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Tim Berresheim
Vielfältige Vervielfältigung

The Early Bird (Sigh) (edit.)
The Early Bird (Sigh) (edit.) | Werk: Tim Berresheim

Von Wolfgang Brauneis

Die Praxis der Vervielfältigung spielt im Werk von Tim Berresheim von Beginn an, also seit etwa 15 Jahren, eine entscheidende Rolle – und das in mehrfacher Hinsicht: Zahlreiche seiner computergenerierten, im dreidimensionalen digitalen Bildraum konzipierten Arbeiten wurden als Fotografien oder Druckgrafiken in Auflagen produziert. Mithilfe von Tools wie Augmented Reality Apps, 3-D Brillen oder auch der aixCave – einem Virtual Reality System an der RWTH Aachen, das die immersive und interaktive Rezeption seiner Bilder ermöglicht – können ausgewählte Werke auf vielfältige Weise betrachtet werden. Und schließlich zeichnet Berresheim neben seiner explizit bildkünstlerischen Produktion für das Design unzähliger druckgrafischer Erzeugnisse verantwortlich, von Büchern, Heften und Aufklebern über Schallplatten, Kassetten und Plakaten bis hin zu Taschen, Buttons und T-Shirts. 

Vervielfältigung, und auch Vielfalt, spielten bei der 2012 entstandenen zehnteiligen Serie The Early Birds (Sigh) Traces, die wiederum der Auslöser für die hier gezeigten Arbeiten war, eine wichtige Rolle. Vögel und Arme sind dort vor tapezierten Flächen oder in bühnenartigen Räumen zu sehen, Vorhänge bekräftigen die kulissenhafte Anmutung der Bilder, in denen fallende Buchstaben und Steine als weitere Protagonisten in Erscheinung treten. Die visualisierten, auf Berechnung und Belichtung basierenden Spuren ihrer Bewegung gleichen Fäden oder Rauchschwaden, die sich im Bildraum verteilen. In der zur Präsentation in den Berliner Kunstsälen produzierten Zeitung wurde in einer Art Zugdurchsage der Kontext umrissen, in dem diese Serie platziert wird, und in dem der Abschied von den Mythen der Moderne, die Wachablösung der Abstraktion durch plausible innerbildliche Kartografierbarkeit ebenso Erwähnung fanden wie der Begriff des Transit, der die laut Berresheim gleichermaßen technologische und kunsttheoretische Übergangsphase beschreiben soll. Parallel dazu erschien außerdem das gleichnamige Erstlingswerk der Wait Watchers, einem von ihm initiierten Trio, das seitdem zu mehreren Ausstellungen Alben einspielte.

 
 

Bei den in dieser Ausstellung zu sehenden Werken haben wir es nun mit zwei besonderen Formen der Vervielfältigung zu tun, die sich von der klassischen, reproduktiven Form der Vervielfältigung unterscheiden. Dient hier doch nicht mehr das fertige Bild oder die Bildoberfläche als Ausgangsmaterial des vervielfältigenden Prozesses, sondern stattdessen die, wenn man so will, DNA des Bildes. Tim Berresheim nahm sich noch einmal des Datensatzes der Early Bird Arbeiten an, um neue im Vergleich zu dem ersten Mappenwerk sowohl in puncto Farbpalette als auch Detailreichtum reduziertere Bilder zu fabrizieren. Die aktuelle Serie The Early Bird (Sigh) Traces (Revisited) ist in schwarz-weiß gehalten, und in der direkten Gegenüberstellung ist eine deutlich weniger kleinteilige Oberflächengestaltung zu erkennen. Es wurde nun auf die per Hand gezeichnete Tapete und die dadurch bedingte Verunklärung zwischen Zwei- und Dreidimensionalität verzichtet. Zudem weist die Textur beispielsweise des Gefieders – wie man besonders gut an dem stehenden Vogel in The Early Bird (Sigh) Traces IV (Revisited) sehen kann – eine gröbere Oberflächenstruktur auf. Gleichzeitig rücken dank dieser Reduktionen andere Aspekte, wie die skulpturale Qualität der Ein- und Ausbuchtungen oder die Schattenverläufe, in den Fokus. Die Konstruktion der Bilder wiederum betonen die robografischen The Early Bird (Sigh) Traces Zeichnungen, die von sämtlichen Revisited Arbeiten angefertigt wurden. Zwar ähneln diese quasi nachgereichten Skizzen auf den ersten Blick Vervielfältigungen im klassischen Sinne, allerdings produziert der Zeichencomputer, anders als geläufige Vervielfältigungstechniken, permanent Unikate.

Dieser genuine Umgang mit der erwähnten DNA des Bildes samt der impliziten Vervielfältigung der Betrachtungsweisen resultiert aus Berresheims Interesse an einer Art Sehschule, wie er es spätestens seit der Ausstellung Auge und Welt 2015 im Düsseldorfer Kunstverein verfolgt. Dort zeigte er unter anderem neben computergenerierten, von höchster Präzision gekennzeichneten Bildern Mimeografien mit Wolkengebilden. Außerdem war er erstmals an Führungen und Gesprächen beteiligt, und schließlich begann er damals an eigenen Apps als Vermittlungstools zu arbeiten. Das Angebot, Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen und Produktionsprozesse nachvollziehen zu können, ist gleichsam auch eine Erinnerung daran, dass es sich bei Werken der bildenden Kunst im besten modernen Sinne nicht nur um Endprodukte, sondern um Ausgangspunkte für Betrachtungen, Revisionen und Diskurse handeln kann. Vor dem Hintergrund des Wandels von der analogen zur digitalen Sphäre und den damit für Kunstkritik, -theorie und -geschichte, für Bildwissenschaft und Museologie verbundenen Fragen ist diese Form der vervielfältigenden – und vielfältigen – Praxis dafür ein adäquates, gleichzeitig komplexes und spielerisches Mittel.

 
 
 
 
 
 
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Tim Berresheim

1975 in Heinsberg geboren, ist ein Bildender Künstler, der seit 2002 mit Hilfe des Computers Tafelbilder produziert. Auf den Bildern, die als Fotografien, Siebdrucke oder Computerprints realisiert werden, sind Szenerien dargestellt, die sich im dreidimensionalen, illusionistischen Raum abspielen. Seit der zweiten Hälfte der 2000er Jahre ist zudem der Aspekt der Mehrdimensionalität für Berresheim von Relevanz. Mittels optischer Verzerrungen innerhalb der komplexen Darstellungen wird die Lesbarkeit des Bildes permanenten Veränderungen unterzogen und somit die Idee einer letztgültigen zentralperspektivischen Ansicht zur Disposition gestellt. Letzte individuelle Ausstellungen: Harry Rag – Gallery Belmacz, London (UK), Smashin´ Time II – Kunst Raum Riehen, Riehen (CH) und Suspension of Disbelief – Neuer Aachener Kunstverein, Aachen (D), 2018.

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