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Paulo César Ribeiro Gomes
Aspekte der Grafik-Produktion in Rio Grande do Sul

Von Paulo César Ribeiro Gomes

Vorgeschichte

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es die Grafik in Rio Grande do Sul. Die zahlreichen Lithografie-Werkstätten in Porto Alegre, Pelotas, Rio Grande, Caxias do Sul und Santa Maria belegen die Bedeutung und Stärke dieses Bildreproduktionsmittels insbesondere zur Befriedigung der Nachfrage nach Illustrationen, Etiketten und Werbetexten für den Handel (1). Die Kunstgrafik beginnt mit dem Wirken Pedro Weingärtners (1856 bis 1929), Bruder berühmter Lithografen, die seit dem 19. Jahrhundert die Litografia Weingärtner betreiben. Mit seinem grafischen Werk, insbesondere auf dem Gebiet des Tiefdrucks, erlangt er noch zu Lebzeiten Berühmtheit, gerät dann jedoch in Vergessenheit. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als seine Produktion in den Jahren 2006 und 2008 im Kunstmuseum von Rio Grande do Sul (MARGS) ordentlich katalogisiert und ausgestellt wird, werden seine Arbeiten wiederentdeckt (2).

In den 1930er und 1940er Jahren ist die künstlerische Grafik wenig präsent und beschränkt sich auf die Illustration von Zeitschriften, periodischen Publikationen und Büchern, wie sie der Verlag Globo (3) veröffentlichte. Mit dem Aufkommen der Gruppe von Bagé und später des Druckgrafik-Clubs (Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre) wird die Druckgrafik jedoch zum Hauptakteur der Bildenden Kunst Südbrasiliens, sodass die beteiligten Künstler und ihre lokale grafische Produktion Beachtung und Renommee erlangen. Diese explizit expressionistisch geprägte Strömung mit politisch linker Orientierung wird zur Referenz für ähnliche Strömungen in ganz Brasilien (Pernambuco, Rio de Janeiro, Minas Gerais), die auch ins Ausland ausstrahlen, z. B. nach Uruguay und sogar nach Portugal, wie die Veröffentlichung der Arbeiten von Carlos Scliar (1920 bis 2001) und Danúbio Gonçalves (1925) in der neorealistischen Zeitschrift Vértice (1950) (4) zeigt.

Später kommen weitere Gruppen hinzu, z. B. Bode Preto (Schwarzer Bock), bestehend aus Studierenden des Instituts der Schönen Künste, deren erste Ausstellung 1958 (5) stattfindet. Die Grafik hat in dieser Zeit also zwei Produktionszentren: das Atelier Livre (Freies Atelier) der Stadtverwaltung von Porto Alegre und das Institut der Schönen Künste der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul (UFRGS). Wichtig ist in den 1960er Jahren auch der Aufenthalt von Iberê Camargo (1914-1994) im Atelier Livre, wo er einen Tiefdruck-Kurs anbietet. In den darauffolgenden Jahren bereichern Namen wie Tadeusz Lapinski (1928-2016), Danúbio Gonçalves (1925), Paulo Peres (1935-2013), Marcelo Grassmann (1925-2013), Anestor Tavares (1919-2000), Luiz Barth (1941-2017) und Rose Lutzenberger (1929) die Lehre und die grafische Produktion, sei es im bereits erwähnten Atelier Livre oder im Institut der Künste. In den 1970er und 1980er Jahren sind es vor allem die Avantgarde-Gruppen Nervo Óptico, Espaço NO und KVHR, die als Zentren der grafischen Produktion Arbeiten mit Xerografien, Fotografien, Stempeln und weiteren nicht kanonisierten Druckverfahren entwickeln. (6)

In den späteren Jahrzehnten sind andere Initiativen stärker im lokalen Panorama der grafischen Künste vertreten, zum Beispiel das zwischen 1980 und 1991 bestehende Atelier MAM.(7) In den 1990er Jahren wird das Grafikatelier Museu do Trabalho (Museum der Arbeit) gegründet, dessen Bedeutung vor allem darin liegt, dass es Kurse und Workshops anbietet und das Grafik-Konsortium ins Leben ruft, ein Verfahren zum Verkauf von Grafiken über Abonnement.(8) Erwähnenswert ist in dieser Zeit auch das Grafikatelier der Stiftung Iberê Camargo, das renommierte nationale und internationale Künstler einlud, mit ihren Druckpressen Arbeiten zu erschaffen.

