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Xadalu
Xadalu, ein ethnografischer Blick

Werk: Xadalu
© Xadalu | Video: Pátio Vazio / Goethe-Institut Porto Alegre

Von André Venzon

Beim ersten Kontakt wirken Xadalus städtische Interventionen wie primitive Kunstwerke, Arbeiten eines Künstlers, der die Welt noch erprobt, nach Art der Völker, die hier lebten, als die Kolonisatoren dieses Land „entdeckten“. Und doch fesselt die Wirkung dieser in der Stadt verstreuten Bilder unseren Blick. Mit großen Plakaten bietet er uns eine Rückkehr zu einer magischen Kraft an, fern unserer gegenwärtigen Realität, ein mystisches Gefühl, zu fremd für uns, als dass wir diese heilige Fauna, diese grafischen Bilder der Guarani-Kultur und ihre möglichen Bedeutungen für uns ohne vorherigen Kontakt erfassen könnten[1].

Das Werk das Künstlers lädt uns ein, diese vorkoloniale Guaraní-Kunst neu zu erleben, deren Charakteristikum die Vielfalt von geometrischen Zeichen war, die auf unterschiedlichen Untergrund aufgetragen wurden: auf den Körper, auf Stoffe, Korbwaren, Holzskulpturen und auf die dekorative Keramik. Um ihre poetische Kraft zu erkennen, muss man sich auf das Zeichenrepertoir, mit dem Xadalu umgeht, einlassen und sich intensiver mit den ältesten Wurzeln unseres hiesigen Seins befassen. Erst dann wird man entdecken, was uns mit diesen Menschen verbindet, denen dieses Land in Wahrheit gehört.

Deshalb kann man auch nicht über Xadalus Arbeit sprechen, ohne das, was uns im anthropologischen Sinne am nächsten steht, mit den gemalten Zeichen in Verbindung zu bringen, Linie für Linie, bei jeder dieser Grafiken, die uns mit den Guaraní eint. In dem Verständnis, dass ein Zeichen nicht nur die Sprache ist, nicht nur das Bild, sondern auch ein Gestus, ein Gruß, ein Ritual, ein Geruch, ein Geschmack, kurzum, jeder beliebige ästhetische Ausdruck, der mit den Sinnen zu tun hat.

Wurde die Arbeit des Künstlers bis hierher als Reproduktion von Zeichen und Bildern verstanden, die diese Ethnie repräsentieren, so zielen seine neueren Arbeiten eher auf eine Art anthropologische Performance ab, bei der die Guaraní Mbyá mit in den Aufbau der Installationen, Bilder, Siebdrucke und sogar in das Plakate-Kleben auf der Straße, Xadalus Wiege als Künstler, einbezogen werden. All diese gegenwärtigen Aktionen festigen die Guaraní-Semiotik wieder als mächtigen Signifikanten, über den neue Herrschaftsbeziehungen entstehen können. Hierbei geht es um Identitäten, Landstreitigkeiten, soziale Interessen und, wie bei allem Kulturellen, um ästhetische, ideologische und künstlerische Konzepte, ganz gleich, wie rein oder hybrid oder intensiv diese auch sein mögen.
 

Wir können also beobachten, dass der Künstler für seine Arbeiten ein Repertoire an – wenngleich verzerrten und übertriebenen – Zeichen und Gesten nutzt, selbst wenn er nur ein Fragment dieser Kultur herausnimmt und dieses vergrößert. Xadalus Arbeit steht für die kulturelle Dynamik der Zeit und des Raums, in dem sie vermittelt wird, und sie ist niemals statisch. Dem Künstler geht es darum, den indigenen Menschen und dessen ureigenes Territorium in der Gegenwartskunst sichtbar zu machen.

André Venzon

Weil diese Grafiken jedem außenstehenden Beobachter fremd vorkommen können, stellt sich die Frage nach der Perspektive, aus der uns der Künstler poetisch anspricht; ist es ein ethnografischer Blick oder eine politisch-ideologische Positionierung? Der Ort der Ethnie ist für Xadalu nicht nur ein metaphorischer, denn der Künstler ist auch in den Dörfern präsent, die die Grundlage seiner Recherche bilden, und Mitarbeiter aus dem Stamm begleiten ihn auf seinem künstlerischen Weg. Bewusstsein und Haltung drücken sich in allen seinen Werken aus, seit er seinen mutigen Weg begonnen hat, und so bleibt er auch stets präsent in der Kunst, während viele Künstler sich bekanntermaßen erst im Laufe der Zeit in dem Sinne politisch positionierten, dass sie an der Organisation des städtischen Lebens teilhatten.

