Kultur und Politik „Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?“

Ein Literaturklassiker erstmals als Ballett: Reginaldo Oliveiras „Anne Frank“
Ein Literaturklassiker erstmals als Ballett: Reginaldo Oliveiras „Anne Frank“ | Foto (Zuschnitt): © Uli Deck / picture alliance / dpa

Kunst und Politik sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden, und doch tarieren sie ihr Verhältnis immer wieder neu aus. Wie politisch ist Kunst in Deutschland? Und wo sind der Kunst Grenzen gesetzt?

Haben Sie sich je gefragt, seit wann es gesellschaftspolitische Satire gibt? Tatsächlich wurden die ersten Karikaturen noch im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelt oder auf Papyrus gepinselt: Schon aus der Antike sind Darstellungen bekannt, die Personen des öffentlichen Lebens und persönliche Feinde aufs Korn nahmen. Mindestens seit ebenso langer Zeit demonstrieren monumentale Bauten und Skulpturen die Macht herrschender Kasten, egal ob Kleriker oder Politiker. Auftragskunst und Widerstandskunst hat es also seit jeher gegeben, Propaganda und gesellschaftspolitische Stellungnahme sind immer Teil der künstlerischen Arbeit gewesen.
 
Genauso alt wie politische Kunst ist jedoch auch die Frage, ob Kunst überhaupt politisch sein soll und darf. Wirft man Ende 2017 einen Blick auf die Ausstellungsverzeichnisse der deutschen Museen oder die Spielpläne der deutschen Bühnen – auch und vor allem der staatlich geförderten – scheint die Antwort der deutschen Kulturszene eindeutig: Sie soll. Ein großer Teil der zeitgenössischen Ausstellungen und Inszenierungen nimmt Bezug auf gesellschaftspolitische Themen.

Medienhype und Crowdfunding: Politische Kunst zahlt sich aus

Gleich mehrere Stücke beschäftigten sich 2017 mit der aktuellen Debatte um Migration und Fremdenfeindlichkeit – und erzielten damit große Medienaufmerksamkeit. Als im Herbst die Münchner Kammerspiele Josef Bierbichlers Roman Mittelreich – eine bayerische Familiensaga – mit einem Ensemble aus schwarzen Schauspielern und Musikerinnen inszenierten, überschlug sich die Theaterpresse nahezu. Sie analysierte den Bezug zur Flüchtlingsdebatte sowie zum erstarkenden Rassismus, man sprach von der „innovativsten und politischsten Inszenierung der Saison“.
 
Gleichzeitig machte im benachbarten Bundesland Baden-Württemberg das Badische Staatstheater Karlsruhe auf sich aufmerksam. Es nahm Reginaldo Oliveiras Anne Frank wieder auf, das erstmals den großen Klassiker der deutschen Literatur als Ballett zeigt – und schaffte es damit sogar in die Boulevardpresse. Die Jüdin Anne Frank, die in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten floh und kurz vor Kriegsende dem Holocaust zum Opfer fiel, wird in Deutschland bis heute als mahnendes Beispiel gegen Hass und Verfolgung hochgehalten.
 
Das Performance-Kollektiv Zentrum für politische Schönheit (ZPS) mischt sich gerne medienwirksam ein: Es baute für den rechtspopulistischen AfD-Politiker Björn Höcke, der das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin ein „Denkmal der Schande“ genannt hatte, eine kleinere Kopie des Mahnmals nach und stellte es in Sichtweite seines Wohnhauses auf. Im Gegensatz zu den klassischen Bühnen wird das ZPS nicht staatlich finanziert, sondern setzt für seine öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen unter anderem auf Crowdfunding, also auf Unterstützung durch sein Publikum. 

„Künstler bleiben innerhalb ihres Umfelds konform“

„Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?“ fragte im Sommer documenta-Kurator Dieter Roelstraete seine Kunststudenten. Auf der weltweit größten Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst geht es ebenfalls oft politisch zu. Anders als in anderen Ländern ist die Kunstfreiheit in Deutschland im Grundgesetz verankert; Artikel 5 Absatz 3 zählt sogar zu den am stärksten geschützten Grundrechten in Deutschland. „Unpolitische Kunst ist langweilig“, sagt Mela Chu, Kuratorin und Dozentin für Creative Management. „Sinnliche Kunst reibt sich nicht, politische Kunst hat Potenzial für mehr Tiefe.“
 
Dennoch unterliegen Kulturschaffende auch in Deutschland Zwängen. Diese sind vor allem finanzieller Natur – unabhängige Häuser sind zwar frei in ihrem künstlerischen Handeln, müssen sich aber entweder über das Publikum, Sponsoren oder sonstige Förderungen finanzieren. Öffentliche Kulturinstitutionen sind von diesem unmittelbaren Gelddruck befreit, da sie aus Haushaltsmitteln der Länder und Kommunen finanziert werden. Doch auch diese nehmen indirekt Einfluss auf die Kunst, wie der Musikwissenschaftler und Kulturmanager Markus Kiesel erklärt. Nicht nur, dass sie für gewöhnlich über die Ernennung der Intendanten entscheiden. „Die Länder und Kommunen haben auch das Recht, einen Kulturauftrag – beispielsweise an einen Intendanten oder an ein Museum – zu erteilen. Darin könnte etwa stehen, dass die jeweilige Institution eine gewisse Menge an Einnahmen erzielen muss. Bereits hier wäre die Kunstfreiheit beschränkt, weil nun der Wirtschaftsplan Einfluss auf die künstlerische Gestaltung bekommt.“
 
In den letzten Jahren hat zudem der politische Rechtfertigungsdruck auf öffentliche Kunst- und Kulturinstitutionen zugenommen. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wie viele Haushaltsmittel in die Finanzierung von Hochkultur fließen sollen, da sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung erreicht. Laut dem Theaterintendanten und Vorsitzenden des Bühnenvereins Klaus Zehelein steht für Kulturschaffende deshalb häufig nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, welche gesellschaftspolitischen Themen behandelt werden sollen, sondern wie man welche Bevölkerungsgruppe ins Opernhaus lockt.
 
Echtes freies Denken gibt es deshalb in der Kulturszene gar nicht, ist Chu überzeugt – und das gilt nicht nur für die großen Institutionen. „Um Erfolg zu haben, bleiben Künstler innerhalb ihres Umfeldes konform“, sagt sie. „Linkspolitische Stellungnahme ist heute gern gesehen. Aber wer zum Beispiel realpolitisch argumentieren möchte, wird es in der Kunstwelt schwer haben – sowohl beim Publikum als auch bei der Fördermittelakquise.“
 
In der Theorie bedarf die freie Kunst keiner demokratischen Mehrheit, sagt Kiesel. „In der Realität werden Gelder jedoch ausschließlich aufgrund demokratischer Mehrheiten zugewiesen. Und da liegt im Grunde das große Konfliktpotenzial zwischen Politik und freier Kunst.“