Diese kurzen Betrachtungen zeichnen ein Bild des vielfältigen und dynamischen lokalen Panoramas der Druckgrafik, denn auf die Bedeutung anderer Produktionszentren in diesem Bundesstaat soll hier nicht eingegangen werden. Dies sind zum Beispiel die Kunststudiengänge der Bundesuniversität von Pelotas, der Stiftung Universität Rio Grande, der Bundesuniversität von Santa Maria, des Universitätszentrums FEEVALE, die voll funktionierende Grafikwerkstätten unterhalten. Von folgenden Institutionen wurden jedoch systematisch und institutionell Sammlungen angelegt: dem Kunstmuseum von Rio Grande do Sul (MARGS), der Pinakothek Aldo Locatelli (Stadtverwaltung von Porto Alegre), der Pinakothek Barão de Santo Ângelo des Instituts der Künste (UFRGS), dem Museum Leopoldo Gotuzzo (Pelotas), dem Museum Ruth Schneider (Passo Fundo) der FUNDARTE (Montenegro), der Stiftung Vera Chaves Barcellos (Viamão) und insbesondere dem Brasilianischen Grafikmuseum in Bagé (an die URCAMP angebunden), das unter anderem über 500 Bilder der Begründer der Druckgrafikgruppe von Bagé verfügt. Die in Rio Grande do Sul in dem von uns untersuchten Zeitraum produzierte Grafik war immer wieder Gegenstand verschiedener allgemeiner und spezieller Studien, außerdem ist sie in den lokalen öffentlichen Sammlungen sehr gut repräsentiert, weshalb es nun ein reiches Archiv gibt, das auf Studien wartet, die diesen Reichtum und diese Vielfalt (9) ans Licht bringen.
 

Die grafischen Sammlungen

Als Wissenschaftler mit enger Anbindung an die Bundesuniversität Rio Grande do Sul arbeiten wir natürlich überwiegend an den bevorzugten Forschungsstandorten,  sprich, in den lokalen öffentlichen Sammlungen. Bei der Veröffentlichung der Arbeit Pinakothek Barão de Santo Ȃngelo – Allgemeiner Katalog 1910-2015) (2015) (10) erkannten wir, dass gerade bei den grafischen Künsten (Zeichnungen und Grafiken) eine besonders reichhaltige Sammlung vorhanden war. Deshalb richteten wir unser Augenmerk speziell auf die Grafiken, sowohl auf die Technik als auch auf die formalen und thematischen Charakteristika. (11)

Die Expressivität dieses Grafikarchivs weckte das Interesse des Goethe-Instituts Porto Alegre, worauf in einer gemeinschaftlichen Aktion dieser beiden Institutionen die von Rolf Külz-Mackenzie kuratierte Ausstellung „Ein Blick von Berlin auf die Druckkunst in Porto Alegre zwischen 1960 und 2015” entstand (12). Ausschließlich aus Drucken der Pinakothek Barão de Santo Ȃngelo bestehend, präsentierte sie die Vielfalt von Künstlern, Techniken, Themen und Nationalitäten innerhalb dieser Kollektion. Die Ausstellung ermöglichte einen ersten systematischen und wissenschaftlichen Blick von außen auf die Sammlung. Es ist ein neuer und, warum sollte man es verschweigen, einzigartiger Blick. Wir glauben, dass der rein auf die Visualität der Werke gerichtete Blick – ohne das Gewicht von (berühmten und angesehenen) Namen und ohne die in unserer Geschichtsschreibung üblichen traditionellen Sicherheiten (Reputation und stilistische Zuschreibung) – konzeptionelle und formale Lösungen aufzeigte, die für uns sehr ungewöhnlich waren.
 

Eine punktuelle Lesart

Zwangen die Arbeiten am Katalog der Pinakothek Barão de Santo Ângelo zu einem organisierenden Blick auf die Sammlung, so lösten die späteren Ausstellungen den Wunsch aus, die grafische Produktion von Rio Grande do Sul systematisch zu studieren, insbesondere ab dem Aufkommen der Grafik-Clubs in den 1940er/1950er Jahren. Da über diesen Zeitraum bereits viel geforscht wurde, befassen wir uns mit der Produktion ab den 1960er Jahren, die bemerkenswerte Charakteristika aufweist.

