Religion und Moderne Die große Gleichgültigkeit

Selfie mit dem Papst: Die christlichen Kirchen sind moderner geworden, dennoch verlieren sie in Deutschland an Bedeutung.
Selfie mit dem Papst: Die christlichen Kirchen sind moderner geworden, dennoch verlieren sie in Deutschland an Bedeutung. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance/Claudio Peri/ANSA/dpa

Verdrängt die Moderne die Religion? In Deutschland macht es ganz den Anschein: Die großen christlichen Kirchen verlieren zunehmend an Bedeutung. Doch die Gründe dafür sind differenzierter.

In Deutschland verliert der christliche Glaube an Bedeutung. Verdrängt die Moderne die Religion? Ganz so einfach ist es nicht. Der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster hat sich mit der Entwicklung von Religionen in Deutschland und anderen Ländern beschäftigt. Im Interview erklärt er, weshalb die meisten Deutschen wenig mit Frontalpredigten anfangen können und wieso christlicher Fundamentalismus hierzulande kaum eine Rolle spielt.

Herr Pollack, Ihren Untersuchungen zufolge verliert die Kirche in Deutschland nicht nur immer weiter an Bedeutung, Sie sagen sogar: Dieser Abwärtstrend ist nicht mehr aufzuhalten. Was genau beobachten Sie? 

Unsere Studien zeigen, dass die Deutschen mit der Kirche nicht mehr viel zu tun haben wollen. Selbst jene, die noch einer Kirche angehören, interessieren sich mehrheitlich nicht für sie. Unter den Protestanten beteiligen sich 70 Prozent nicht am kirchlichen Leben. Nur vier Prozent besuchen den Gottesdienst regelmäßig. 

Woher rührt dieses schwindende Interesse?

Es liegt zum einen daran, dass die Antworten, die die Kirche seit Jahrhunderten gibt – Lehren über die Erlösung der Welt oder die Auferstehung Jesu Christi – für viele keine Relevanz mehr haben. Die Menschen wollen die Welt nicht mehr erklärt bekommen, wollen nicht hinauf auf eine Kanzel blicken, von wo aus ihnen jemand eine Predigt hält. Sie wollen sich ihren eigenen Reim auf die Dinge machen, selbstbestimmt und autonom denken. Außerdem ziehen mehr und mehr Menschen schlichtweg ihre Aufmerksamkeit von der Kirche ab: Familienleben, Freundeskreis, beruflicher Aufstieg, Medien, Internet, Unterhaltungsmusik – da gibt es so vieles, womit die Kirche um die Aufmerksamkeit der Menschen konkurriert. Und in diesem Wettbewerb unterliegt sie. Früher ist man, wenn man Musik hören, seelische Erbauung erleben oder Menschen treffen wollte, in die Kirche gegangen; heute braucht es diesen Ort dafür nicht mehr.
 
Sie haben einmal gesagt, dass es der evangelischen Kirche ausgerechnet dort am besten gehe, wo sie evangelikal sei oder sogar fundamentalistisch. Was bedeutet das?
 
Ein Problem der großen Kirchen in Deutschland ist, dass man sie so schwer vom allgemeinen kulturellen Mainstream unterscheiden kann. Viele Kirchenchristen sind mit der angepassten Haltung ihrer Kirche unzufrieden und manche von ihnen wenden sich dann evangelikalen Gemeinden zu. Der größte Teil der evangelikalen Christen stammt aus den Landeskirchen, nur wenige waren vorher konfessionslos.
 
Heißt das, dass der christlich-religiöse Fundamentalismus in Deutschland im Kommen ist?
 
Nein, keineswegs. Die Situation pfingstlicher und evangelikaler Gemeinden in Westeuropa unterscheidet sich dramatisch von Ländern wie beispielsweise in Lateinamerika. In Brasilien etwa sind diese Gruppierungen auf dem Vormarsch; in Westeuropa machen sie nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Bevölkerung aus. 
 
Wie kommt es, dass die Tendenzen in beiden Ländern so unterschiedlich sind?
 
Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Pfingstbewegungen in Brasilien auf weit verbreiteten religiösen Bedürfnissen aufbauen; Religion spielt für die Menschen dort eine zentrale Rolle. Die charismatischen Bewegungen geben Antworten auf die Probleme der Menschen, wie ökonomische Knappheit oder soziale Ungleichheit, aber auch auf ihre Sehnsucht nach psychischer und körperlicher Heilung. In Westeuropa werden evangelikale und charismatische Gruppen als unangepasst und manchmal sogar als exotisch wahrgenommen. Ihre Bibelfrömmigkeit und ihre enthusiastischen Gebetsformen passen so gar nicht zu der eher skeptischen Haltung und dem beherrschten Verhalten, das in unseren Breiten charakteristisch ist. Alle Formen eines festen Glaubens werden in Deutschland mit großer Distanz betrachtet. Fanatismus, Fundamentalismus – damit möchte man nichts zu tun haben. Anders ist das bei Immigranten; sie leben oft einen leidenschaftlichen Glauben.
 
Wenn sich die Menschen in Deutschland keine frontalen Predigten mehr wünschen, sondern moderne Unterhaltung bevorzugen – müssten die Kirchen sich interaktiver und weltoffener geben? 
 
Aber das machen sie doch längst: Sie sind modern, haben bunte, sehr lebendige Homepages, der Papst twittert, sie veranstalten Rockkonzerte und andere spannende Events. Auch interaktiver Dialog wird großgeschrieben: Es gibt viele richtig gute und warmherzige Pfarrer, die ausgesprochen reflektiert und dialogfähig sind und sich nicht als engstirnige Vertreter der Kirche präsentieren. Die Menschen nehmen das nur nicht mehr wahr und können mit den Inhalten, der Botschaft, die ja nun weithin historisch vorgegeben ist, nicht mehr viel anfangen. 
 
Sehen Sie also die Säkularisierungstheorie – die Moderne verdrängt die Religion – bestätigt? 
 
Nein, nicht ganz. Dann sähen wir ja in anderen, ebenfalls modern ausgerichteten Ländern ein ähnliches Bild. Dem ist aber nicht so. Schauen Sie etwa nach Südkorea: Das Land ist klar in der Moderne angekommen, die Bevölkerung ist konsumorientiert, wettbewerbsorientiert, hat ein hohes Bildungsniveau – doch die Menschen drängt es regelmäßig in die Kirche. Das liegt vor allem daran, dass religiöse Praxis in Südkorea eng mit weltlichen Wünschen verknüpft ist. Die Menschen beten nicht nur um Erlösung, sondern auch für Gesundheit, Wohlstand oder beruflichen Erfolg. Sie leben eine Art „magische Religion“, die hierzulande kaum denkbar wäre.
 
Nun sind in Deutschland 2010 auch diverse Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche an die Öffentlichkeit gekommen. Hat auch dies ihrer Glaubwürdigkeit geschadet? 
 
Prof. Detlef Pollack forscht am Centrum für Religion und Moderne und dem Excellenzcluster Religion und Politik, beides Einrichtungen der Universität Münster. Prof. Detlef Pollack forscht am Centrum für Religion und Moderne und dem Excellenzcluster Religion und Politik, beides Einrichtungen der Universität Münster. | Foto: © Detlef Pollack Das könnte man annehmen, oder? Die negativen Effekte der Missbrauchsfälle sollte man allerdings nicht überschätzen. Wir haben uns die Austrittszahlen in dieser Zeit angesehen: Vor 2010 lag die Austrittsrate unter den Katholiken bei knapp 0,5 Prozent, 2010 ging sie auf 0,75 Prozent hoch, in den Jahren unmittelbar nach 2010 lag sie wieder bei knapp 0,5 Prozent. Die Skandale hatten auf den Austritt aus der Kirche also kaum Auswirkungen. Das kann unter anderem daran liegen, dass Katholiken vielfach ein deutlich engeres Verhältnis zur Kirche haben als Protestanten. Selbst wenn sie mit ihrer Kirche unzufrieden sind, treten sie nicht aus. Typisch für sie ist vielmehr, dass sie sich an ihrer Kirche reiben und sie kritisieren.