch über Esoterisches, eines der Lieblingsthemen von Smetak. Er war sehr gebildet, schrieb Lyrik und Theaterstücke. Die Begegnung mit Smetak hat mein Leben verändert! Als ich 1971 nach Belo Horizonte zurückkehrte, begann ich meine eigenen Instrumente zu erschaffen: Das erste erhielt bezeichnenderweise den Namen „Chori-Smetano“, dem Meister zu Ehren. Wenige Jahre später entstand dann Uakti.

Marco Scarassatti: Smetak war ein unermüdlicher Schöpfer, der auf seiner Suche nach einer spirituellen Kunst neue Fronten eröffnete und weit mehr skizzierte als das, was heute Praxis im musikalischen Experimentalismus Brasiliens ist. Darüber hinaus ist er ein Vorläufer unserer Klangkunst, hat Generationen beeinflusst, die sein Wirken, wie die freie Improvisation, den Bau neuer Instrumente, kinetische Instrumente, die Klangskulptur, kollektive Instrumente, die Mikrotonie aktuell halten. Zudem muss gesagt werden, dass Smetaks Werk über die Materialität seiner Objekte, Maschinen und Apparate auch die Annäherung brasilianischer visueller Künstler an das musikalische Arbeiten ermöglicht hat.

Guru der Tropicália?

Marco Scarassatti: Dank seiner mystischen, emblematischen Gestalt wurde Smetak schließlich zu einer Art Guru für viele Musiker, wie etwa Gilberto Gil. Aber ich sehe keinen direkten Einfluss des Schweiz-Brasilianers auf die Tropicália [1967-1968], die meiner Meinung nach eher das Ergebnis des sprudelnden kulturellen Gemenges der Stadt Salvador in den 1950er und 1960er ist, wie es Antonio Risério in seinem Buch „Avant-garde na Bahia“ erzählt.

José Miguel Wisnik: Smetak war beteiligt an einem sehr sprudelnden Moment der brasilianischen Kultur, dem Zusammenströmen von Künstlern und Intellektuellen aus den unterschiedlichsten Gegenden nach Salvador, angeregt von dem Projekt einer kulturellen Spitzenausbildung des Rektors der Universität von Bahia, Edgard Santos, Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre. Dies war in vielerlei Hinsicht fundamental für das Entstehen des Cinema Novo und der Tropicália. Zumindest haben die Erfindungen und Spielereien (im besten Sinne) von Smetak, das kann  man so sagen, Spuren hinterlassen in den wunderbaren Erfindungen und Spielereien von Tom Zé, der ebenso ein Erfinder von „Baukästen“ ist, der Haushaltsgeräteklaviatur und vielfacher klanglicher Explorationen. Auf der „Feira da Bahia“ im Anhembi in São Paulo 1974 konnte ich ein unglaubliches und unvergessliches Improvisationskonzert zwischen Smetak und Gilberto Gil erleben (der dort „Acontece que eu sou baiano / acontece que ele não é“ [„zufällig bin ich aus Bahia / zufällig ist er es nicht“; nach  Dorival Caymmi] sang). Und meiner Ansicht nach interessierte sich Caetano Veloso für die inhärente Reflektion in den Klanglichkeiten Smetaks und tat einiges für ihre Verbreitung. Eine Kuriosität am Rande: Ich war einmal  mit Caetano Veloso Teilnehmer eines Podiumsgesprächs über Smetak aus Anlass einer Ausstellung seiner Instrumente in der Galeria São Paulo, in den 1980er Jahren. Ich sprach über den konkaven und konvexen Charakter seines Verhältnisses zum Klang, der Smetak einen einzigartigen Platz in der Musik des Westens einnehmen lässt. Zum Spaß erwähnte ich dabei die Herkunft Caetano Velosos aus der Region des „Recôncavo“. Von dieser Anspielung inspiriert komponierte er später das Lied „Revonvexo“.
 
Salvador-Bahia
Öffentliche Diskussion + Filmvorführung O Alquimista do Som (1978)
4.7. (Dienstag), 19h
Goethe-Institut Salvador-Bahia (Av. Sete de Setembro, 1809 – Corredor da Vitória)

Konzert Ensemble Modern
5.7. (Mittwoch), 19h
Sala Principal do Teatro Castro Alves (Praça Dois de Julho, s/n – Campo Grande)

São Paulo
Mittwoch, 12. Juli, Sala São Paulo (Praça Júlio Prestes, 16 - Campos Elíseos)

18h30 – Gesprächsrunde „Smetaks Inventionen: Der Multikulturalismus des Komponisten und Instrumentenerfinders von der klassischen Musik bis zur Avantgarde Bahias“ / “Invenções de Smetak: o multiculturalismo do compositor e inventor de instrumentos, da música clássica à vanguarda baiana”. Sala Carlos Gomes. Eintritt fei (Kartenausgabe ab zwei Stunden vorher an der Kasse der Sala São Paulo).

20h30 – Konzert “Reinventing Smetak”. Konzertsaal.