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Regina Silveira
Reproduzierbarkeit und Macht, même

Rodovia Transamazônica, da serie Brazilian Birds, in Brazil Today, Ediçāo de Autor, Sāo Paulo, 1977. impressāo digital, 2018 dimensões variáveis
Rodovia Transamazônica, da serie Brazilian Birds, in Brazil Today, Ediçāo de Autor, Sāo Paulo, 1977. impressāo digital, 2018 dimensões variáveis | Werk: Regina Silveira | Foto: Estúdio de Arte

Von Angélica de Moraes

Die Achse, um die sich das Werk Regina Silveiras dreht und strukturiert, setzt sich zusammen aus Prozessen und Poetiken, die die Sprache der grafischen Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Man beachte jedoch, dass die Reproduzierbarkeit hier nicht als Strategie angewandt wird, um höhere Auflagen und dadurch ein größeres Publikum zu erreichen. Ihr Ziel ist vielmehr, die Möglichkeiten des Bildes zu erforschen, und zwar über die Aneignung und Umdeutung des durch die Reproduktion ermöglichten reichhaltigen Repertoires: der Allgegenwart der Fotografie, der technischen, elektronischen und Medienbilder.

Regina Silveiras Weg war es, Sprache zu erfinden statt bekannte Resultate zu vervielfältigen, neue Anwendungsmöglichkeiten zu schaffen und andere Trägermaterialien und Arbeitsweisen zu entwickeln. Sie wollte die traditionellen Grafik-Techniken über industrielle Druckverfahren (Offset, Kopie, Heliografie, Mikrofilm) hybridisieren, um anschließend im selben Schema die Bandbreite digitaler, von Computerprogrammen gesteuerter Mittel zu erforschen, die zur Unterstützung des künstlerischen Schaffens entwickelt wurden. Hiermit erzielt die Künstlerin kraftvolle Ergebnisse und eine große Aufmerksamkeit im Bereich der Druckgrafik im erweiterten Sinn.

Hinsichtlich der von Walter Benjamin formulierten Herausforderung für das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit gibt die Künstlerin zu, dass sie und die brasilianischen Kollegen dieser Generation (es waren die 1970er Jahre, Höhepunkt der Diktatur und Zensur) sich dafür entschieden, die kreativen Möglichkeiten dieser damals neuen Mittel zunächst einmal auszuloten. „Wir glaubten nicht an die Illusion, dass das Bild der Kunst durch die Quantität demokratisierbar wäre“, erklärt sie. „Die Lösung war das qualitative Experimentieren”.

Die Künstlerin konzentrierte sich also auf die grafischen Mittel und frischte diese derart auf, dass sie aus ihrer historischen Nischenposition (manchmal auch verwechselt mit strenger Einhaltung unveränderlicher Codes in der technischen Ausführung und geringer poetischer Ausarbeitung) herausfanden und sich auf die unendlichen konzeptionellen Möglichkeiten der Gegenwart stürzten.

Als gute Schülerin Marcel Duchamps stützte sich Regina Silveira in ihren kreativen Prozessen parodistisch auf illusionistische, von der Perspektive ausgehende Codes, darunter das ebenfalls illusionistische Fenster der Fotografie. Ridendo castigat mores (Lachend bestraft man die Gebräuche) lautet der lateinische Aphorismus. Dies ist das Schema, mittels dessen Regina Silveira visuelle Kommentare vervielfältigt, die von politischer Schärfe, aber mit schneidendem Humor gewürzt sind. All dies erfolgt jedoch nur in feinen Andeutungen und Zweideutigkeiten, wie es die damalige Zeit verlangte und wie es auch die Kunst stets verlangt.

Von den zahlreichen Lesarten, die Regina Silveiras Werk bietet, muss insbesondere die ironische Metapher genannt werden, die auf der Anwendung eines Repräsentationsprinzips (der Perspektive) beruht, das abhängig ist von einer einzigen Sichtweise (dem Standpunkt). Ähnlichkeiten mit Kommentaren über totalitäre und ausschließliche Wahrnehmungen sind kein bloßer Zufall. Siehe “Armadilha para executivos“ (Falle für Führungskräfte): Die Figuren verstricken sich im Gewirr der Codes, die sie manipulieren, um Räume für Privilegien zu schaffen.

Der gemeinsame Nenner der für diese Ausstellung gewählten Arbeiten – ein Siebruck auf Postkarte aus den 1970er Jahren, der das Militärregime als Geier anprangert, die im Interesse einer korrupten Modernisierungspolitik den Wald zerstören (“Rodovia Transamazônica”) (Transamazonische Autobahn), Fotogravüren aus dem Jahr 2011 (“Plugged”) und die Serien “Armadilha para executivos“ (Falle für Führungskräfte) (1974, Siebdruck) und “Topografias” (Topografien) (1978, Offset auf Papier) – ist der scharfe visuelle Kommentar zu Ausprägungen der Macht, die heimlich und zerstörerisch auf dem politischen Parkett agieren. Die Hand im Schatten, die die Macht hat zu erhellen, ist eine weitere Metapher von großer Wirksamkeit (“Plugged”).

  • Plugged 1, 2011. Fotogravura; 66,5 X 47,5 cm. © Regina Silveira | Foto: Estúdio de Arte
    Plugged 1, 2011. Fotogravura; 66,5 X 47,5 cm.
  • Plugged 2, 2011. Fotogravura; 66,5 X 47,5 cm. © Regina Silveira | Foto: Estúdio de Arte
    Plugged 2, 2011. Fotogravura; 66,5 X 47,5 cm.
  • Plugged 3, 2011. Fotogravura; 66,5 X 47,5 cm. © Regina Silveira | Foto: Estúdio de Arte
    Plugged 3, 2011. Fotogravura; 66,5 X 47,5 cm.

