Tschechische Republik
Karel Škrabal

Musst du noch mehr über Fußball hören?

Karel Škrabal erinnert der tschechische Fußball vor allem an Bestechungsskandale und die Frage, wo die Fans dabei bleiben. Warum er dennoch zu den Spielen geht, bekennt der Rowdy in einem Gedicht.

Übersetzung: Patrick Hamouz

Lass uns unterscheiden: Wenn Jungs hinter dem Haus oder am Dorfrand der Pille hinterherrennen, sagen wir dazu Bolzen. Darüber werden wir nicht viel sprechen. Alles andere nennen wir Fußball. Fußball ist das Vorbild für den Kerl am Dorfteich oder zwischen den Mehrfamilienhäusern.

Wir leben in der Epoche des Fußballs. Fußball ist die Kirsche auf der sauren Torte der heutigen Zeit. Jede Feindschaft hat ihre Entsprechung im Fußball. Religiöse, politische, regionale Ungleichheiten – es reicht nur die jeweiligen ausländischen oder einheimischen Besonderheiten einzusetzen. Protestanten vs. Katholiken, Ultralinke vs. Ultrarechte, Zentrum vs. Peripherie.

Der auf lange Sicht beliebteste, bekannteste und reichste tschechische Klub ist ein Abbild von Politik und Business. So geht die Zeit voran: Die Kommunisten bei Sparta, Rechtskonservative bei Sparta, Oligarchen bei Sparta. Chinesische Kohle bei Slavia. Pilsen mit Berbr (Roman Berbr, dem Vizepräsidenten des Tschechischen Fußballverbandes, wurde vorgeworfen, zugunsten des Klubs Viktoria Pilsen Einfluss auf die Erstligaschiedsrichter zu nehmen, Anm.d.R.). So wurde Pilsen genau wie die, die man früher so gehasst hat. Mafiabonzen-Blattgold. So wie die Handtaschen der Fußballboss-Gattinnen auf der Pariser Straße in Prag. In Russland spricht im großen Business angeblich niemand mit dir, wenn du keinen Großklub hast. Kerls messen ihre Schwänze auf dem Tresen, diese ihre Elfen auf dem Rasen.

Fußball gibt es nur einen, nur Pelta (Gegen Miroslav Pelta, seit 2011 Präsident des Tschechischen Fußballverbandes, wurde wegen des bislang größten Bestechungsskandals im tschechischen Fußball von 2003 ermittelt. Aus einem der abgehörten Telefongespräche stammt sein Ausdruck: „Alles war gezinkt.", Anm.d.R.) hat sieben Leben. Was blieb vom gezinkten Frühling? 2003, es ist wie gestern und doch so lange her. Ein veröffentlichtes Abhörprotokoll... Riesenspaß – Ivan, mein Freund, was du ihm gesagt hast, haste gut gesagt... (Ivan Horník, Fußballfunktionär, wurde als einer der Hauptakteure des Bestechungsskandals von 2003 verurteilt. Anm.d.R.) Es heißt, man habe sich jetzt schon versprochen, dass man sich wegen dem Chinesen in der Liga in Zukunft zurückhalten wird. Gerüchte? Gerüchte waren immer die Quelle relevanter Informationen für die Fußballöffentlichkeit.

Der schlechteste Präsident hat abgemacht, dass wir den Chinesen Fußball und Eishockey beibringen werden. Jaromír Jagr ist unser Pelé. Masopust ist gestorben. Der letzte Edelmann. Pavel Nedvěd gründet eine Schule des tschechischen Fußballs in China. Zur Hälfte mit dem kleinen Maulwurf. Die goldene Aktie hält ein Panda. Der Eigentümer von Sparta besitzt die einzige heimische Sport-Tageszeitung.

Und trotzdem bleibst du Fan deines Klubs. Stehst im halbleeren Stadion. Auf den Reisen zu den Auswärtsspielen verlierst du dein Bürgerrecht. Du bist ein Komparse für Schlagstöcke und Polizeimanöver. Trotzdem bist du froh, nicht aus Jablonec zu sein. Dass du nicht in Příbram geboren bist oder dass du nicht auf der Arbeit umsonst Eintrittskarten für Mladá Boleslav bekommst (In Mladá Boleslav hat der Automobilhersteller Škoda seinen Sitz. Er ist nicht nur größter Arbeitgeber der Stadt, sondern auch Hauptsponsor des lokalen Erstligaklubs, Anm.d.R.).

Der Präsident des tschechischen Fußballverbandes beschäftigt in dem Erstligaklub, den er besitzt, die größte Ikone der Fußballbestechung. Musst du noch mehr hören?

Wir haben nicht ein einziges Fußballstadion, dass sich für die Austragung eines EM-Spiels bewerben könnte. Nicht einmal unser bestes erfüllt die Anforderungen an Minimalkapazität und Ausstattung. Ein paar Verzweifelte schreien auf den Tribünen: „Tschechischer Fußball für die Fans!“ Heute hat ein Pokalspiel zu einer Uhrzeit angefangen, zu der die Leute noch auf der Arbeit sind. An die Fans denkt man nicht. Nicht einmal pro forma.

Und doch gehe ich hin. Warum? Ich weiß nicht. Ich sorge mich, was auf den Fan-Transparenten an der Tribüne wieder für eine Scheiße gegen Flüchtlinge auftaucht. Und ich werde mich wieder schämen, dass ich auf der gleichen Tribüne stehe, im gleichen Stadion, auf der gleichen Seite des Polizeikordons. Wir sind nicht in Deutschland. Hier sind auf den Tribünen Patrioten. Die patriotischsten in Klamotten von Thor Steinar.

Aus der Presse: „Fans von Sparta Prag haben beschlossen, die Partie des zweiten Spieltags der Gruppenphase der Europa League gegen Nikosia zu boykottieren. Ihnen missfällt die Haltung der UEFA, die festgelegt hat, dass alle Teilnehmer an den europäischen Pokalwettbewerben einen Euro jeder Eintrittskarte ihres ersten Heimspiels zur Unterstützung von Flüchtlingen spenden sollen.“

Ich habe über Fußball Dutzende Gedichte geschrieben. Dieses hier ist das letzte. Am Ende kommt, warum ich am Wochenende wieder hingehen werde:

Gefühlloser Rowdie

Der Eigner meines Klubs
ist Verbrecher und Mafioso
Die Stürmer meines Klubs
sind faule Tollpatsche
Und die Verteidiger faule Säcke
Der Sprecher meines Klubs
ist ein Arschkriecher und Depp
Der Sekretär wiederum ein schmieriges
verlogenes Schwein
Der Trainer ist ein hochtrabender Pisser
den sie überall rausgeschmissen haben
Die Ordner in unserem Stadion
sind aggressive Trottel
und das gezapfte Bier
die schlimmste Pisse der Welt
Zuletzt haben wir verloren
und nächstes Mal verlieren wir wieder
Am Ende steigen wir entweder ab
oder nur knapp nicht ab
Mich kotzt das nicht an
Ich bin ein gefühlloser Rowdie