Die Museen der Zukunft Mehr als eine Fußnote

Hélio Oiticica: Metaesquema, 1958. Mit freundlicher Genehmigung von Projeto Hélio Oiticica
Hélio Oiticica: Metaesquema, 1958. Mit freundlicher Genehmigung von Projeto Hélio Oiticica | © César und Claudia Oiticica

Die Ausstellung „A Tale of Two Worlds“ erprobt neue museale Konzepte. Damit werden die im Westen eingeschliffenen kunsthistorischen Erzählmuster aufgebrochen.

„Noch nie zuvor wurden Kuratoren lateinamerikanischer Kunst in einem solchen Umfang dazu eingeladen, die Sammlung eines europäischen Museums zu hinterfragen und neu zu bewerten.“ So lautet die Ankündigung zu einer der größten Ausstellungen in der Geschichte des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt. Die mit 500 Exponaten wahrlich imposante Schau über „Experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er bis -80er Jahre im Dialog mit der Sammlung des MMK“, die in einer Kooperation zwischen dem Frankfurter Museum und dem Museo de Arte Moderno de Buenos Aires (MAMBA) erarbeitet wurde, verfolgt die doppelte Absicht, „eine Debatte über die Antworten der Künstler auf die jeweiligen sozio-politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern zu eröffnen“, und darüber hinaus durch einen Perspektivwechsel innerhalb des Museums die „inhaltliche Positionierung und Sammlungstraditionen sowie die jüngere Kunstgeschichte selbst neu zu überdenken“. Ein hochgestecktes Ziel.

Der Kurator als Geschichtenerzähler

Flávio de Carvalho: Erfahrung Nr. 3, 1956. Mit freundlicher Genehmigung von​ Fundo Flávio de Carvalho – CEDAE – Unicamp Flávio de Carvalho: Erfahrung Nr. 3, 1956. Mit freundlicher Genehmigung von​ Fundo Flávio de Carvalho – CEDAE – Unicamp | © Ricardo de Carvalho Crissiuma Eine den Werken immanente Bedeutung, die ein für alle Mal fixiert ist und nur noch offengelegt werden muss, gibt es nicht. Es geht um Sinnstiftung, wenn Kunstgeschichten – und wir sollten hier auf dem Plural bestehen – erzählt werden, indem aus einer bestimmten Perspektive Fakten ausgewählt bzw. ausgeblendet werden, um sie in plausibel scheinende Zusammenhänge zu setzen. Solche Narrative sind per se nicht ‚objektiv’.  Die variablen Erzählkonstruktionen sind – bewusst oder unbewusst – stets und unabdingbar interessegeleitet und sie spiegeln, folgt man den Prämissen des Postkolonialismus-Diskurses, Machtgefüge. Diese Einsicht hat sich mittlerweile selbst bei den repräsentativsten Projekten deutscher Kulturpolitik durchgesetzt. Hermann Parzinger, einer der Gründungsintendanten des in Planung befindlichen Humboldt-Forums in Berlin, kommt zu dem Schluss: „Dinge zu ordnen und ihre Bedeutung festzulegen ist eine Art von Meinungsführerschaft. Diese Macht muss künftig mit anderen geteilt werden, um unterschiedliche Blickwinkel zuzulassen, Klischees zu durchbrechen und Weltanschauungen zu ändern.“

So geschehen in Frankfurt/Buenos Aires: Dort hat das internationale Kuratorenteam mit Victoria Noorthoorn und Javier Villa (Direktorin und Senior-Kurator des  MAMBA) und Klaus Görner (MMK-Kurator) eine Erzählung entworfen, die mit drei ineinander verwobenen Hauptsträngen und 16 thematischen Unterkapiteln eine Alternative zur eurozentrischen Sichtweise erprobt. Es ist wohlweislich nicht DIE, aber „eine Geschichte aus zwei Welten“, die die Besucher zunächst in dem europäischen und im Anschluss daran in dem südamerikanischen Museum sehen können. Damit werden einer linear und implizit hierarchisch gedachten, eindimensionalen Kunstgeschichte Interpretationsangebote gegenübergestellt, die von einem multiperspektivischen Beziehungsgeflecht ausgehen.

Überraschende Begegnungen

Videodokumentation von Marta Minujin, 1963 Videodokumentation von Marta Minujin, 1963 | © Archive Marta Minujín, Buenos Aires
Ein Beispiel ist die Gegenüberstellung von „Gran pintura negra“ (1960) des Argentiniers Kenneth Kemble (1923-1998) aus der Sammlung des MAMBA und „Yellow and Green Brushstrokes“ (1966) des US-Amerikaners Roy Lichtenstein (1923-1997) aus der Sammlung des MMK. Es ist für das Verständnis erhellend, dass beide Maler zwar aus unterschiedlichen Traditionen stammen, verschiedene inhaltliche Erwägungen anstellen und jeweils andere Gestaltungsverfahren anwenden, aber bei ihrer komplexen Aneignung und Hinterfragung der Maltradition doch verblüffende Analogien augenfällig werden.