Ausgehend von einem Gesamtblick auf diese Periode und ihre Produktion (sowie der Analyse von Referenzkünstlern, der Aspekte Erfindungsreichtum, Ausdruck und Technik) stellen wir fest, dass sich in der grafischen Produktion von Rio Grande do Sul einige Besonderheiten beobachten lassen:

1. Das Fortbestehen des Realismus, resultierend aus der in den 1940er Jahren mit den Drucken der Gruppe von Bagé und dem Druckgrafik-Club gegründeten Schule und erkennbar an der Sozialkritik, der Beschäftigung mit Genderfragen, der plastischen Darstellung von Gefühlen und Beziehungen sowie an der Verquickung von Wort und Bild. Hierin zeichnen sich Grafikkünstler wie Danúbio Gonçalves (1925), Zoravia Bettiol (1935), Paulo Peres (1935-2013), Henrique Léo Fuhro (1938-2006), Armando Almeida (1939-2013), José Carlos Moura (1944), Anico Herskovits (1948), Cava [Wilson Cavalcanti] (1950), Maristela Salvatori (1960), Fábio Zimbres (1960), Cláudia Sperb (1965), Nara Amélia (1982), Rafael Pagatini (1985) und Gustavo Freitas (1988) aus;

2. Das Aufkommen des Abstraktionismus und seine Blütezeit in den 1960er Jahren sowie den darauffolgenden Jahrzehnten, mit Arbeiten, die eine Vorliebe für die Geometrisierung (Konkretismus) und die visuelle Wahrnehmung (Gestalt) aufweisen. Häufig kehren aber auch lyrische oder abstraktionsfreie Ausdrucksformen wieder. Zu dieser Gruppe zählen Iberê Camargo (1914-1994), Rose Lutzenberger (1929), Vera Chaves Barcellos (1938), Luiz Barth (1941-2017), Eduardo Cruz (1943), Lurdi Blauth (1956), Marinês Busetti (1958), Maria Lúcia Cattani (1958-2015), Helena Kanaan (1961) und Cris Rocha (1967);

3. Schließlich der Konzeptualismus, eine Strömung, die die intellektuelle Verarbeitung und Einbindung zeitgenössischer Diskurse wie den der Semiotik, der Linguistik, der Kommunikation, der Werbung etc. favorisiert, insbesondere ab den 1960er/1970er Jahren. Zu dieser Gruppe gehören Carlos Scliar (1920 – 2001), Regina Silveira (1939), Romanita Disconzi (1940), Diana Domingues (1947), Liana Timm (1947), Carlos Asp (1949), Mário Röhnelt (1950), Maria Ivone dos Santos (1958), OTA [Otacílio Camilo] (1959-1989), Hélio Fervenza (1963), Miriam Tolpolar (1960) und Jander Rama (1978).
           
Diese kleine Gruppe von Künstlern schöpft die Möglichkeiten dieses Feldes nicht vollumfänglich aus. Im Gegenteil, sie zeichnet sich durch einen partiellen Blick auf eine lebendige, umfassende und stetig wachsende Produktion aus, sowohl hinsichtlich der streng eingehaltenen Techniken, als auch der Haltung, die mit dem Kanon bricht und dadurch neue Mittel und Wege eröffnet, was in der laufenden Ausstellung deutlich zum Ausdruck kommt.
 

Offene Fragen für die Zukunft einer Forschung

Die grafische Produktion von Rio Grande do Sul in der Zeit zwischen den 1960er Jahren und dem jetzigen Jahrzehnt weist eine große Übereinstimmung mit den internationalen Tendenzen auf. Gleichzeitig legt sie jedoch Wert auf die Beibehaltung und Betonung der traditionellen manuellen Charakteristika der Grafikkünste, also der erstklassigen Machart, des technischen Könnens und der vollen Verwirklichung der an Form und Inhalt gestellten Erwartungen. Bei den technischen Fragen lässt sich feststellen, dass die Künstler großen Wert auf die Erforschung des Materials und der Reproduktionsmittel legen, wodurch ihre stets variierende und sich weiterentwickelnde Produktion konform geht mit den technischen und thematischen Errungenschaften ihrer Zeit. Bemerkenswert ist, dass die Grafik in Rio Grande do Sul hinsichtlich der stilistischen Neuerungen stets eine Parallelität zu den anderen künstlerischen Techniken wie Malerei und Bildhauerei aufwies. Dies liegt daran, dass es sich um Arbeiten von Künstlern handelt, denen es in erster Linie darum geht, die Fragen der eigenen Poetik in Beziehung zu setzen zu den poetischen Fragen der Verfertigung ihrer Werke. Die vielfältigen Untersuchungen von Sprache, Form, Untergrund, Materialien, Themen und Prozessen zeigen, dass die Dynamik der Grafikproduktion dadurch, dass sie die engen Grenzen der formalen und thematischen Orthodoxie überwindet, Fragen und Probleme aufwirft, die in diese Arbeiten eingehen und bleibende Ausdrucksform entwickeln, wodurch sie Wege für neue theoretische/konzeptionelle Formulierungen eröffnen. 

