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Streamingdienste
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Stand der Netflix-Serie „Dark“ auf der Computerspielmesse Gamescom 2019 in Köln.
Stand der Netflix-Serie „Dark“ auf der Computerspielmesse Gamescom 2019 in Köln. | Foto Detail: © picture alliance/Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Ob Netflix, Apple TV oder RTL TVNow: Das Streamen von Serien und Filmen boomt in Deutschland. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ziehen nach – und produzieren nun sogar selbst aufwendige Serien mit internationalem Anspruch.

Von Romy König

Es herrscht Goldgräber-Stimmung unter Netflix, Amazon Prime Video und Co: Ende 2019 erwirtschafteten die Anbieter von kostenpflichtigen und werbefinanzierten Video-Streamingdiensten allein in Deutschland einen Gesamtumsatz von 3,6 Milliarden Euro, wie die Beratungs- und Forschungsgruppe Goldmedia in einer aktuellen Studie ermittelte. Den Analysten zufolge werden diese Zahlen in Zukunft noch steigen: Bis 2024 rechnen sie mit einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 13 Prozent. 

Spitzenreiter unter den Streaminganbietern in Deutschland waren Anfang 2020 Amazon Prime Video mit den meisten verkauften Streaming-Abos und sein größter Konkurrent Netflix, der bei den täglichen Nutzerzahlen vorne liegt. Neben Filmen anderer Produzenten bietet der Sender aus Kalifornien immer mehr eigene Inhalte, sogenannte Netflix Originals. Nachdem er mit Serien wie Stranger ThingsThe Crown oder Black Mirror international Erfolge feierte, erschien 2017 mit Dark die erste deutsche Netflix-Produktion. Auch Amazon produziert eigene Inhalte, darunter starbesetzte Serien wie etwa Homecoming mit Julia Roberts, Modern Love mit Anne Hathaway oder, in Deutschland, die Fortsetzung der Comedyreihe Pastewka.

Doch Netflix und Amazon sind nicht allein am Markt. 2015 führte der Pay-TV-Sender Sky mit Sky Ticket ebenfalls ein Streamingangebot ein. Der Anbieter Disney+ ging im März 2020 in Deutschland an den Start und erreichte mit seiner Star-Wars-Serie The Mandalorian sogleich Platz 6 der deutschen Streamingcharts. Daneben suchen Entwicklungen aus dem Hause privater TV-Sender ihren Platz im Streaminggeschäft: TV Now von RTL und Joyn von ProSiebenSat.1 wurden als werbefinanzierte Plattformen entworfen, sind aber mittlerweile um optionale Premium-Abo-Funktionen erweitert worden. Ebenfalls neu auf dem Markt ist Apple TV Plus, der ausschließlich Eigenproduktionen zeigt.
Die Serie, wegen der jeder ein Netflix-Abo haben wollte, um den Underwoods beim politischen Ränkespiel zuzusehen: „House of Cards“. Die Serie, wegen der jeder ein Netflix-Abo haben wollte, um den Underwoods beim politischen Ränkespiel zuzusehen: „House of Cards“. | Foto (Detail): picture alliance/Everett Collection/David Giesbrecht

Immer weniger junge Menschen wollen linear fernsehen

Dass die Zahl der Streaminganbieter wächst, ist angesichts des Nutzerverhaltens kaum verwunderlich. Zwar sehen immer noch viele Menschen in Deutschland auf herkömmliche Art fern, doch der Anteil der Fernsehnutzer an der Gesamtbevölkerung sinkt. Vor allem die jüngere Generation kehrt dem Fernsehen den Rücken zu. Zu diesem Ergebnis kam im letzten Jahr eine Studie von ARD und ZDF: Demnach schauen 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen mindestens einmal pro Woche fern; 75 Prozent jedoch sehen sich mindestens einmal wöchentlich ein Video über einen Streaming-Dienst an. Fernsehsendungen mindestens einmal pro Woche zeitversetzt im Netz zu schauen, also etwa über Mediatheken der großen Sender, geben immerhin zwei Drittel der jüngeren Mediennutzer an.

