Interview mit Milo Rau „Dieser Prozess wäre in Den Haag nicht möglich“

Ein ehemaliger Rebell spricht als anonymer Zeuge vor dem Kongo Tribunal. Obwohl es ein Kunstprojekt war, hat die Inszenierung reale Wirkung gezeigt.
Ein ehemaliger Rebell spricht als anonymer Zeuge vor dem Kongo Tribunal. Obwohl es ein Kunstprojekt war, hat die Inszenierung reale Wirkung gezeigt. | Foto (Zuschnitt): © Vinca Film

Eine der wenigen Gerichtsverhandlungen, die sich bisher mit den Verbrechen im Ostkongo beschäftigt haben, ist in Wirklichkeit ein Kunstprojekt: Das „Kongo Tribunal“ des Theater- und Filmregisseurs Milo Rau hat Wirkung gezeigt und zwei Minister ihr Amt gekostet.

Herr Rau, für das politische Theater „Kongo Tribunal“ haben Sie Betroffene – Opfer, Täter und Zeugen – des bewaffneten Konflikts im Ostkongo zusammengebracht und Gerichtsverhandlungen mit echten Richtern und Anwälten inszeniert. Das Ganze wurde dann auch zu einem Film verarbeitet, der 2017 in die Kinos kam. Was bedeutet politisches Theater für Sie?

Das ist eine große Frage. Beim Kongo Tribunal kann man darüber streiten, ob der Begriff Theater überhaupt passt. Mir geht es eher um einen symbolischen Handlungsraum: Ich wollte damit den Konflikt darstellen und zudem ein Modell für Gerechtigkeit bereitstellen, das es in der Politik nicht gibt. Offiziell ist der Kongo eine „Post-conflict-zone“, dabei ist der Krieg, der mehr als fünf Millionen Menschen das Leben gekostet hat, keineswegs vorbei. Kurz gesagt: Der Krieg wird von allen Seiten geleugnet. Mein Anliegen war es deshalb, einen Raum zu schaffen, in dem die Tatsächlichkeit dieses Krieges beschreibbar wird und in dem zugleich seine verschiedenen Akteure, vor allem die Opfer, handlungsfähig werden.
 
Wie haben Sie das Projekt vorbereitet und wie sind Sie an die Betroffenen herangetreten?

Wir haben mit vielen verschiedenen Interessengruppen gearbeitet. Das hat gut zwei Jahre gedauert. Wir hatten kongolesische und europäische Anwälte, aber auch Aktivisten aus der Zivilgesellschaft, Leute aus der Regierung, aus Rebellengruppen, von Firmen. Über die Monate hinweg haben wir drei Fälle – ein Massaker und zwei Massenvertreibungen – mit Experten und Zeugen recherchiert. Es erstaunt mich immer noch, dass das alles mitten im Bürgerkriegsgebiet stattfinden konnte.
Milo Rau (links) anlässlich der Präsentation des Films im Dorf Mushinga in Süd-Kivu. Milo Rau (links) anlässlich der Präsentation des Films im Dorf Mushinga in Süd-Kivu. | Foto: © Vinca Film Das gesamte Tribunal dauert 30 Stunden. Gab es, als Opfer und Täter aufeinandertrafen, Situationen, die eskaliert sind?

Nicht in der Form, dass sie im Gerichtssaal übereinander hergefallen wären. Das war sehr gut vorbereitet und auch gut gesichert. Argumentativ ist es aber die ganze Zeit eskaliert, das war ja auch der Sinn. 
 
Haben die Teilnehmer vorher klare Anweisungen bekommen?

Ja. Es funktioniert wie ein richtiges Gerichtsverfahren. Der Präsident des Tribunals ist einer der Gründer des internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Jean-Louis Gilissen. Als ich ihn fragte, warum er das Kongo Tribunal präsidiert, sagte er: „Weil dieser Prozess in Den Haag nicht möglich wäre.“ Auch seine Kollegen im Kongo Tribunal sind richtige Richter und Anwälte. Der Untersuchungsleiter Sylvestre Bisimwa, zum Beispiel, ist der Präsident der kongolesischen Anwaltsvereinigung.
 
