Bilder der Erinnerung La Soledad: Ein neu bezogener Krebspanzer

Calle 39, La Soledad, Bogotá, Kolumbien
Foto: Maru Lombardo, 2017

In der Reihe „Bilder der Erinnerung“ schreiben verschiedene Autoren über Orte, die eine besondere Bedeutung für sie haben. Die kolumbianische Dichterin und Romanautorin Gloria Susana Esquivel reflektiert über das traditionelle Stadtviertel La Soledad in Bogotá.

Das Leben kann klaustrophobisch sein. Denn wir wohnen auf zunehmend kleinerem Raum. Im 20. Jahrhundert hatte Bogotá, die Stadt, in der ich geboren bin, noch traditionelle Viertel mit Häusern im englischen Stil und mit Vorgärten. Darin wohnten Familien wie meine: zehnköpfige Personengruppen, die vorübergehend eine Wohngemeinschaft bildeten. Seit ich aus einem dieser Viertel weggezogen bin, scheint mir jeder neue Ort, an dem ich wohne, jedes Mal... noch kleiner. Und zwar im Wortsinn.

In meiner Erinnerung ist La Soledad ein etwas befremdliches Viertel für ein kleines Kind, weil es kaum Spielplätze gab. Heute gibt es den Park Way, die Avenida 24: einen großen Stadtgarten mit viel Grün auf einer großen Fläche, immerhin, aber einen Spielplatz gibt es immer noch nicht. Es ist höchstens ein Ort, um nachzudenken... und darüber nachzudenken, was die Kinder denken, ist das, worüber ich heute schreibe. Obwohl La Soledad ein ruhiges Viertel war, habe ich nicht seinen „viertelmäßigen“ Höhepunkt erlebt, um es irgendwie auszudrücken. Meine Mutter und meine Tanten, die ebenfalls ihre Kindheit dort verbracht haben, dagegen schon: Ihre ersten sozialen Erfahrungen machten sie innerhalb ihres Straßenblocks, in den Straßen, von denen sie umgeben waren, in einer Vielfältigkeit, die La Soledad von anderen Stadtvierteln unterschied.

Lange Zeit danach schrieb ich mich an der Universität ein. Da war das Viertel, mein Viertel, auf einmal eine supergute Gegend, weil es voll war von Cafés, Studierenden, Kino-Bars, Theatern... Und alles gleich um die Ecke! Jetzt war es doch ein inspirierender Ort, um dort aufzuwachsen. Wenn ich aber heute nach La Soledad fahre, spüre ich ein großes Heimweh nach etwas, was mir nicht mehr gehört. In Bogotá, wo man sich normalerweise sehr um das architektonische Erbe bemüht, sticht La Soledad immer noch wegen seiner Häuser im englischen Stil und seinen Wohngebäuden von Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts hervor. Von außen sehen sie noch aus wie in meiner Kindheit. Aber drinnen – gibt es dort jetzt Call Center, Märkte, Cafés, Bars, Büros, politische Adressen. Neben dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, wurde ein Pole-Dance-Studio untergebracht. Ich sehe, dass die Häuser meiner Kindheit noch erhalten sind, sich im Inneren jedoch verändert haben. Wie Krebse, die ihre Schale abwerfen und liegen lassen, damit ein anderes Lebewesen darin hausen kann.

La Soledad ist immer noch ruhig, aber es ist auch nicht mehr so sehr aufs Wohnen ausgerichtet wie früher. Es hat sich auf seltsame Weise ausbalanciert: Die Bewohner sind jetzt Büroangestellte, für die das Leben im Viertel früh endet. Um sechs Uhr abends kehren alle nach Hause zurück. Und alles wird ein bisschen – einsam.

Ich werde immer über diese Häuser und diese Straßen schreiben; sie haben meine Raumperspektive bedeutend verändert. Seit frühester Kindheit in einem so großen Haus oder an einem so städtischen Ort gewohnt zu haben, hat auch mein Verständnis von der Stadt in einen anderen Blickwinkel verschoben. Ich bin ständig dabei, die Strukturen, die Stimmungen zu erkunden, die in diesem Haus, in diesen Räumen vorhanden waren und die sich meinem Gefühl nach immer enger um uns zusammenziehen. Sich in einem Haus von alter und verschwenderischer Architektur zu „verlieren“, ist zu einer seltenen Empfindung geworden. Die heutigen Wohnungen sind zunehmend funktionaler und kleiner. Und wesentlich teurer. Ich befinde mich in einer Stadt, in der immer neue Wohnformen entwickelt werden. Man braucht nur die Backsteingebäude vom Ende der 1990er Jahre zu betrachten oder die Glasbauten mit ihrem „Miami-Touch“ vom Ende der 2000er.

Und La Soledad ist ein Ufer, das ich nur abtasten kann, wenn ich es beschreibe.
 

Gloria Susana Esquivel, geboren in Bogotá, ist Schriftstellerin. Sie war Herausgeberin der digitalen Zeitschrift Arcadia und hat den Master Kreatives Schreiben an der New York University absolviert. Zu ihren Veröffentlichungen zählen der Gedichtband El lado salvaje (2016) sowie der Roman Animales del fin del mundo (2017).