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Rafael Pagatini
Rafael Pagatini und seine künstlerische Strategie: Mit einem stummen Bild gegen den Verfall der Erinnerung

Manipulations, 2016. Holzschnitt auf Papier, 250 X 200cm (edit.)
Obra: Rafael Pagatini | Foto: Edson Chagas

Von Diego Matos

Wenn es in den heutigen Kunstkreisen Brasiliens einen Künstler gibt, der sich dafür einsetzt, mächtige, auf die gewaltsame politische Geschichte des Landes anspielende Bilder zu untergraben und zu verändern, so ist das Rafael Pagatini. Mit Erinnerung und Vergessen spielend, manipuliert er strategisch Bilder über die immer wieder zwischen Gesellschaft und Staat auftauchenden Konflikte, wobei es meist um Ausnahmesituationen für das öffentliche demokratische Leben geht. Diese Absicht verbindet der Künstler mit einer experimentellen, mit den Mitteln künstlerischer Reproduktionsverfahren entwickelten Technik, deren Ausgangspunkt die Grafik ist.

Manipulações (Manipulationen) (2016), eine großflächige Grafik, ist vermutlich Vorläufer für eine umfangreiche künstlerische Forschungsarbeit, bei der sich der Autor verschiedene historische und journalistische Register aneignet, um diese umzuarbeiten und so Instabilität, Zweifel, Brüche, andere Lesarten und Verfremdung auszulösen. Die Wahl dieser Bilder ist nicht rein willkürlich, sondern definiert das, was man den Kontext der Bilder nennen könnte – Kompositionen, Mosaike, Vergrößerungen und Hervorhebungen: visuelle Strategien, die veränderte Wahrnehmungen einer Erinnerung ergeben, die nicht gelöscht werden darf.

Manipulations, 2016. Holzschnitt auf Papier, 250 X 200cm Manipulations, 2016. Holzschnitt auf Papier, 250 X 200cm | Obra: Rafael Pagatini | Foto: Edson Chagas Pagatini greift auf die Willkürlichkeit des Internets zurück, wenn er das Grundlagenbild für seine Grafik sucht. Auf den ersten Blick sehen wir ein brennendes Auto aus der Zeit der politisch-kulturellen Unruhen der 1960er Jahre, was auf die lateinamerikanischen Diktaturen verweist. Der brennende VW-Käfer evoziert außerdem die Nachkriegszeit, in der die Entwicklung der Schwellenländer internationalen Unternehmen freien Spielraum bot. Der deutsche Konzern hatte sogar eine Schlüsselrolle in Lateinamerika inne, war er doch eines der Unternehmen, die am engsten mit den Machthabern der zivilen und militärischen Diktaturen zusammenarbeiteten, insbesondere in Brasilien. Doch der Künstler wählte lieber das Bild eines ähnlichen brennenden, vielleicht kurz vor der Explosion stehenden Autos, das von Juni 2013 datiert, als Brasilien von einer heftigen, der politischen und wirtschaftlichen Krise vorausgehenden Protestwelle erfasst wurde. Dadurch ergibt sich eine Art Patt-Situation, weil eine frühere Geschichte und die aktuelleren politischen Unruhen in dieser künstlerischen Darbietung aufeinanderprallen. Dieses rekonstruierte, bearbeitete und anschließend gedruckte Bild schafft das, was der Künstler selbst, in Anlehnung an das Konzept des mexikanischen Intellektuellen Nestor Garcia Canclini, als iminência da arte (Kunstdrohung) interpretiert.

Der Künstler will nicht nur die Erinnerung an eine 21 Jahre, nämlich von 1964-1985, währende Diktatur enthüllen oder wiederaufleben lassen, sondern auch einen Keil in die Geschichte treiben, indem er Spannung in sie hineinlegt und andere Interpretationsmöglichkeiten aufzeigt, Gegennarrative zu dem, was als Konsens und Versöhnung gilt. Der Künstler geht noch weiter, durchforstet Archive und zeigt über seine Kunst die Manipulationen und Machtstrategien auf, mit denen die Geschichte so, wie wir sie kennen, definiert wurde. Diese Arbeit findet ihren Ausdruck in der Installation Bem-Vindo, Presidente! (Herzlich willkommen, Herr Präsident!) (2015-2016).

