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Berlinale-Blogger 2020
Widerstand seit 1500

Patricia Ferreira. "I am an indigenous woman".
Patricia Ferreira. "I am an indigenous woman". | Foto: Anna Azevedo.

Die Ausstellung Carta de uma mulher Guarani em busca de uma terra sem mal (Letter from a Guarani Woman in Search of a Land Without Evil) zeigt das Werk der indigenen Filmemacherin Patrícia Ferreira Pará Yxapy und ist Teil des Forum Expanded der Berlinale in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum Savvy Contemporary.

Von Camila Gonzatto

Das Eintauchen der Kuratorin und Filmemacherin Anna Azevedo in die Archive der indigenen Regisseurin Patrícia Ferreira Pará Yxapy mündete in die Ausstellung Letter from a Guarani Woman in Search of a Land Without Evil mit einem Film und einer Installation von Yxapy selbst sowie neuen aus ihrem Archiv entstandenen Arbeiten in Bild, Text und Ton.

Das Eintauchen der Kuratorin und Filmemacherin Anna Azevedo in die Archive der indigenen Regisseurin Patrícia Ferreira Pará Yxapy mündete in die Ausstellung Letter from a Guarani Woman in Search of a Land Without Evil. Anna Azevedo stieß auf Patríxia Yxapy, als sie sich für den Kurzfilm Em busca da terra sem males (In Search of the Land Without Evil), der auf der Berlinale 2017 gezeigt wurde, für indigene Filmemacherinnen interessierte. „Ich ging auf die Website der NGO ‚Video nas Aldeias‘ (Video in den Dörfern), um zu sehen, wer die indigenen Frauen sind, die audiovisuell arbeiten, und zu meiner Überraschung waren dort von 55 Filmemachern nur drei Frauen. Bei dieser Recherche lernte ich die Arbeit von Patrícia Yxapy kennen und schaute genauer auf das, was sie produzierte“, erzählt sie.

Patrícia Yxapy aus der Guarani-Siedlung Koenju in São Miguel das Missões (Bundesstaat Rio Grande do Sul, Südbrasilien) begann 2008 mit Video zu arbeiten, in Workshops genau jenes Projekts „Vídeo nas Aldeias“, das seit 1986 audiovisuelle Produktion in indigenen Dörfern in ganz Brasilien fördert. „Ich war schon immer neugierig auf die Geschichten unserer Frauen und auf ihre Arbeit. Ich fand es perfekt, mich ihnen mit diesem anderen Instrument zu nähern, das wir nicht hatten“, sagt die Filmemacherin. 

Innerhalb ihres Dorfes gibt ihr die Tatsache, dass sie Filmemacherin ist, keine Sonderstellung. „Ich bin nur eine von vielen indigenen Frauen - Mutter, Tochter, Enkelin, auch Lehrerin -, die kämpft. Aber wenn ich das Dorf verlasse, spüre ich einen riesigen Unterschied. Es gibt auch unter nicht-Indigenen nur wenige Frauen, die Filme machen. Ich sehe, wie wichtig dieser Kampf ist, wie wichtig es ist, eine indigene Frau zu sein und mit audiovisuellen Mitteln zu kämpfen. Damit können wir Vorurteile abbauen“, sagt Yxapy. 
 

Weg der Vorfahren

Die Ausstellung ist um das Konzept „Jeguatá“ gestaltet, der traditionellen Wanderung der Guarani nach dem Land ohne Übel. „Die Guarani wandern ständig von Dorf zu Dorf, besuchen sich, tauschen, suchen nach neuen Orten, sich niederzulassen und womöglich glücklich zu sein, in Frieden und Wohlstand zu leben. Jeguatá ist ein sehr ausgeprägtes Merkmal der Guarani-Kultur. Und aus dieser Bewegung des Wanderns lässt sich Widerstand herauslesen“, erklärt die Kuratorin.

