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Ökokolonialismus
Das neue Zeitalter der Bedrohungen für Indigene Völker

Windpark
Saubere Energie ist nicht gleich ethische Energie | Foto (Detail): Hinrich Bäsemann © picture alliance

Wer zu „grünem Kolonialismus“ oder „Ökokolonialismus“ recherchiert, wird auf eine ganze Reihe aktueller Beispiele stoßen, in denen Indigene Völker und andere vulnerable Gruppen gegen Landkonflikte auf ihrem Gebiet kämpfen. Nun kann man mit Sicherheit sagen, dass Landkonflikte für Indigene Völker nichts Neues sind – tatsächlich sind solche Konflikte vielleicht das Einzige, was alle Indigenen Völker gemeinsam haben. Aber im Zeitalter der Klimakrise ist ein neuer Typ von Landkonflikt hinzugekommen, der die Existenzgrundlage, die Kulturen und das Überleben der Indigenen Völker bedroht.

Von Petra Laiti

Traditionell entstehen Landkonflikte und Landstreitigkeiten durch Kolonisatoren, die im Gegensatz zu den lokalen Indigenen Bewohner*innen die Regierungsmacht annektiert haben und über Landnutzung und Landrechte entscheiden. Historisch betrachtet wurde die Indigene Landverwaltung wohl nicht als solche anerkannt oder von Kolonisatoren bewusst abgelehnt. Als Indigene Völker auf der ganzen Welt gewaltsam umgesiedelt, assimiliert und unterdrückt wurden, errichteten kolonisierende Staaten mit Gewalt die Kontrolle über das Land, auf dem diese Indigenen Völker seit Tausenden von Jahren gelebt hatten. Bis heute bezeichnen Indigene Völker annektiertes Land als „gestohlenes Land“, und das mit Recht.

Zeitgenössische Landkonflikte und Indigene Völker 

Für Menschen, die sich mit Indigenen Belangen nicht auskennen, kann es manchmal schockierend sein zu erfahren, dass gewaltsame Landkonflikte zwischen Indigenen Völkern und Kolonisatoren bis zum heutigen Tag existieren. Ein tragisches Musterbeispiel aus der Gegenwart ist der Konflikt um die „Dakota-Access-Pipeline“ in North Dakota in den USA. Es begann 2016, als die Pipeline in die Nähe des Standing-Rock-Sioux-Reservats trassiert wurde. Der Stamm sprach sich dagegen aus, weil er durch die Pipeline eine Verschmutzung der Wasserversorgung befürchtete. Der Widerstand wuchs von einem Protestcamp in North Dakota aus zu einer weltweiten Protestbewegung. Die Spannungen zwischen den Strafverfolgungsbehörden und der Protestbewegung nahmen zu und führten schließlich zu einem Konflikt mit Polizei und Militärgewalt gegen die Demonstrant*innen. Dank sozialer Medien erreichten die Meldungen über den Terror und die Gewalt an den Indigenen Stämmen Millionen Menschen und riefen Unterstützung und Solidarität mit den Indigenen Völkern rund um den Globus hervor.
 
Die Ereignisse von Standing Rock sind ein zeitgenössisches Beispiel dafür, womit man heute generell Indigene Völker verbindet: Land und Wasser vor umweltschädlichen Industrieunternehmen zu schützen. Da jedoch die Klimakrise unseren Blick auf die Welt verändert hat, hat es sich auch geändert, was wir als ein sinnvolles Projekt erachten. Wir wissen bereits, welche Industriebereiche in den kommenden Jahren ersetzt werden müssen, um den Planeten weiterhin bewohnbar zu erhalten. Energie- und Infrastrukturprojekte mit einem umweltschädlichen Risiko wie die Dakota-Access-Pipeline sind von gestern. Es wäre einleuchtend anzunehmen, dass saubere, erneuerbare Energiequellen da sind, die nicht nur eine Wende hin zu Emissionsreduzierungen, sondern auch zu der Erzeugung ethischer Energie bewirken sollen. Die besorgniserregenden Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen aber, dass Indigene Völker von Natur aus verletzlich sind angesichts jeglicher Landnutzungsprojekte, ganz egal aus welchem Grund.

Der Kampf der Sámi gegen die Windkraft

Windkraft scheint eine perfekte Lösung zu sein, um die Energiequellen in der Arktis auszubauen. Sie halten den Klimabedingungen der Polarnacht stand, wo Sonnenenergie nicht mithalten kann. Windkrafträder benötigen kein eingezäuntes Gebiet und die Tiere können sich frei um sie herum bewegen. Darüber hinaus produzieren sie erneuerbare, saubere Energie, die die Indigene Bevölkerung schmerzlich benötigt, um die rückläufige Biodiversität auf ihren Gebieten zu schützen. Aber die Sámi haben auch ihre Erfahrung mit einer dunklen Seite dieser Industrie gemacht.