Im Fall von Porto Alegre bedeutet das außerdem, ein Bewusstsein für die Grenze zwischen der Stadt und den nativen Gebieten zu entwickeln, die die Guaraní und der Künstler gegenwärtig abstecken. Xadalus stetes Anliegen ist es, diesen Ort autochthoner Kultur neu zu denken, indem er mit seiner Arbeit die soziokulturelle Verfassung Brasiliens hinterfragt. In diesem sowohl wegen seiner Vielfalt als auch seiner Unterschiede so prismatischen Ambiente kämpft der Künstler und nimmt die Sache der Indigenen selbst in die Hand.
Die künstlerischen Verfahren, die er mit der Siebdruck-Matrize anwendet, inspirieren zu einer Reflexion über diese Zeichen und ihre ethnischen Bezüge zu den Orten, die sein Werk einnimmt. Und mit seinen grafischen Interventionen im städtischen Raum will er das Überleben der Werte und Ideologien der Guaraní in der aktuellen Gesellschaft thematisieren und auf die Problematik unserer Identität und der gegenwärtigen Kunstproduktion eingehen.

Zu unserer Schande können wir diese Symbole mit mythologischen und heiligen, physischen und ästhetischen Bedeutungen nicht mehr erkennen, und das ist der Beweis für die historische Auslöschung dieses Volkes bei der Schaffung der brasilianischen Nation, eines Volkes, dessen Gemeinden in den wenigen noch verbliebenen Territorien im Schatten einer zweifelhaften Umwelterhaltung leben und sich vielfach in vollkommener Isolierung und sogar im Verfall befinden.

Und doch werden wir, wenn wir unseren Blick über den grauen Horizont der Stadt erheben, Xadalus Werke erblicken, die wie ein leuchtender Blitz hervorstechen. Wir werden die hoffnungsvolle Bedeutung dieser Grafiken spüren, ihren Bezug zu Nhanderu  ─ Gott in der Sprache Tupí-Guaraní ─ und den Respekt gegenüber der Natur verstehen. Über diese Zeichen verewigt sich die Erinnerung an unsere Vorfahren, an ihre Art zu leben und zu sein. Das Licht der Gegenwart, das furchtlose Auftreten des Künstlers zeigt die Notwendigkeit kritischerer und nachhaltigerer Haltungen gegenüber der heutigen Welt, in der wir im städtischen Raum als Agenten des sozialen und kulturellen Wandels wirken müssen.

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© Pátio Vazio / Goethe-Institut Porto Alegre

XADALU

Geboren 1985 in Alegrete, Rio Grande do Sul, lebt und arbeitet in Porto Alegre. Die Kunstfigur Xadalu entstand erstmals 2004 als künstlerischer Protest gegen die Zerstörung indigener Kultur. Mittlerweile als Teil eines weltweiten Szenarios zeitgenössischer urbaner Kunst in mehr als 60 Ländern auf vier Kontinenten präsent, beteiligte er sich an Ausstellungen und verschiedenen Kunstfestivals und ist mit Werken, deren Fokus stets auf Information und Bewusstseinsbildung zu den betreffenden Themen liegt, im Bestand von Museen in Rio Grande do Sul vertreten. Der Schöpfer der Kunstfigur Xadalu, Dione Martins, hat eine enge Beziehung zu indigenen Gemeinschaften im Bundesstaat Rio Grande do Sul, stets auf der Suche nach Möglichkeiten, die Dorfbewohner zu unterstützen.  Außerdem beschäftigt er sich mit den Bedürfnissen der Menschen in den Randbezirken der Städte und bietet Kurse und Workshops in Schulen und Stadtteilen an.

[1] Das Volk der Guaraní zählt sprachlich zur Gruppe der Tupí-Guaraní, und es ist in den brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso do Sul, Espírito Santo, Rio de Janeiro, São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul angesiedelt. Außerdem in Argentinien, Bolivien, Paraguay und Uruguay. Sie leben in kleinen Dörfern, am Rand von Autobahnen und in Camps. Ihre Bevölkerung wird in Brasilien auf 120.978 geschätzt, wobei die Ethnien Kaiowá, Nhandeva und Mbya 18.163 Menschen zählen. Die derzeitige Mbya-Population soll laut IBGE (Volkszählung von 2010), bei 8.026 liegen. Siehe: https://indigenas.ibge.gov.br/estudos-especiais-3/o-brasil-indigena/povos-etnias.html. Zugriff am: 06. Julho 2018.

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