Berlinale-Blogger 2017 Schön und anders

Pieles von Eduardo Casanova
Filmstill © Eduardo Casanova | „Pieles“

Was ist Schönheit? Vielleicht ein verbranntes Gesicht. Oder ein Anus im Mund. Der Regisseur Eduardo Casanova will die uralte Frage in seinem Erstlingswerk „Pieles“ („Haut“), das bei seiner Vorführung auf der Berlinale viel Applaus erhielt, mit einer Ohrfeige für den Zuschauer beantworten. 

Der junge Cineast aus Madrid erschafft in seinem ersten Spielfilm ein Universum, in dem er die derzeitigen ästhetischen Normen niederreißt, authentische Charaktere porträtiert und gleichzeitig die geltenden Konventionen massiv kritisiert. So zeigt uns Casanova, dass auch Missbildung schön ist, aber nur, wenn sie authentisch ist. Der Schlüssel liegt darin, sagt er, dem Inneren treu zu bleiben. 

In der Erzählung kreuzen sich die Geschichten einer Frau mit dem Anus im Gesicht (und einem Mund im Anus), eines Mädchens ohne Augen, eines Mannes mit einem missgebildeten Gesicht, einer fettleibigen Person, einer Frau mit Achondroplasie und eines Jungen, der sich selbst verstümmelt, weil er seine Beine nicht als seine eigenen empfindet. Sie alle leben ihr Leben am Rande der Gesellschaft, die sie ablehnt und ihnen nur einen beengten Lebensraum zwischen Schäbigkeit und Verachtung zugesteht.

Ausgelaugt von der Flucht vor ihrer Realität erheben sich die Protagonisten jedoch gegen ihr Schicksal, streifen ihre Komplexe ab und schaffen Geschichten voller Zärtlichkeit und Sensibilität. Von Liebe und dem Überschreiten von Grenzen. Casanova schafft dadurch einen Film, der vielleicht für frivol gehalten werden könnte – vor allem dadurch, dass in dem Film die Farben Rosa und Lila dominieren und durch die Unverfrorenheit einiger seiner Charaktere –, dessen Wurzeln jedoch in einem düsteren Pfuhl von Moral-Anschauungen liegen, in denen der Durchschnitts-Zuschauer seine eigene Widersprüchlichkeit nur allzu deutlich erkennt. 

„‚Pieles‘ ist ein Film über Menschen, die anders sind, für Menschen, denen es schwerfällt, das Andersartige zu sehen“, sagte Casanova bei der Vorstellung des Films. Der 25-jährige Cineast begann seine Karriere als Schauspieler bereits im Alter von zwölf Jahren: als Darsteller des Fidel in der beliebten spanischen Fernsehserie Aída. Schon seit seiner frühen Jugend träumte er davon, im Kino Regie zu führen. Mit Pieles wurde dieser Wunsch Wirklichkeit, immer begleitet von seinem Produzenten und Paten, Alex de la Iglesia, der selbst auch bei dieser Berlinale vertreten ist. 

Pieles ist der einzige spanische Film, der sich eine Nische in der Sektion Panorama geschaffen hat, der zweitwichtigsten Sektion der Berlinale. Er ist als bestes Erstlingswerk und für den Teddy nominiert, den Berlinale-Preis für cineastische Werke über queere Themen.