Ein Interview mit A Wall Is A Screen Wie viel Anarchie steckt im Straßenkino?

A Wall is a Screen
© A Wall is a Screen

Wie viel Anarchie steckt im Straßenkino? Das Künstlerkollektiv „A Wall Is A Screen“ testet Grenzen aus und bringt mit ihrer einzigartigen Kombination aus Stadtrundgang und Kurzfilmprogramm das Kino in den öffentlichen Raum. Dabei zeigen sie nicht nur, wie Häusermauer kreativ genutzt werden können, sondern eröffnen dem Publikum durch das Zusammenspiel Film und Architektur auch neue Perspektiven auf Themen wie Gentrifizierung und Stadtentwicklung. Sven Schwarz von „A Wall Is A Screen“ spricht über die Arbeit des Kollektivs sowie die weltweite Bedeutung des Kinos.
 

Wie seid ihr zum Straßenkino gekommen? Was trieb euch an?

A Wall is a Screen wurde 2003 von Antje Haubenreisser, Kerstin Budde und Peter Stein gegründet, die damals die technischen Leiter des Internationalen KurzFilmFestivals Hamburg waren. Der Wunsch war es, eine nicht-kommerzielle Kurzfilm-Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die den öffentlichen Raum nutzt und diesen in ein anderes Licht stellt. Damals war es – nicht nur in Hamburg – so, dass die überwiegende Nutzung der Innenstädte eine rein kommerzielle Ausrichtung hatte. Tagsüber wurde geshoppt und nachts waren die Städte ausgestorben. Eine kulturelle Nutzung, insbesondere auf nicht-kommerzielle Art und Weise fand so gut wie nicht statt. Diesem Ungleichgewicht wollte A Wall is a Screen etwas entgegen setzen. Ziel war eine für den Zuschauer kostenfreie, niedrigschwellige Veranstaltung, die einerseits zeigen sollte, dass der öffentliche Raum von allen kreativ genutzt werden kann, andererseits aber auch Inhalte durch die von uns gezeigten Kurzfilme transportieren konnte. Es war für A Wall is a Screen von vornherein wichtig, mit den gezeigten Filmen die genutzten Orte zu kommentieren und eine neue Ebene der Sichtweise auf diese Orte zu kreieren.

Wie erschließt ihr neue Orte? Wie geht ihr bei der Auswahl vor der Plätze vor?

Bei den meisten unserer Touren, insbesondere bei denen außerhalb unserer Heimatstadt Hamburg,  arbeiten wir mit lokalen Partnern zusammen, mit denen wir zusammen ein Grundkonzept und ein gewisses Gebiet für die Tour bestimmen. Je nach Größe der Stadt in der wir die Tour planen unterscheidet sich die Herangehensweise. In Tallinn war es relativ klar, dass wir im Zentrum beginnen wollten.  In sehr großen Städten, wie z.B. Paris oder London, begeben wir uns dann auch manchmal in Stadtteile außerhalb des Zentrums, die nicht unbedingt die Orte sind, in die man sich als Tourist begeben würde. Das Erschließen selber geschieht dann im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füßen, indem wir sehr viel durch die Städte laufen. Wir erkunden das ausgewählte Gebiet, finden erste Orte, die für uns spannend sind, und versuchen abseits der offensichtlichen Wege zu gehen. Stück für Stück kristallisiert sich dann eine Route heraus. Manchmal gibt es aber auch schon im Vorfeld einen Start- und Schlussort und die Aufgabe besteht dann darin, diese Orte sinnvoll und interessant miteinander zu verbinden. Fast immer gilt aber, dass wir probieren Wege zu finden und Orte zu bespielen, die für die Zuschauer überraschend und unerwartet sind.
 
Auch wenn Straßenkino sicherlich sehr unterhaltsam ist, möchtet ihr doch mehr als bloße Unterhaltung. Gibt es eine inhaltliche Agenda? Wie wählt ihr die Filme für die jeweiligen Orte aus?

