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Helena Kanaan
Von der Materie zum Strömen der Natur, der Zeit und des Lebens

RITIDOMA, 2018; Litografia e látex; 2m X 80m X 20m (edit.)
RITIDOMA, 2018; Lithographie und Latex; 2m X 80m X 20m (edit.) | Werk: Helena Kanaan | Foto: Fernando Zago

Von Monica Zielinsky

Zeit kann neu eröffnet werden, und zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lassen sich Grafikarbeiten finden, die sich einschreiben in diese zeitlichen Schichten und kraftvoll von der Tiefe ihrer Materialien her ausstrahlen. In diesen Arbeiten gibt es zahlreiche lithografische Bezüge, nunmehr farbig geworden durch die Anhäufung von Transparentem und Opakem, von überraschender Materieüberlagerung in unaufhörlicher Bewegung der verschiedenen Exemplare von ein- und derselben Matrize. Aber mehr noch verweisen sie in ihrer körperlichen und grafischen Dichte auf die damit verbundenen heuristischen Operationen, schaffen sie doch spezielle Besonderheiten eines künstlerischen Denkens und Handelns. Diese projizieren sich mal auf ein technisches Umfeld, mal auf das anregende Feld der Symbolik.

Die von Helena Kanaan entwickelten lithografischen Verfahren legen Prinzipien fest, die zurückgehen auf das Schlüpfrige und Glatte des Formlosen, wie Georges Bataille es 1929 in seinen interessanten Studien nannte. Aus dieser Perspektive betrachtet eröffnen diese Bilder eine Welt der Unsicherheiten, eine Welt der Entwurzelung, aber auch der ständigen Überraschungen, bei denen sich jede Intervention am Ende neu erfindet.

Gleichzeitig weisen diese Arbeiten auch beim Druck heuristische Verbindungen auf, da ihnen unleugbar die Reflexionen Georges Didi-Hubermans vom Ende der 1990er Jahre zugrunde liegen. Sie gestalten den Matrizenuntergrund, insbesondere den steinernen, indem sie, über Druck oder Kontakt, die zarten, sich wiederholenden Gesten in sich aufnehmen, die sich dann wie bei einem echten Abdruck abzeichnen – gleichzeitig weist aber jeder neue Druck wunderbare Unterschiede auf. So schaffen sie eine enge Verbindung zwischen der Gegenwart und der ihr zugrundeliegenden Vergangenheit. Wie wahrhaftige Spuren, die sich verändern durch die unvermeidbaren Metamorphosen der Zeit, verweisen sie aber auch auf die Zukunft der Materie. Diese Produktionen zeigen Schicht für Schicht die zwingende Rückkehr dieser Arbeiten zu sich selbst. Doch paradoxerweise treten sie kraftvoll und erweitert wieder zutage, in einem Experiment voll Wagnis und Offenheit, frei von bestimmenden Vorhersagen. In diesem Sinne nähern sich diese beiden theoretischen Grundlagen an und beziehen sich aufeinander, wenn über die technische Dynamik extremste Spannungen beim Umgang mit der Materie entstehen.

Bagé/RS - Brasil, 1961 RITIDOMA, 2018; Lithographie und Latex; 2m X 80m X 20m | Werk: Helena Kanaan | Foto: Fernando Zago Diese Materie kann in ihrem heuristischen Reichtum aufgrund der von ihr ausgehenden Schlüpfrigkeit, der kreativen Drucktechnik oder der heterogenen technischen Verfahren in ihrer wechselseitigen Beziehung als work in progress verstanden werden. Mehr noch: als potentielle künstlerische Paradigmen, die sich in der gegenwärtigen Grafik abzeichnen. Und die Verbindung aus diesen beiden heuristischen Konzepten bringt eine tiefe gnostische Weltsicht zutage.

Die Macht der Materialien, die Spannung bei ihrer technischen Anwendung auf dem beweglichen Latex und den Fetttropfen der Matrize liefern einen ungewöhnlichen Stoff für symbolische Bezüge. Und dieser löst die Gespenster der Imagination in ihren utopischen Impulsen aus, die Suggestion von Mythen, die in verschiedenen geschichtlichen Augenblicken aus den Tiefen des menschlichen Geistes hervorbrechen; die Nostalgie des subjektiven und kulturellen Vergessens ebenso wie die Erinnerung an die zahlreichen menschlichen Entdeckungen, die das Gedächtnis hervorbringt.