“Puzzle Lateinamerika” erhöht noch die ironische Spannung, indem es die Irrwege beim gegenseitigen Verständnis von Kulturen offenlegt (lost in translation). Für diese Arbeit mit einer variablen Anzahl von über hundert Einzelteilen benutzte die Künstlerin stereotypisierte lateinamerikanische Ikonen aus Büchern, Enzyklopädien, Zeitschriften und Zeitungen. Ausgeschnitten wie Puzzleteile, verweisen sie paradoxerweise auf die Inkongruenz dieser Teile. Diese Arbeit wurde vielfach in Brasilien und im Ausland ausgestellt, u.a. auch in der pädagogischen Abteilung des Guggenheim Museums von New York, mit der urkomischen Aufgabe, die Gruppenausstellung Brazil Body and Soul (2001) für die Öffentlichkeit zu kontextualisieren.

 

“To be Continued...(Latin American Puzzle)”, 1998/2001. Offsetdruck auf EVAC; Verschiedene Grössen, ca. 110 Stück 40 X 50 cm. “To be Continued...(Latin American Puzzle)”, 1998/2001. Offsetdruck auf EVAC; Verschiedene Grössen, ca. 110 Stück 40 X 50 cm. | © Regina Silveira | Foto: Estúdio de Arte Als Mitglied jener Generation von Künstlern, die während der brasilianischen Unternehmer-/Militärdiktatur (1964-1985) nach alternativen kulturellen Aktionsmöglichkeiten suchten, produzierte Regina Silveira Bilder, die wegen ihres besonderen poetischen Ausdrucks und ihrer technisch vollkommenen Ausführung von bleibendem, universellem Wert sind. Mit ausdrucksstarken, da klar formulierten Botschaften ist sie ein beredtes Gegenbeispiel, wenn Werke mit politischem Charakter eher geringschätzig beurteilt werden. Ihr kreativer Antrieb geht auf ihr Bedürfnis zurück, sich über das Hier und Jetzt zu äußern, das Symptome einer in Unordnung befindlichen Zivilisation aufweist. „Ich war nie formalistisch, weil ich immer vor mir sehe, was ich über die Welt, in der ich lebe, sagen muss”.

Silveira investierte in die Ausdrucksmöglichkeiten und in die Verschiedenartigkeit der Trägermaterialien, von der intimsten Skala des Objekts bis zum wirkungsvollen Einsatz großformatiger Arbeiten, die an teils ikonischen Gebäuden angebracht oder darauf projiziert wurden (wie im Fall des MASP, Kunstmuseum São Paulo) und im direkten Dialog mit der Architektur, dem ungeheuerlichen Maßstab des Stadtraums und den Passanten stehen.

Sie misst ihre Kräfte an der städtischen Dimension und besiegt diese, sie verdichtet klare poetische Botschaften, die in der Lage sind, den Blick des großen Publikums zu sensibilisieren, und nimmt so einen einzigartigen Platz im künstlerischen Panorama Brasiliens und des Auslands ein.

Heute, im Zeitalter der Möglichkeiten auf dem Feld der Computergrafik und der digitalen Bilder, experimentiert Regina Silveira sogar mit den neuesten Ausdrucksformen der Kunst, z.B. der interaktiven Animation mit multiplen Projektionen und immersiven Erfahrungen, die strukturiert sind durch die für Computerspiele typische Navigation. Dies zeigt, dass ihre theoretische Basis und die verwendeten optischen Instrumente nicht nur wichtig für das Aggiornamento der Druckgrafik im 20. Jahrhundert waren, sondern auch wegweisend für die unter dem wachsenden Einfluss des Computerwesens stehenden Schlüsselgedanken der Grafik des 21. Jahrhunderts sind. Sie weiß um die unendlichen Möglichkeiten der Grafik, die heute so immateriell und flexibel wie nie zuvor sind und noch nie so offen waren für die Erfindung der Kunst.

 
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© Pátio Vazio / Goethe-Institut Porto Alegre

Regina silveira

Geboren 1939 in Porto Alegre im Bundesstaat Rio Grande do Sul, lebt und arbeitet in São Paulo. Sie absolvierte Master und Promotion an der Schule für Kommunikation und Kunst der Universität von São Paulo (USP), an die sich eine umfangreiche Lehrtätigkeit anschließt. Sie war Stipendiatin der Guggenheim Foundation, der Pollock-Krasner Foundation sowie der Fulbright Foundation. Seit den 1960er Jahren realisierte sie unzählige Einzelausstellungen und beteiligte sich an ausgewählten Gruppenausstellungen in Brasilien und im Ausland. Als Gastkünstlerin beteiligte sie sich an der Triennale von Setouchi, Japan (2016), den Biennalen von Havanna 1986, 1998 und 2015, der Médiations Biennale Poznan (2012), den Mercosur-Biennalen 2001 und 2011, der Biennale von Taipeh (2006) sowie den Biennalen von São Paulo 1981, 1983 und 1998. Sie erhielt zahlreiche Preise wie den Prêmio MASP des Kunstmuseums São Paulo (2013), den Preis der Brasilianischen Kunstkritikervereinigung (2012), den Prêmio Fundação Bunge (2009) sowie den Prêmio Bravo Prime (2007). Ihre Werke sind in vielen Sammlungen vertreten sowie in Museen in Brasilien und im Ausland.

[1] "Même'" nimmt Bezug auf den Titel eines der berühmtesten Werke Marcel Duchamps, "Großes Glas“ oder "Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar (im Original: La Mariée mise à nu par ses célibataires, même). Dieses "même" in der Bedetung von "sogar" verweist auf Duchamps Vorliebe für Wortspielereien.

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