Berlinale-Blogger 2017 Brasilien im Wettbewerb

Joaquim von Marcelo Gomes
Foto: REC Produtores & Ukbar Filmes

Der Spielfilm „Joaquim” und der Kurzfilm „Estás vendo coisas” (Du siehst Dinge) bewerben sich um den Goldenen Bären, den höchsten Preis der Berlinale.

Joaquim, der neue Film von Marcelo Gomes, wurde in der Sektion Wettbewerb der Berlinale uraufgeführt. Der Film bringt das persönliche Leben von Joaquim José Xavier, alias Tiradentes, auf die Leinwand. Er war der Märtyrer der sog. „Inconfidência Mineira“ (Verschwörung von Minas Gerais). Angesiedelt in einem kolonialen, von Sklaverei und hoher Korruption geprägten Brasilien, illustriert Joaquim, wie ein Mann, der für die portugiesische Krone arbeitet, nach und nach seine Weltanschauung verändert und beschließt, sich der politischen Widerstandsbewegung anzuschließen, die für eine Loslösung von Portugal kämpft.
 
Diese körperliche und geistige Reise findet inmitten der Regenwaldgebiete von Minas Gerais statt, auf der Suche nach dem immer knapper werdenden Rohstoff Gold und im Kontakt mit anderen vom Königreich benachteiligten Gruppen – Indigenas und afrikanischen Sklaven. Der Strudel der Ereignisse und Joaquims instabiles Leben werden durch eine permanente Bewegung der Bilder, aufgenommen per Handkamera und mit zahlreichen Nahaufnahmen, vermittelt.
 
„Die Portugiesen kommen nach Brasilien und bauen eine unmenschliche Gesellschaft auf, deren Ziel in der Ausbeutung der Erde besteht. Und diesen Prozess der Ausbeutung tragen auch die in Brasilien Geborenen weiter in ihren Köpfen. Diese Elite beginnt, den portugiesischen Kolonialherrn zu imitieren: das Land auszubeuten und in den Händen Weniger zu behalten. Auch im heutigen Brasilien müssen wir weiter an der Entkolonialisierung arbeiten”, so der Regisseur bei der Pressekonferenz. Er nutzte die Gelegenheit zugleich dafür, vor der internationalen Presse einen Brief der brasilianischen Filmemacher zu verlesen, in dem sie den Erhalt und den Ausbau der audiovisuellen Politik fordern. „Wir müssen gegen diese unrechtmäßige Regierung Widerstand leisten”, sagte Gomes. Am Abend, bei der öffentlichen Vorstellung, widmete der Regisseur seinen Film "allen Brasilianern, die sich gegen die illegitime Regierung stellen und Widerstand leisten", worauf die Zuschauer im Chor mit "Fora Temer" (Temer raus; gemeint ist der derzeitige Präsident Brasiliens) antworteten.

 

 

Brega-Musik aus Pernambuco

Der Kurzfilm Estás vendo coisas (Du siehst Dinge) von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca wurde ursprünglich als Videoinstallation konzipiert und auf der 32. Biennale von São Paulo aufgeführt. Der Film stellt die Welt der zeitgenössischen Brega-Musik von Recife anhand verschiedener Musikmacher vor. Leitmotiv ist der Alltag des Friseurs MC Porck und der Feuerwehrfrau und Sängerin Dayana Paixão, die sowohl bei ihrer Arbeit im Tonstudio als auch bei Auftritten gezeigt werden. Das Bild, das die beiden Musiker in ihren Videoclips von sich selbst zeichnen, spiegelt ihre eigenen Zukunftserwartungen ebenso wider wie die Sehnsüchte des Publikums.