 

Darin werden querformatig an einer Wand eine Auswahl von Drucken auf japanischem Haini-Papier ausgestellt, die ein Meer von kleinen Grafiken bilden, die an ihren Eckpunkten jeweils parallel zu den Wandlinien befestigt wurden. Man beachte: Sie stammen alle aus einer Archivforschung, die der Künstler in der lokalen Presse, vor allem bei der Gazeta de Vitória, der traditionellsten Zeitung des Bundesstaats Espírito Santo, durchgeführt hat, und sie umfasst zeitlich die ausbeuterische und korrupte Periode des desenvolvimentismo (brasilianische Entwicklungspolitik), den die Militärs gemeinsam mit dem Privatsektor von Mitte der 1960er bis in die 1980er Jahre betrieben. Obwohl der Künstler gaúcho ist, also aus Südbrasilien stammt, arbeitet er als Universitätsprofessor in Vitória, und dort sah er sich mit einer sehr merkwürdigen Realität konfrontiert: Vitória war der zentrale Ort für einen Ausnahmezustand, der sich ideologisch und ökonomisch über die Beschränkung seiner Beziehungen auf die lokale Macht, deren Finanzelite und die gerade entstehende Mittelklasse behauptete.

Bei dieser Installation lassen die Leichtigkeit und Dichte des Materials sowie dessen unterschiedliche Größe und die Tatsache, dass es ein Ganzes bildet, eine wellenartige und variierte Bewegung der mit Anzeigen bedruckten Blätter zu. Die Lichtdurchlässigkeit des Papiers bewirkt ein Spiel von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, je nach der Position an der Wand. Nähert man sich den einzelnen Blättern, so kann man sie auch lesen: Es sind Texte, die von Unternehmen verbreitet wurden, die mit dem Staat gemeinsame Sache machten und teilweise sogar das Militärregime und seine Präsidenten begrüßten. Es zeigt sich also mit aller Deutlichkeit die stabile Beziehung zwischen Staat und Privatsektor im öffentlichen Leben Brasiliens. Und es sind genau jene Unternehmen, die heute noch in die größten Umweltkatastrophen der Geschichte und in die schlimmsten derzeit untersuchten Korruptionsskandale verwickelt sind.

Neben einer beachtlichen Anzahl brasilianischer, in den Jahren der Redemokratisierung oder sogar noch danach geborener Künstler ist Rafael Pagatini also Protagonist einer Bewegung, in der junge Künstler furchtlos die Erinnerungen an die Militärdiktatur aufarbeiten und so die offizielle, etablierte Geschichte aufbrechen wollen. Früher stand diese Geschichte, die durch eine Generalamnestie legitimiert wurde, die bis heute keine echte Untersuchung und Verurteilung der in dieser Zeit verübten Verbrechen und Gesetzesverletzungen zuließ, für eine politisch befriedete, aber geschwächte Situation, aus der in der neueren Geschichte indirekt eine nie gekannte politische Krise erwuchs. Der Versuch der Kunst, hier eine Spaltung zu betreiben, ist vielleicht einer der interessantesten Wege zur Neubewertung der öffentlichen Debatte, weil sie in die Zukunft blickt, ohne eine unvollkommene Vergangenheit aus den Augen zu verlieren.
 

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Rafael Pagatini

Geboren 1985 in Caxias do Sul, Rio Grande do Sul. Künstler, Wissenschaftler und Dozent an der Bundesuniversität Espírito Santo (UFES), promoviert in Visueller Kunst an der Universität von Campinas (Unicamp). Seine Arbeit untersucht ausgehend von Grafik und Fotografie unter politischer und gesellschaftskritischer Perspektive die Beziehungen zwischen Kunst und sozialem Gedächtnis. Er realisierte Einzelausstellungen und beteiligte sich an Gruppenausstellungen in Brasilien und im Ausland: Columbia University (New York, 2018); 20. Festival Vídeo Brasil (São Paulo, 2017); Paço das Artes (São Paulo, 2016); Rumos Itaú Cultural (São Paulo, 2013). Er erhielt den Prêmio Energisa Artes Visuais, ein Arbeitsstipendium „Bolsa Estímulo à Produção em Artes Visuais” der brasilianischen Kunststiftung FUNARTE, das Stipendium Iberê Camargo – Ateliê de Gravura sowie den 5. Prêmio Açorianos für Bildende Kunst. Er lebt und arbeitet in Vitória (Bundesstaat Espírito Santo).

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