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Hélio Fervenza
​(Kunst des Nicht-Begegnens)

Nicht-Begegnung: Fluchtwege, 2018; Vinyl-Aufkleber auf Wand 6 X 2,60m (edit.)
Nicht-Begegnung: Fluchtwege, 2018; Vinyl-Aufkleber auf Wand 6 X 2,60m (edit.) | Werk: Hélio Fervenza | 3D Bilddesign: Valdir Lara de Andrade Jr.

Von Eduardo Veras

Das, was uns als Kontinuum erscheint - Zeit, Leben oder eine Ebene tiefer ein Narrativ, ein Diskurs, eine schlichte Erwähnung - wird permanent unterbrochen. Es geht noch nicht um das Ende, das Unvermeidliche, sondern eher um einen Schwebezustand, ein vorübergehendes Innehalten. Der Lauf wird schon bald wieder aufgenommen, der Weg geht weiter. Für den Augenblick jedoch sind die Prioritäten andere: Zeit für Erklärungen, Kleinigkeiten, Beispiele; mit Glück ein Abschweifen, die Gelegenheit eines Innehaltens, Abwege, die sich auftun in der geradlinigen Ordnung der Abläufe.
 
Nicht nur das evozieren die Klammern. Der geschriebenen Sprache ebenso lieb und teuer wie dem mathematischen Ausdruck, dienen sie dazu, Zusammengehörigkeiten und Verbindungen zu definieren. Manches passt hinein (als Teil des Ganzen) anderes bleibt außen vor (das nicht Enthaltene). Dem in der Klammer wird nicht nur eigene, eigenständige Existenz zugestanden, sondern gar Vorrang. Höchste Aufmerksamkeit!
 
Nicht-Begegnung: Fluchtwege, 2018. Vinyl-Aufkleber auf Wand: 6 X 2,60 M. Nicht-Begegnung: Fluchtwege, 2018. | Werk: © Hélio Fervenza | 3D Bilddesign: Valdir Lara de Andrade Jr. All diese glücklichen Assoziationen - Unterbrechung, Vorläufigkeit, Trennung, Innenleben, Dringlichkeit - werden aufgerufen von dem Werk Nicht-Begegnung: Fluchtwege von Hélio Fervenza (Santana do Livramento 1963). Der Künstler öffnet und schließt Klammern innerhalb des Ausstellungsraums. Feine Vinylfolien setzen grafische Zeichen auf die Museumswände. Trotz der fast monumentalen Ausmaße (zwei Meter Höhe) wird die Lektüre deutlich. Da ist etwas miteinander verschränkt.

Die Klammern funktionieren in diesem Fall auch als Zeichnungen: leichte, senkrecht geschnittene Kurven, deren Extremitäten nach innen weisen. Doch mehr noch als das, nehmen sie innerhalb des weißen Würfels die Dimension einer Installation an, beinahe site specific oder in situ, sind Antworten auf den Ort. Der Raum selbst, in dem sie sich befinden, verfällt in einen Schwebezustand. Das Arrangement erinnert an Partituren von John Cage: 0'0“ von 1962, von dem nicht einmal der Interpret sicher ist, dass er es spielt, oder das berühmtere 4'33“ von 1959 das in drei Tempi vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden „Stille“ beschreibt. Der gesamte physische Raum rekonfiguriert sich angesichts dieser ebenso unterschwelligen wie grandiosen Erscheinung. Man ist nicht mehr sicher darüber, was enthalten ist und was nicht und nicht mehr, wo die Pause beginnt und wo sie aufhört. Analog dazu ist alles Stille, oder spricht alles?
 
Es fällt auf, dass in den Klammern auf der Wandoberfläche des Museums ganz offensichtlich nichts ist. Und nach und nach tun sich weitere Fragen auf: Wenn da nichts ist, passt dann etwa alles hinein? Steht das Publikum außerhalb oder innerhalb dieser Zeichen? Und das Museum? Innerhalb oder außerhalb? Was lässt sich über das Werk an sich sagen? Letztendlich ist nicht mehr klar, wem der Vorrang, auf den die Zeichnungen hinweisen, gilt. Wem gebührt das Intervall?
 
Es wird noch seltsamer oder komplizierter, denn in der Klammer ist eine weitere Klammer. Im Verhältnis der beiden Sequenzen von Kurven beginnt ein Spiel - ein, wie es der Titel des Werks nahelegt, Nichtbegegnen. Farben und Dimensionen besitzen keine direkte Entsprechung, passen nicht zusammen. Die sozusagen inneren Klammern stehen zudem nicht genau auf gleicher Linie, was das Nichtbegegnen zusätzlich betont. Visuell wird die groß aufgemachte Klammer klein geschlossen, die klein geöffnete Klammer geht groß zu. Dort, wo auf den ersten Blick nichts war, schiebt sich etwas dazwischen. Die Szene erinnert an Wittgensteins Kippfigur, in der einmal eine Ente zu erkennen ist und einmal ein Hase, nie aber beides gleichzeitig. Glauben wir den Größenverhältnissen oder den Farben? Ist beides gleichzeitig möglich?

Nicht-Begegnung: Fluchtwege, 2018; Vinyl-Aufkleber auf Wand 6 X 2,60m Nicht-Begegnung: Fluchtwege, 2018; Vinyl-Aufkleber auf Wand 6 X 2,60m | Werk: Hélio Fervenza | 3D Bild Design: Valdir Lara de Andrade Jr. Dieses Empfinden wird umso intensiver, als die Begegnung / Nichtbegegnung in einem architektonischen Winkel geschieht. Der Blick arbeitet mit Diagonalen, die sich begegnen, oder besser gesagt, fast begegnen, sich fast überlagern (wieder eine Nicht-Begegnung). Die Folien auf der Wand brechen von dort aus. Die zwei Klammerpaare stehen zueinander in Perspektive - umklammern also eine Illusion (immer und immer wieder diese herrliche Erfindung der Renaissancemalerei). Wie der Titel betont, sind es aber keine Fluchtpunkte sondern Ebenen. Die Ecke, der Raum, alles hält inne, alles entgleitet uns. Die Klammern verharren nun in der Luft, schweben (der Doppelpunkt hinter dem Titel ist kein Tippfehler, sondern unterstreicht genau diese Öffnung, die Aufforderung zur Unvollkommenheit).
 
Vielleicht steckt darin eine Synthese oder Metapher der Kunst selbst und ihrer Möglichkeiten, besser gesagt, der Beziehungen zwischen Bildern und ihren Betrachtern: Das Werk oszilliert zwischen dem einen und dem anderen. Der Blick und die Sinne - die Interpretationen, die der Blick selbst anstrebt - passen nie zueinander.
 

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© Pátio Vazio / Goethe-Institut Porto Alegre

Hélio Fervenza

Bildender Künstler, promovierte in Bildender Kunst an der Université de Paris I Panthéon-Sorbonne, lehrt am Kunstinstitut der Bundesuniversität Rio Grande do Sul (UFRGS) und ist als Forscher des Nationalen Rats für wissenschaftliche und technologische Entwicklung CNPq tätig. Er beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen, wie der Biennale von Venedig, der Biennale von São Paulo (Retrospektive 1990-2012), der Biennale von Irkutsk-BY14, der Biennale des Mercosur (Porto Alegre), im Museum für Druckgrafik (Curitiba), dem Museu Victor Meirelles (Florianópolis),  der Biennale von Amsterdam, am Instituto Itaú Cultural (São Paulo), der Fundación DANAE (Spanien), dem Musée des Beaux-Arts de Verviers (Belgien) sowie im  Grand Palais (Frankreich).

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