Zweigleisig mit Mediathek

Auf diese Wende im Zuschauerverhalten reagieren auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Während die privaten zahlungspflichtige Streamingangebote auf den Markt gebracht haben, will die Sendeanstalt ARD vor allem ihre Mediathek „massiv ausbauen“. Dazu gehört auch, einzelne Angebote schon vor der TV-Ausstrahlung digital bereitzustellen. So wurde etwa die Historienserie Unsere wunderbaren Jahre vorab in der Mediathek angeboten und verzeichnete mit rund 7,6 Millionen Zugriffen online mehr Zuschauer als die lineare TV-Ausstrahlung. 

Auch für Thomas Bellut vom ZDF hängt die Zukunft seines Senders von dessen Mediathek ab, wie der Intendant laut Medienbericht schon 2018 auf einer Produzententagung sagte. Künftig sollen in der ZDF-Mediathek sogar Inhalte gezeigt werden, die nur einen losen oder auch gar keinen Bezug zur linearen Ausstrahlung einer Sendung haben. Besonderes Augenmerk legt das ZDF nach eigenen Angaben auf seinen Spartenkanal ZDFneo, dessen Formate in der Mediathek steigende Zugriffszahlen verzeichnen. Vor allem die jüngere Zielgruppe fühle sich „von eigenen ZDFneo-Formaten, Auftragsproduktionen, Koproduktionen und internationalen Lizenzankäufen angesprochen“, heißt es beim ZDF. Aufsehen erregte der Sender, als er während des Corona-Lockdowns kurzfristig die Serien Drinnen und Liebe.Jetzt! produzieren ließ und erst auf der Mediathek sowie später, als Zusammenschnitt, auf ZDFneo zeigte.
Kennt man große Premierenfeiern sonst nur von und für Kinofilme, setzte „Babylon Berlin“ auch hier neue Maßstäbe – die Veröffentlichung der dritten Staffel wurde Ende 2019 zünftig gefeiert. Kennt man große Premierenfeiern sonst nur von und für Kinofilme, setzte „Babylon Berlin“ auch hier neue Maßstäbe – die Veröffentlichung der dritten Staffel wurde Ende 2019 zünftig gefeiert. | Foto (Detail): picture alliance/Reuters/Annegret Hilse

Internationales Filmniveau – made in Germany

Inhaltlich und gestalterisch versuchen die öffentlich-rechtlichen Sender ohnehin schon länger, mit den großen, internationalen Produktionen mitzuhalten. Ihre Antworten auf House of Cards oder Breaking Bad lauten: Bad Banks oder auch Babylon Berlin. Beides horizontal erzählte Serien mit vielschichtigen Figuren, die – aufbauend auf kreativen Drehbüchern – hochkarätig produziert wurden und so ein Millionenpublikum finden. 

Dafür schließen sich die Öffentlich-Rechtlichen mit privaten Sendern oder Firmen zusammen: Die Mammutproduktion Babylon Berlin etwa – mit einem 38-Millionen-Budget allein für die ersten 16 Folgen, mehreren hundert Drehorten, 180 Drehtagen und 5000 Statisten – entstand in einer Kooperation zwischen der ARD und dem privaten Sender Sky. Alle drei bislang fertiggestellten Staffeln wurden zunächst beim Pay-TV-Partner ausgestrahlt – obwohl zum Teil mit öffentlichen Geldern finanziert – und liefen erst Monate später in der ARD. Auf kritische Nachfragen des Medienmagazins DWDL entgegnete ARD-Chef Volker Herres, dass es nur in solchen Kooperationen möglich sei, eine „derart hohe Qualität zu gewährleisten“. Die Sender hoffen auf internationale Verwertbarkeit: Bad Banks etwa, eine Ko-Produktion der Sender ZDF und Arte sowie zweier privater Filmfirmen aus Hamburg und Luxemburg, wurde mittlerweile nicht nur an viele Länder, sondern auch an unterschiedliche Streaming-Plattformen verkauft, darunter neben Netflix und Amazon Prime Video auch HBO Skandinavien und die US-Plattform Hulu. Mit seiner nächsten großformatigen Produktion setzt das ZDF sogar noch gezielter auf internationale Vermarktung: Noch für 2020 ist die Verfilmung von Frank Schätzings Bestseller Der Schwarm geplant. Gedreht wird auf Englisch, der Game-of-Thrones-Produzent Frank Doelger ist mit an Bord sowie als Partner die Sender RAI, France Television und die skandinavischen Plattform Viaplay.

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