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Hanna Hennenkemper
Eine Art Archäologie des Druckens

Objekt 12, 2017. Radierung, 98 X 64,5cm
Objekt 12, 2017. Radierung, 98 X 64,5cm | Werk: Hanna Hennenkemper | Foto: Fernando Zago

Von Ludwig Seyfarth

Auch wenn sich Hanna Hennenkempers Werk vor allem in den Medien Zeichnung und Druckgrafik bewegt, ist es nicht durch das typisch „Grafische“ gekennzeichnet. Die Linie und das „Grafische“ spielen in ihrem Werk weniger eine Rolle als das Interesse an der Wiedergabe von Körpern und Volumina. Ihre  Formenwelt bewegt sich dabei stets zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Organischem und Technoiden, oft auch fast vexierbildhaft mit Positiv- und Negativform, mit Flächigkeit und Räumlichkeit spielend.
 
Das Zeichnen und das Drucken sind bei Hanna Hennenkemper körperliche Aktivitäten, die sich auch im Resultat im direkten Wortsinn „abzeichnen“ sollen. Dabei spielt nicht nur der eigene Körper, sondern auch die Körperlichkeit der Dingwelt eine Rolle, die aber durch Übersetzungs- und Übertragungsprozesse eine fast surreale Verrätselung erfährt.

Während ihres Arbeitsaufenthalts Ende 2017 in Porto Alegre nutzte Hanna Hennenkemper die über viele historische Maschinen verfügenden Werkstätten des Museu do Trabalho und verwendete die klassischen Verfahren der Radierung in experimenteller Weise. Sie legte verschiedene Gegenstände oder auch Teile des eigenen Körpers auf Kupferplatten, um sie dann mit Kolophoniumstaub zu bedecken.


Anschließend entfernte sie die Gegenstände oder Körper vorsichtig von den Platten. Das auf den Platten verbleibende Kolophonium wurde danach wie bei dem traditionellen Radierverfahren in die Platte eingebrannt und die Platten zuletzt mit Säure geätzt.

Dass der Vorgang, bei dem Platten mit Harzstaub „beregnet“ werden, an Körper erinnert, die wie in Pompeji vom Ascheregen verschüttet und später ausgegraben wurden, ist eine beabsichtigte Assoziation. Es geht der Künstlerin um eine archäologische Dimension, um eine „Archäologie“ der Kulturtechnik des Druckens, die in digitalen Zeiten mehr und mehr zu verschwinden droht. So sind die Dinge, die sie auf diese Weise „abgedruckt“ hat, auch alle Werkzeuge, die beim Drucken selbst zum Einsatz kommen.
 
Die fertigen Drucke präsentiert sie nicht an der Wand, sondern auf kleinen Podesten, auf denen man sie von oben anschauen kann, wie bei archäologischen Fundstücken, die später in Vitrinen präsentiert werden. Die wie eine Skulpturengruppe im Raum verteilten, aus Ziegelsteinen gebildeten Podeste erinnern an eine Ruinenlandschaft. 
Und wie bei archäologischen Fundstücken können die in dieser Weise überlieferten Gegenstände nicht immer eindeutig identifiziert werden und erscheinen zum Teil sonderbar fremd und distanziert. Dieses rückt die Verschiebung der Dinge durch ihren Übersetzungsprozess in den Vordergrund, eben das, was zwischen ihnen, ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch steht.
 
Um dieses „Dazwischen“ geht es auch in einer weiteren Serie von „Abdrucken“, bei der Papiere auf Gitter gelegt wurden, die die Künstlerin anschließend von unten mit Feuer beflammte. Die  Papiere wurden durch den aufsteigenden Russ unterschiedlich geschwärzt, während die vom Gitter abgedeckten  Stellen dabei zumeist weiss blieben. Wieder scheint hier ein „Dazwischen“ auf, das Gitter, der Draht, der vor dem andrängenden Schwarz des Feuers hell aufblitzt. Dieses Vorgehen erinnert an ein Fotogramm, bei dem ein Fotopapier ohne Kamera direkt belichtet wird.  Auch die „Radierungen“, bei denen die von den Gegenständen bedeckten Stellen negativ, also hell aufscheinen, könnte man zunächst für Fotogramme halten. Und wenn schemenhaft der Oberkörper der Künstlerin zu sehen ist, erinnert das an die Durchleuchtung des Körpers bei einer Röntgenaufnahme. Es mag aber auch eine weitere, zeitnähere archäologische Assoziation aufkommen, nämlich an die Umrisse der Opfer, die durch Helligkeit des Atomblitzes in Hiroshima in den Boden eingebrannt wurden.
 
Letztlich bleibt das, was wir sehen, aber für viele Interpretationen offen. Die weißen Leerstellen, die auf die verschiedenen Dinge verweisen, die auf den Platten gelegen haben, lassen ihr Aussehen nur noch schemenhaft erahnen und lassen teilweise auch an organische Materie denken, etwa an Knochen, die bei einer archäologischen Ausgrabung gefunden und zu ihrer Klassifizierung einzeln hingelegt wurden.
 
Das bildnerische Resultat hier lässt sich mit dem Ausgangspunkt eines anderen markanten Projekts von Hennenkemper vergleichen. Als Stipendiatin im Edvard Munch-Haus in Warnemünde sah sie 2012 dort eine Ausstellung des renommierten norwegischen Malers und Zeichners Olav Christopher Jenssen. Dessen über 100 Blätter umfassende Zeichnungsserie folgte gleichsam den biografischen Spuren seines berühmten Landsmanns. In Munchs Sommerhaus im norwegischen Åsgaardstrand zeichnete Jenssen die Umrisse diverser Gegenstände, die zu Munchs Haushalt gehörten und noch heute für Besucher dort zu sehen sind.
 
Jenssens Zeichnungen geben die Konturen der Dinge wieder, aber nicht ihr genaues Aussehen und ihr körperliches Volumen. Das inspirierte Hanna Hennenkemper dazu, Jenssens Blätter als Vorlagen zu nehmen und sie mit fein modellierten Bleistifttexturen gleichsam „auszufüllen“.  Man kann darin eine Art Stiller Post sehen, bei der über Lücken und persönliche Notation und Handschrift am Ende möglicherweise etwas völlig anderes steht als am Anfang. Damit spielt die Künstlerin auch auf die blinden Flecken und Lücken an, die jeder Form der Übersetzung und Übertragung, auch der historischen Überlieferung, immanent sind.
 
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Hanna Hennenkemper 

1974 in Flensburg geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte in Kiel bei Prof. E. Thieme und an der weißensee kunsthochschule berlin bei Prof. H. Schimansky Zeichnung und Druckgrafik. Seit 2006 lehrt sie an der weißensee kunsthochschule berlin, an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale und an der hslu in Luzern/Schweiz zeitgenössische Zeichnung und Druckgrafik. 2010 erhielt sie eine Gastprofessur für zeitgenössische Zeichnung und Druckgrafik an der weißensee kunsthochschule berlin. 2012 erhielt sie das Stipendium im Edvard-Munch-Haus/Warnemünde, 2014 das Residency-Stipendium des Künstlerhauses München und 2017 ein Residency-Stipendium in Porto Alegre/Brasilien. Ihr Werk wurde u. a. 2010 mit dem Dr. Herbert Zapp Preis für junge Kunst und 2012 mit dem Christine-Perthen-Preis der Berlinischen Galerie ausgezeichnet.

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