Die Gebiete der Sámi sind sehr ländlich mit einer extrem fragilen Natur. Die Rentierhaltung als Existenzgrundlage der Sámi-Kultur erfordert enorme Landflächen, weil die Rentiere im Wechsel der Jahreszeiten über die arktischen Landschaften getrieben werden. Die Wildnis ist gewaltig, nur ab und zu führen Straßen hindurch. Wenn man Windkraftanlagen in großem Stil auf Sámi-Gebieten bauen will, muss man oft auch die gesamte Infrastruktur rund um die Windkrafträder bauen: Straßen, Stromleitungen, provisorische Unterkünfte für die Bauarbeiter*innen und so weiter. Diese würde bereits Schaden auf diesem fragilen Land anrichten, bevor der Windpark jemals genutzt wird. Was aber die Sámi wirklich beunruhigt, sind Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Rentiere Angst vor den Turbinen haben und Windparks häufig meiden, besonders während sie kalben. Somit wäre es egal, dass Windparks keine verbotenen Gebiete sind, da das Rentier das Gebiet ohnehin meidet. Die Tiere werden so auf immer engere Gebiete gedrängt und auf den immer kleineren Landflächen entsteht ein erhöhter Druck auf die biologische Vielfalt.

Wenn ein im großen Stil angelegter Windpark eine Indigene Gemeinschaft vernichtet und ihr die Lebensgrundlage raubt, kann das noch nachhaltig, sauber oder ethisch sein?

Darüber hinaus gibt es das Problem der Entscheidungsbefugnis. Die Sámi werden nicht routinemäßig in Entscheidungsprozesse einbezogen, wenn es um ihr Land geht, und sie müssen sich sehr bemühen, um den Staat zur Einhaltung des Rechts auf Selbstbestimmung zu bewegen, das ihnen als Indigenem Volk zusteht. Auch wenn die Sámi einen formellen Status in den nordischen Ländern besitzen, haben sie nur ein sehr begrenztes Mitspracherecht bei Angelegenheiten, die sie betreffen. Häufig mussten sie auf gewaltfreie Aktionen und Proteste zurückgreifen, um sich Gehör zu verschaffen.
 
Windparks scheinen sich zu den größten Landkonflikten zu entwickeln, mit denen die Sámi in jüngster Zeit konfrontiert werden. Insbesondere Norwegen ist dabei mit verschiedenen groß angelegten Windparks auf Sámi-Gebieten vorangegangen, was die Sámi zu Protesten veranlasst hat und sie rechtliche Schritte einleiten ließ, um für ihre Rechte zu kämpfen. Aktuell sollen zwei dieser Konflikte zwischen Windparks und Sámi vor Gericht ausgetragen werden.

Die heftigen Rechtskämpfe haben einen Wermutstropfen bei diesen nachhaltigen Entwicklungsprojekten hinterlassen, weil sie die Frage aufwerfen: Für wen werden diese Projekte gebaut? Wenn ein im großen Stil angelegter Windpark eine Indigene Gemeinschaft vernichtet und ihr die Lebensgrundlage raubt, kann das noch nachhaltig, sauber oder ethisch sein? Indigene Völker würden es natürlich verneinen.

Saubere Energie ist nicht gleich ethische Energie

Das aktuelle Beispiel der Sámi zeigt, wie indigene Völker mit einer neuen Welle von Ökokolonialismus konfrontiert werden. Das Land der Indigenen Völker wird auf Kosten von nachhaltiger Energie ausgebeutet. Im Grunde beraubt man die Indigenen Völker ihrer Lebensgrundlage, um die Lebensgrundlagen und Konsumgewohnheiten der Allgemeinheit fortsetzen zu können. Die Zeit wird zeigen, ob dies ein globales Phänomen wird, aber die nordischen Länder haben in diesem Punkt kein gutes Beispiel für die Belange der Indigenen gegeben. Wenn so der Führungsstil auf dem Gebiet der erneuerbaren Energie aussieht, müssen sich die Indigenen Völker weltweit noch auf schlimmere Jahre gefasst machen.

Petra Laiti engagiert sich aktiv für die Rechte der Sámi und arbeitet als politische Assistentin im finnischen Parlament. Zuvor hat sie sich für Angelegenheiten samischer Jugendlicher engagiert und sich mit Fragen des Bodenrechts und Indigener Selbstbestimmung auseinandergesetzt. Laiti ist darüber hinaus Bloggerin und sehr aktiv in den sozialen Medien, und hat einen Master in Business Administration.

 

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