Indem wir die Wandlungen des Materials, etwa die beiden Stadien des Latex bis hin zu seinem Verschwinden, hautnah erleben, spüren wir unweigerlich, wie fragil die menschliche Natur ist, wie sie sich mit der Zeit wandelt, wie sie unvermeidbar verschwindet wie die Materie selbst.

In Kanaans materieller Grafik-Kunst dringt man vor in das symbolische Terrain des Zeitenbewusstseins, das über die Erfahrung des Lebens hinausgeht. Grundlegendste Forschungen bringen so auf tiefsinnige Weise die Materie ihrer gedruckten Produktion mit der des Lebens zusammen, mit seinem Verfall, mit der sich wandelnden Natur: den menschlichen Körpern, der Haut, dem Blut, den Organismen, aber auch der Borke, den Baumstämmen und ihrer Rinde, die sich mit der Zeit ablöst.

Mônica Zielinsky


Die heuristischen Bezüge ergänzen sich hier, und beide stehen sie für die bewegliche, letztlich entwurzelte Materie und die in der Natur verbleibenden Spuren, wie der französische Denker Gilbert Simondon schreibt. In seinen Reflexionen über das technische Denken begreift er den Dynamismus als etwas Essentielles, worüber Dinge produktiv werden, was ihnen wiederum Reichtum und eine lebendige Energie verleiht. Seiner Meinung nach kann Kreativität im Bereich der Technologie nur dann bedeutungsvoll sein, wenn sie an andere menschliche Aspirationen geknüpft wird.

Für ihn ist die Natur die Grundlage des Handelns, auf der das technische Denken seine reale Wirkung als echter Vorrat an Potentialen zeigen kann. Und Helena Kanaan hat ihr schöpferisches Werk nie als etwas konzipiert, das von der Natur ausgeht oder an deren Darstellung gekoppelt ist. Im Gegenteil, sie geht von der Materie aus und wendet sich dann der Natur und dem Leben zu, ebenso wie dem Bewusstsein des Todes und der düsteren Auslöschung der Erinnerung.

Mutig errichtet sie zwischen den Zeitschichten ihr grafisches Werk im Raum, lässt die Drucke auf Körpern ruhen, die sich leichtfüßig im weiten Terrain der Kunst bewegen, denn das menschliche Denken muss sich über diese produktive Natur vervollständigen, um technisch effizient zu werden.

Die Künstlerin versteht ihre Arbeit niemals als endlich oder begrenzt. Gleitend breitet diese sich in Zeit und Raum aus, auf Körpern, die zum Untergrund für ihre Kunst werden. Und auf diesen präsentiert sie die heterogenen Oberflächen ihrer vielfach auf dem Latex wiederholten Drucke, die wiederum zum neuen Trägermaterial für Siebdrucke und Verzierungen werden.
Doch ihre Vorstellung ist es, dass sich das menschliche Denken in dieser Materie und in ihrer steten konzeptuellen und technischen Metamorphose vervollkommnet. Und ihre Kunst will dieses Denken zur größten Herausforderung führen, nämlich zu der des Überdauerns – in der Materie, in der Zeit, kurzum, im Leben.
 
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© Pátio Vazio / Goethe-Institut Porto Alegre
 

Helena Kanaan

Visuelle Künstlerin mit Untersuchungen zu zeitgenössischer Druckgrafik und hybriden Verfahren der Druckkunst. Sie ist Dozentin für Druckgrafik am Kunstinstitut der Bundesuniversität Rio Grande do Sul (UFRGS), Doktorin und Master in visuellen Poetiken am Postgraduiertenprogramm Visuelle Kunst der UFRGS/Polytechnische Universität von Valencia, Spanien mit Spezialisierung an der Scuola d’Arte Grafica II Bisonte in Florenz. Sie lehrte am Zentrum für Kunst UFPel (1991/2013) auf dem Gebiet visueller Poetiken und koordinierte dort das Forschungsprojekt  Gruppe  Strassendrucker. An der UFRGS koordiniert sie das „Zentrum für Druckkunst“ sowie die Forschungsgruppe „Kritische Praxis von der Druckgrafik bis zur Druckkunst“. Im Nationalen Rat für wissenschaftliche und technologische Entwicklung CNPq leitet sie die Forschungsgruppe „Ausdrucksformen des Multiples : Abbilder und reproduktive Mittel des Schöpferischen“. Einzel- und Gruppenausstellungen in Brasilien wie auch in anderen Ländern (Argentinien, Spanien, Polen, Südkorea, Italien).

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