„Was in der Wissenschaft als ‚bloß additiv’ verpönt wird, könnte für das Medium Ausstellung ein dynamisches Potenzial besitzen, und zwar das Nebeneinander-Platzieren von Werken, denen der Stilkanon bislang getrennte geographisch-kulturelle Räume zugewiesen hat“, meint Mónica Juneja, Professorin für Globale Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg. Tatsächlich enthüllt das Beziehungssystem, welches „A Tale of Two Worlds“ in Szene setzt, unerwartete Parallelen, Berührungspunkte und Überschneidungen, aber auch Widersprüche und Unvergleichbares trotz vermeintlicher Ähnlichkeit.

Victoria Noorthoorn insistiert, dass das Postulat von „Andersheit“ zwischen ‚Norden’ und ‚Süden’ „jegliche Art von Fortschritt und intellektueller und ideologischer Emanzipation unterbindet“. Das Anerkennen von Alterität, Differenz und Marginalität bekämpft Noorthoorn in ihrer professionellen Funktion, denn ‚Süden’ oder ‚Westen’ als klar konturierte Blöcke oder als geografische Orte aufzufassen, die den längst überholten Kategorien Peripherie und Zentrum in einem streng dichotomen Denken fest zugeordnet würden, ist für sie ein fatales Missverständnis.

Museale Episode

Antonio Caro: Kolumbien, 1976/2010 © des Künstlers, Sammlung Daros Lateinamerika, Zürich. Antonio Caro: Kolumbien, 1976/2010 © des Künstlers, Sammlung Daros Lateinamerika, Zürich. | Mit freundlicher Genehmigung von​ Galeria Casas Riegner, Bogotá. Ausgehend von der Diagnose, dass sich in einer von Globalisierung, Migration und Transkulturalität geprägten Gesellschaft die Institution Museum in einer tiefen (womöglich nicht nur historischen, sondern institutionsinhärenten?) Krise befinde, untersuchte das vom Goethe-Institut São Paulo gemeinsam mit der Kulturstiftung des Bundes ausgerichtete Programm „Museale Episode“ von 2015 bis 2017, wie sich die Museumspraxis aus einer globalen Perspektive neu denken lasse. Der MMK-Kurator Klaus Görner bekundet, dass die enorm offene Zusammenkunft mit internationalen Museumsfachleuten „einen Prozess in Gang gesetzt (habe), der nicht abgeschlossen ist und auch nicht so gedacht war. Die kritische Konfrontation mit den eigenen Überzeugungen und die Befragung unserer Praktiken haben sich in der Vorbereitung der Ausstellung fortgesetzt“.

Ein tragfähiges Modell?

Der museale Polylog unterschiedlicher Kunstströmungen, wie man ihn in Frankfurt und demnächst in Buenos Aires sehen kann, ist gelungen. Doch ist das Konzept auch verallgemeinerbar oder zumindest punktuell übertragbar? Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes hat das Programm „Museum global“ zur Integration nicht-westlicher Perspektiven initiiert. Sie erklärt die Zurückhaltung deutscher Museen, sich trotz ansehnlicher Fördergelder daran zu beteiligen, dadurch, dass die radikale Neuausrichtung ganzer Sammlungspräsentationen unter einem neuen Fokus ein enorm aufwändiger Prozess ist, der die personellen, finanziellen und logistischen Kapazitäten der meisten Häuser übersteigt. Insofern werden das Experiment in Frankfurt und die geplanten nachfolgenden Schauen in Berlin, Düsseldorf und München zumindest in Deutschland vermutlich vorerst Einzelfälle bleiben. Auch wenn es nun in absehbarer Zeit nicht 1001 Geschichten werden, wie sie einst Scheherazade erzählte, so doch immerhin vier Erzählungen, die sich keiner, der an Partizipation und Demokratisierung interessiert ist, entgehen lassen sollte.

 
  • „A Tale of Two Worlds: Experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er- bis 80er- Jahre im Dialog mit der Sammlung des MMK“ ist vom 25. November 2017 bis zum 2. April 2018 im MMK 1 und vom 7. Juli bis zum 14. Oktober 2018 im Museo de Arte Moderno de Buenos Aires zu sehen.
 
  • Die kommenden Ausstellungsvorhaben im programmatischen Rahmen von „Museum global“ werden 2018 in der Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 2018/19 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und 2021 in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau in München stattfinden.