Nur das Urteil war schließlich nicht rechtskräftig. Hat das Tribunal trotzdem etwas verändern können?

Abgesehen von dem Tribunal gab es tatsächlich nie einen umfassenden Prozess zum Bürgerkrieg im Ostkongo. Die Wirkung des Kunstprojekts war einzigartig: Minister wurden entlassen und das Tribunal ist zu einem Modell für zivile Rechtsprechung in der Region geworden. Es gibt bereits Folgetribunale. Wir führen diese nicht mehr selbst durch, aber wir finanzieren sie über Crowdfunding und private Förderer, und natürlich begleiten wir sie juristisch und organisatorisch. Auf der Archivseite des Kongo Tribunals kann man sich an der Finanzierung weiterer Tribunale beteiligen. 
 
Für ein Kunstprojekt ist das außergewöhnlich.

Kunst hat hier eine neue Institution erfunden, die dann real wurde. Wenn man sich die Geschichte der westlichen Demokratien anschaut, ist das aber gar nicht so ungewöhnlich. Das deutsche Parlament wurde damals auch einfach ausgerufen. Das französische Parlament wurde von den Abgeordneten 1789 erfunden, die sagten: „Wir sind die Nation.“ Am Anfang steht immer ein quasi künstlerischer Akt der Kreation, ein Self-Empowerment, das später zur Institution wird. Nur dass wir uns im Westen schon ziemlich daran gewöhnt haben, dass es solche Institutionen gibt und wir uns, wenn uns ein Unrecht widerfährt, einfach an ein Gericht wenden können. Vor 200 Jahren gab es das hier noch nicht, und so ist das in vielen Teilen der Welt bis heute. Eine globale Wirtschaft – und darum geht es im Kongo Tribunal: um die Verbrechen multinationaler Firmen – braucht eine globale Rechtsprechung.
Adalbert Murhi, der damalige Minenminister der Provinz Süd-Kivu, wird bim Kongo Tribunal von der Jury befragt. Später musste er sein Amt abgeben. Adalbert Murhi, der damalige Minenminister der Provinz Süd-Kivu, wird bim Kongo Tribunal von der Jury befragt. Später musste er sein Amt abgeben. | Foto: © Vinca Film Was bedeutet es Ihnen, dass das Kongo Tribunal auf dem Roma Europa Festival aufgeführt wird? 

Wir haben schon ein paar Stücke auf dem Festival gespielt. Jetzt läuft dort zum ersten Mal ein Film von mir. Das ist toll! 
 
Hatte es einen speziellen Grund, dass die Tribunale in kongolesischen Bukavu und in den Berliner Sophiensälen stattfanden?

Absolut. Ende des 19. Jahrhunderts fand die Kongokonferenz in Berlin statt, da wurde der Kongo erfunden beziehungsweise auf der Karte eingezeichnet und an Belgien überschrieben. Damit begann das Elend dieses Volkes. Der Kongo hatte schon immer das, was die europäische Wirtschaft brauchte: Damals Kautschuk, später Uran für die Atombomben, dann Gold, Coltan et cetera. Paradoxerweise liegt das Unglück des Kongo in seinem Reichtum. Diese geschichtliche Dimension war ein Grund für mich, einen Teil des Tribunals in Berlin zu machen: um zu untersuchen, wie weit die EU, vor allem die deutschen und schweizerischen Firmen, in diese Verbrechen verwickelt sind. Und Bukavu, das mitten im Bürgerkrieg liegt und immer wieder selbst Ort von Massaker ist, war natürlich zwingend. 
 
Mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen – haben wir die Chance, etwas zum Guten zu verändern?

Dinge können verändert werden. In der Schweiz zum Beispiel gibt es die Konzern-Verantwortungs-Initiative. Die Unternehmen sollen transparent machen, woher sie ihre Rohstoffe beziehen, zu welchem Preis sie diese kaufen, unter welchen Bedingungen die Arbeiter arbeiten, die ganzen Lieferketten. Das ist ein Anfang. Es lässt sich alles ändern!