Die Wanderungen sind auch eines der wichtigsten Themen der Arbeit von Patrícia Yxapy. „In den Filmen geben wir Aussagen über diese Wanderungen wieder. Sie alle beginnen mit Traum und Empfinden. Wenn wir im Herzen etwas spüren, das uns antreibt, den Ort zu verlassen, gehen wir fort und in ein anderes Dorf, um Verwandte zu besuchen oder um Samen zu holen oder irgend ein Material für Kunsthandwerk. Das Wandern hat immer einen Grund.“ Obwohl wichtiges Merkmal der Guarani-Kultur hat Jeguatá auch negative Auswirkungen. „Wir verloren allmählich unser Territorium, gerade weil wir ein Volk sind, das wandert. Wenn die Guarani sowieso nicht an einem Ort bleiben, wozu brauchen sie dann demarkiertes Land?, fragt man uns“, erläutert Yxapy.
 

Botschaft an die Welt

Aldeia Koenju, Brasilien. Aldeia Koenju, Brasilien. | Foto: Ariel Ortega Die Ausstellung in Berlin besteht aus dem Film Teko Haxy von Patrícia Yxapy und Sophia Pinheiro und der Installation Jeguetá von Patrícia Yxapy, Ariel Ortega, Ana Carvalho und Fernando Ancil. Es gibt auch eine Klanginstallation und 12 „Briefe“ genannte Arbeiten mit Botschaften an die Juruá – die Nicht-Indigenen. Laut Azevedo lässt sich die Hauptbotschaft der Briefe in einem Text von Patrícia Yxapy zusammenfassen, wo sie schreibt: „Wir sind nicht im Jahr 1500 stehen geblieben. Wir sind kein Kapitel aus den Geschichtsbüchern. Wir sind nicht Folklore. Ich will nicht mehr hören: ‚Das sind keine Indianer mehr, sie sind zivilisiert‘, oder ‚viel Land für so wenige Indianer‘. Wir leben und kämpfen seit 1500.“

Die Ausstellung kommt nach Berlin in einem Moment der Angriffe gegen indigene Völker durch die Zentralregierung, die schon vor dem Antritt der aktuellen Regierung begonnen haben. „Nach der Errichtung des faschistischen Regimes in Brasilien 2019, das sich das Recht nimmt, ‚Mensch‘ und ‚nicht-Mensch‘ zu definieren und die Existenz der indigenen Völker bedroht, wollen wir die Stimmen und Schreie von Patricia Yxapy noch lauter zum Klingen bringen“, erklärt das Kuratoriumskollektiv des Savvy. 

Yxapy betont, dass es viele Vorurteile gegen die indigenen Bevölkerungsgruppen gibt und warnt vor der Zunahme von Gewalt: „Seit Beginn der Kolonisierung kämpfen wir gegen die Zerstörung der Umwelt, gegen den Genozid und den Ethnozid. Die Drohungen und die Hassreden, vor allem der gegenwärtigen Regierung, führen zu mehr Gewalt gegen die indigenen Völker, der Ermordung von unseren Führungspersönlichkeiten, der Okkupation unseres Lands.“ 

Die Ausstellung Letter from a Guarani Woman in Search of a Land Without Evil ist also eine Art, einem anderen Narrativ Raum und Stimme zu geben und einem anderen Blickwinkel. „Indem wir die Quellen des Widerstands und der Verletzlichkeiten zeigen, die Patrícia Yxapi zur Kamera haben greifen lassen als Waffe im Kampf um ihre eigene Erzählung als Heilung von Jahrhunderten der Gräuel, wollen wir zuhören und ihre Äußerungen über das Weibliche, über Spiritualität, die Kolonisierung und ihr Verhältnis zum Land erleben“, sagen die Kuratoren von Savvy.

Die Ausstellung, die vom Goethe-Institut Rio de Janeiro unterstützt wurde, ist vom 19. Februar bis 15. März in Berlin zu sehen.
Ort: Savvy Contemporary
 

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