Bedingt durch unsere persönlichen Hintergründe, aber auch der Natur des Projektes inhärent, sind Themen wie Stadtentwicklung, Gentrifizierung und andere soziale Aspekte in den Programmen und Filmen stark präsent. Je nach Thema und Ausrichtung des Rahmens des Rundganges sind solche Themen stärker oder eher im Hintergrund zu finden. Grundsätzlich ist die Tatsache, dass wir A Wall is a Screen als nicht-kommerzielle Veranstaltung im öffentlichen Raum durchführen, schon ein Statement in Bezug auf die Nutzung eben dieses Raumes, so dass die Themen in den Filmen nicht zwingend vorkommen müssen. Mittlerweile führen wir auch Touren durch, deren Filme sich mit ganz anderen auch gerne mal unterhaltsamen Themen, wie z.B. Musik oder historischen Filmen beschäftigen oder die speziell für Kinder zusammengestellt sind. Wichtig ist aber in allen Fällen, dass das Publikum fasziniert ist, von dem was wir tun und sich natürlich auch gut unterhalten wird. Wir würden ja sehr schnell merken, wenn das Programm für das Publikum uninteressant ist. Im Gegenteil zum Kinosaal gibt es bei uns eben nicht den Sessel, der einen „festhält“, und man kann sehr schnell gehen, wenn es nicht gefällt. Daher müssen wir dem Publikum gute Gründe geben, bis zum Schluss dabei zu bleiben.

Rein oberflächliche Unterhaltung soll A Wall is a Screen aber nicht sein,  die sinnvolle thematische Kombination zwischen Ort und Film ist sehr wichtig. Wir haben mittlerweile eine ziemlich gute Erfahrung darin, den passenden Film für den jeweiligen Ort zu finden. Manchmal ist die Verbindung sehr offensichtlich und thematisch – zum Beispiel ein Film über das Thema Geld an einer Bank. In vielen Fällen erschließt sich die Verbindung aber auch erst auf dem zweiten Blick, in dem wir zum Beispiel sehr abstrakt mit der Architektur oder dem geschichtlichen Hintergrund eines Gebäudes spielen, was zugegebenermaßen meistens die für uns spannenderen Kombinationen sind.
 
AWIAS in Braunschweig © Maasewerd Ihr beschreibt, dass sich durch eure Art des Kinos neue Perspektiven auf die Stadt ergeben. Wie geht ihr vor, um diesen Effekt zu erzeugen?

In jeder Stadt gibt es für die Einwohner und Einwohnerinnen meist sehr festgefahrene Wege von A nach B und Orte, die stärker präsent sind als andere. Wir versuchen uns außerhalb dieser Wege zu bewegen und Orte bzw. Wände in den Fokus zu bringen, bei denen es für die meisten nicht offensichtlich ist, dass diese für einen kulturellen Zweck und insbesondere für eine Filmprojektion genutzt werden können. Für die Dauer unseres Rundganges und auf die Orte bezogen, für die Dauer eines Filmes, geraten diese Plätze auf einmal ins Scheinwerferlicht und werden ab dann für alle, die dabei waren, immer damit in Verbindung gebracht werden, dass dort ein Film gezeigt wurde. Ein bisher übersehener Hinterhof, eine unscheinbare Seitenwand oder aber auch ein Hauptplatz einer Stadt bekommen somit von uns eine neue virtuelle Ebene, die vielleicht auch Anregung zu einem anderen Umgang mit diesen Orten sein kann.

Eure Kinotouren sind präzise vorbereitet und in den meisten Fällen wahrscheinlich auch genehmigt. Trotzdem haben sie den Charme von „Guerilla-Kultur“. Wieviel Anarchie steckt im Straßenkino?

Für uns gilt der Grundsatz, dass die Touren prinzipiell genehmigt sein sollten. Wie diese Genehmigung aussieht, variiert natürlich von Ort zu Ort. In einigen Städten und Ländern muss alles sehr genau sein, in anderen gibt es eher allgemeiner gehaltene Erlaubnisse. Schwierig ist es häufig, den jeweiligen Genehmigungsgebern erst einmal klar zu machen, was wir überhaupt machen. Sollte es an bestimmten Orten aus für uns nicht wirklich einzusehenden Gründen zu Problemen mit Genehmigungen kommen, müssen wir damit im weitesten Sinne kreativ umgehen. Wie weit man sich da über etwas hinwegsetzt muss aber natürlich ziemlich genau auf die jeweilige Stadt und insbesondere die Umstände des Landes in denen wir uns befinden abgestimmt werden. In Deutschland kann man schon einiges mit dem Recht auf die Nutzung des öffentlichen Raumes durchkriegen. Dies kann in einigen Ländern natürlich auch ganz anders aussehen. Wir haben schon Spaß daran, mal Grenzen auszutesten, schlussendlich aber auch eine Verantwortung den Partnern vor Ort und unserem Publikum gegenüber.

