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Bühnenbild
„Tradition der Vielfalt“

Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ unter der Regie von Stephan Märki am Konzert Theater Bern. Bühnenbild: Philip Fürhofer.
Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ unter der Regie von Stephan Märki am Konzert Theater Bern. Bühnenbild: Philip Fürhofer. | Foto (Detail): © Tanja Dorendorf T+T Fotografie

In kaum einem Land der Welt gibt es so viele Theater- und Konzerthäuser wie in Deutschland. Ob im kleinen Privattheater oder in großen Opernsälen – für das besondere Theatererlebnis sorgen immer auch die Bühnenbildner.

Von Nadine Berghausen

Die höchste Theaterdichte weltweit – damit hat Deutschland sich bei der UNESCO um die Auszeichnung zum immateriellen Kulturerbe beworben. Ob im kleinen Kellertheater oder in großen Konzerthallen, ob Schauspiel, Puppentheater, Oper oder Musical: Für ein besonderes Erlebnis sorgen an den Spielstätten immer auch die Bühnenbildner. Im Interview geben die Szenografen Katrin Nottrodt und Philipp Fürhofer Einblicke in die Welt der Bühnenbildner in Deutschland – und erzählen, was sie an ihrer Arbeit besonders fasziniert.


Frau Nottrodt, Herr Fürhofer, Sie arbeiten beide seit vielen Jahren an unterschiedlichen Spielstätten im In- und Ausland. Erkennen Sie in Deutschland eine eigene Bühnenbild-Tradition, ein typisch deutsches Bühnenbild sozusagen?

Philipp Fürhofer: Es gibt in der deutschen Theatergeschichte unzählige prominente Bühnenbildner*innnen – angefangen beim Architekten Friedrich Schinkel über Josef Hoffmann, den Österreicher, der Richard Wagners ersten Ring des Nibelungen in Bayreuth gestaltet hat, bis zu Bertolt Brechts legendärem Bühnenbildner Caspar Neher, um nur einige sehr unterschiedliche Beispiele zu nennen. Diese Vielfalt an inhaltlichen und ästhetischen Setzungen ist bis heute immer noch größer geworden. Selbst in einer Theaterstadt wie Berlin kann ich zwar einzelne Handschriften der jeweiligen Regieteams erkennen, generelle oder an Deutschland festzumachende Charakteristika sehe allerdings ich nicht. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass schon aufgrund der in Deutschland außergewöhnlich großen Menge an Theatern und Bühnen eine Tradition der Vielfalt gepflegt wird.

Katrin Nottrodt: Die Theaterwelt in Deutschland ist extrem dicht. Dadurch entsteht ein großer Austausch. Aber auch Konkurrenz, also positives Schauen, was der Nachbar so macht. Das mischt auf und bereichert die Kulturwelt immens.

Dass die Szene, wie Sie sagen, von Vielfalt und Austausch geprägt ist, und so ganz unterschiedliche Stile auf der Bühne zu sehen sind – ist das eine deutsche Besonderheit, oder eher eine Besonderheit der Bühnenbildkunst?

Philipp Fürhofer: Wie fast jeder andere gesellschaftliche Bereich ist die Kunst, und ganz besonders das Theater, ein Treffpunkt vieler unterschiedlicher Menschen, die mindestens europäisch, meistens aber international vernetzt arbeiten. Bühnenbild ist immer Teil eines Gesamtkunstwerkes, das getragen wird von vielen Beteiligten, es entsteht im Dialog mit Regisseur*innen, Darsteller*innen und einem großen Team am Theater. Ganz logisch ergibt sich daraus eine große Diversität, da unterscheidet sich Deutschland nicht von anderen europäischen Kulturnationen. Hinzu kommt, dass viele Theaterschaffende wie ich nicht nur Produktionen im eigenen Land, sondern auch im Ausland haben.  

Wo würden Sie das Bühnenbild neben Disziplinen wie Architektur, Bildender und Darstellender Kunst verorten?

Katrin Nottrodt: Das Bühnenbild ist eine Emulsion aus allen drei Disziplinen. Wenn mein Werk, das Bühnenbild, ausgestellt wird, dann habe ich die Textgrundlage gelesen, interpretiert, mit der Regie diskutiert, Kritik angenommen, gemalt, dreidimensionale Modelle gebaut, technische Zeichnungen erstellt, budgetiert, in den Werkstätten mit vielen Handwerkern bauen lassen und Lichtstimmungen kreiert. Im Bühnenbild muss es zudem eine große Bereitschaft des Künstlers oder der Künstlerin geben, eigene Ideen zu verwerfen und vielleicht die des anderen im künstlerischen Team zu akzeptieren.