 
1) Zu diesen Anfängen siehe das Referenzwerk von Carlos Scarinci zu dem Thema, A gravura no Rio Grande do Sul – 1900-1980 (Porto Alegre, Editora Mercado Aberto, 1982).
2) Zur Arbeit des Grafikers Pedro Weingärtner siehe die Ausstellungskataloge des MARGS von 2006 und insbesondere Pedro Weingärtner: Obra gráfica (Porto Alegre, Fumproarte, 2008).
3) Zu der Globo-Buchhandlung und zum Globo-Verlag siehe A Modernidade Impressa: Artistas Ilustradores da Livraria do Globo - Porto Alegre, von Paula Viviane Ramos (Porto Alegre, Editora da UFRGS, 2016).
4) Zu den Wirkungen der Gaucho-Grafik in Portugal und ihrer Aufspaltung siehe A Doce e Ácida Incisão: A gravura em contexto [1956-2004] (Lisboa, Culturgest, 2013).
5) Zur Produktion im Rahmen des Instituto de Artes siehe 100 anos de artes plásticas no Instituto de Artes da UFRGS: três ensaios (Porto Alegre, Editora da UFRGS, 2012) von Blanca Brites, Icléia Borsa Cattani / Maria Amélia Bulhões e Paulo Gomes.
6) Zu Informationen über diese Zeitabschnitte und ihre Institutionen siehe Artes plásticas no Rio Grande do Sul: uma panorâmica. (Porto Alegre: Lahtu Sensu, 2007), herausgegeben von Paulo Gomes, mit Essays von Armindo Trevisan, Susana Gastal, Maria Lucia Kern, Paula Ramos, Neiva Bohns, Maria Amélia Bulhões, Blanca Brites und Ana Carvalho. 
7) Die Abkürzung MAM setzt sich aus den Initialen der Vornamen ihrer Begründer, Maria Tomaselli, Anico Herskovits e Marta Loguércio zusammen. Der Nachlass des MAM wurde nach der Schließung des Ateliers dem MARGS übergeben.
8) Zur Institution siehe Museu do Trabalho: catálogo (Porto Alegre, FUMPROARTE, 2011).
9) Neben akademischen Arbeiten (Monografien und Dissertationen) gab es in den letzten Jahren zahlreiche Ausstellungen über die Grafik in Rio Grande do Sul. Hierbei weisen wir besonders auf die Ausstellungen mit Publikationen hin: 1. Gravura no Rio Grande do Sul: atualidade (Porto Alegre, Museu de Arte do Rio Grande do Sul, 1986); 2. Série Técnicas 4 – Xilogravura (Anico Herskovits, Armando Almeida, José Carlos Moura, Lurdi Blauth, Nelson Ellwanger, Wilson Cavalcanti) (Porto Alegre, Galeria de Arte da Caixa Econômica Estadual do Rio Grande do Sul, 1988); 3. Projeto Atelier (Porto Alegre, Núcleo de Gravura do Rio Grande do Sul/MAM Atelier de Litografia, 1989); 4. Arte Gráfica Gaúcha (Núcleo de Gravura do Rio Grande do Sul) (Rio de Janeiro, Museu Nacional de Belas Artes, 1998); und 5. Gráfica Gaúcha: a gravura artística no Rio Grande do Sul – 1910-1980 [kuratiert von Anico Herskovits] (Porto Alegre, Centro Cultural CEEE Erico Veríssimo, 2007).
10) GOMES, Paulo [Hrsg.]. Pinacoteca Barão de Santo Ângelo – Catálogo Geral 1910-2015 (Porto Alegre, Editora da UFRGS, 2015).
11) Die laufende Forschung, zu der dieser Text zählt, ist in der PROREXT-UFRGS unter nº 32556- Formas e Conteúdos: aspectos da produção gráfica do Rio Grande do Sul e de Portugal de 1960 a 2000 registriert.
12) Siehe den Ausstellungskatalog mit demselben Titel, veröffentlicht 2016 vom Goethe-Institut Porto Alegre.
 
 

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