Ihr seid mit euren Touren schon weltweit unterwegs gewesen? Musstet ihr unterschiedlich an eure Arbeit herangehen? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gab es in der Wahrnehmung durch das Publikum?

Mittlerweile waren wir in den 15 Jahren, die es A Wall is a Screen schon gibt in mehr als 30 verschiedenen Ländern zu Gast. Darunter waren mit Japan, Indien, den palästinensischen Gebieten oder Thailand auch Länder, die sich kulturell schon stark von Deutschland und Europa unterscheiden. Hier müssen wir auf jeden Fall auf die Gegebenheiten und kulturellen Unterschiede reagieren. Insbesondere an die Nutzung des öffentlichen Raumes wird in vielen Ländern ganz anders herangegangen, als wir es gewohnt sind. Kulturelle Veranstaltungen auf der Straße sind vielerorts sehr ungewöhnlich und wie im Fall von Japan stark reglementiert. In den palästinensischen Gebieten ist der politische Aspekt bei allem, was man in der Öffentlichkeit macht, immer stark im Vordergrund. In Indien sind fahrende mobile Kinos zwar eine sehr gängige Sache, allerdings nicht in der Form wie wir es machen. Daher schauen wir selbstverständlich sehr genau, wie die jeweiligen Begebenheiten vor Ort sind. Es ist uns sehr wichtig, dass wir vor Ort mit Institutionen und Filmschaffenden zusammenarbeiten, um nicht als vollkommen unangebundener Fremdkörper aufzuschlagen. Der interkulturelle Dialog und das Kennenlernen und Zusammenarbeiten mit anderen Menschen vor Ort ist auch für uns persönlich ein sehr wichtiger Teil der Arbeit mit A Wall is a Screen.

Einer der für unsere Arbeit interessantesten Unterschiede ist die Wahrnehmung von Veranstaltungen und natürlich im speziellen Filmen im öffentlichen Raum. In Südeuropa zum Beispiel findet das Leben abends ohnehin draußen auf der Straße statt. Es ist normal den Fernseher vor das Haus zu stellen oder Filme unter freiem Himmel zu sehen, so dass eine Filmprojektion auf einer Häuserwand nicht zwingend für Aufmerksamkeit sorgt. In anderen Ländern wird das Ganze eher skeptisch mit der Frage, ob man sowas denn überhaupt dürfe, beäugt. Sobald das Publikum aber erst einmal dabei ist, ist es aber relativ egal, wo man ist und alle sind begeistert. Manchmal sind die Unterschiede in der Wahrnehmung auch eher vor der eigenen Haustür zu finden – das Publikum in Hamburg, Osnabrück, Berlin oder Aalen in Westfalen kann durchaus sehr unterschiedlich auf uns reagieren.

Bedeutet Kino weltweit das Gleiche?

In unserem Fall können wir da hauptsächlich von Kino auf der Straße sprechen und da ist weltweit das verbindende Element das Gleiche. Eine Gruppe von Menschen, die sich im Zweifelsfall vorher nicht kannte, lässt sich darauf ein, mit uns durch die Nacht zu ziehen, um Filme zu schauen. Da kommt es automatisch zu einem Gruppengefühl und zu einer Verbindung zwischen uns als Kuratierenden und Organisierenden und dem Publikum, die es im klassischen Kino im Saal nicht gibt. Wenn Englisch nicht als Lingua Franca funktioniert, lassen wir entweder übersetzen oder verzichten auf Filme mit Dialogen, so dass alle mit eingebunden sein können.  Somit entsteht bei allen A Wall is a Screen Touren – egal ob in Uljanowsk, Toronto, Tromsö oder Prizren – immer etwas einzigartiges, das für eine Dauer von ca. 90 Minuten (und manchmal auch darüber hinaus) Menschen in Ihrer Stadt zusammenbringt.