Philipp Fürhofer: Die Geschichte des Bühnenbilds ist voller Beispiele von Grenzgänger*innen.  Architekten und Künstler wie Friedrich Schinkel, Bob Wilson, Pablo Picasso oder William Kentridge haben mehr oder weniger häufig und intensiv an Bühnenbildern gearbeitet. Ich persönlich arbeite als bildender Künstler auf diversen multimedialen Feldern, wobei Bühnen- oder Kostümbild eine mögliche Form darstellt, die mich seit meiner Kindheit fasziniert.

  • Inszenierung von „Peer Gynt“ nach Hendrik Ibsen unter der Regie von Sigrid Strøm Reibo an der Nationaloper Norwegen in Oslo. Bühnenbild: Katrin Nottrodt. Foto: © Erik Berg
    Inszenierung von „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen unter der Regie von Sigrid Strøm Reibo an der Nationaloper Norwegen in Oslo. Bühnenbild: Katrin Nottrodt.
  • Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ unter der Regie von Stephan Märki am Konzert Theater Bern. Bühnenbild: Philip Fürhofer. Foto: © Tanja Dorendorf T+T Fotografie
    Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ unter der Regie von Stephan Märki am Konzert Theater Bern. Bühnenbild: Philip Fürhofer.
  • Inszenierung von „Macbeth“ am Staatstheater Karlsruhe mit Jaco Venter und den Damen des Badischen Staatsopernchors. Bühnenbild: Philip Fürhofer. Foto: © Falk von Traubenberg/Staatstheater Karlsruhe.
    Inszenierung von „Macbeth“ am Staatstheater Karlsruhe mit Jaco Venter und den Damen des Badischen Staatsopernchors. Bühnenbild: Philip Fürhofer.
  • Inszenierung von „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen unter der Regie von Sigrid Strøm Reibo an der Nationaloper Norwegen in Oslo. Bühnenbild: Katrin Nottrodt. Foto: © Erik Berg
    Inszenierung von „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen unter der Regie von Sigrid Strøm Reibo an der Nationaloper Norwegen in Oslo. Bühnenbild: Katrin Nottrodt.

Als wie wichtig wird das Bühnenbild im Schauspielbetrieb anerkannt?

Katrin Nottrodt: Das Bühnenbild hat leider nicht immer einen hohen Stellenwert. Die Entwurfszeiträume werden immer kürzer, Spielzeiten werden spontan umdisponiert – da wird uns kaum Zeit für die Thematik und Ideen gegeben. Etwas ketzerisch ausgedrückt: Wenn das Bühnenbild in den Kritiken nicht erwähnt wird, dann hat es nicht gestört. Schlimmer ist es aber im Kostümbild und für die Lichtdesigner, die häufig gar nicht erwähnt werden. Es gibt natürlich die Auszeichnungen durch die Theaterzeitschrift Theater heute, die sich sicher jeder von uns wünscht. Außerdem vertritt uns der Bund der Szenografen immer besser. Das ist sehr wichtig. Dennoch: Eine größere Beachtung und Wertschätzung wäre wünschenswert.

Was begeistert Sie dennoch an Ihrer Aufgabe?

Philipp Fürhofer: Ich bin mir immer bewusst, dass ein guter Theaterabend nur dann entsteht, wenn alles zusammenspielt. Das Bühnenbild ist ein sehr direkter und unmittelbarer Faktor, der den Zuschauer ab dem Öffnen des Vorhangs die ganze Vorstellung hindurch begleitet. Diese Aufgabe fasziniert mich sehr. Darsteller, Texte und Töne kommen und gehen, die Bühne ist die Konstanz des Abends.

Sie beide wurden für das Deutsch-Dänische Kulturelle Freundschaftsjahr 2020 nach Dänemark eingeladen. Herr Fürhofer, Sie haben dort bereits zwei Opernprojekte umgesetzt und arbeiten nun für das Schauspielhaus Holstebro an einer Inszenierung von „Hamlet“. Frau Nottrodt hat Bertold Brechts „Mutter Courage“ am Königlichen Theater in Kopenhagen gestaltet. Welche Erfahrung haben Sie bisher in Dänemark gemacht? Haben Sie Unterschiede zwischen der Arbeit an einer deutschen und einer dänischen Spielstätte ausmachen können?

Philipp Fürhofer: Meine Erlebnisse waren hier immer exzellent. Die dänische Mentalität ist ja höflich, freundlich und professionell. Im Arbeits- und Produktionsablauf gibt es Unterschiede, die aber nicht typisch deutsch oder typisch dänisch sind, sondern abhängig von dem jeweiligen Theater. Ich bin mir sicher, dass es in Kopenhagen ein völlig anderes Arbeiten als in Aarhus ist; ebenso unterschiedlich sind aber auch die Staatsoper in München oder die Schaubühne in Berlin.

Katrin Nottrodt: Ich glaube auch, dass wir uns alle als eigenständige Künstler begreifen, und da unterscheidet sich Deutschland nicht von Dänemark. Da sind wir uns gleich.

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