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Hongkong
Angela Su, Medien- und Performance-künstlerin

Von Angela Su

Angela Su © Angela Su

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Sitation persönlich oder in Ihrem Land?

Bereit für die rote Pille …

In Hongkong ist die Bewegung gegen das Auslieferungsgesetz (Anti-ELAB movement*) durch das Virus nicht ins Stocken geraten. Die Protestierenden haben ihre Energie lediglich im Rahmen ihres Kampfes an eine andere Front verlegt. In Zeiten der Epidemie übt diese Protestbewegung eine starke einigende Kraft auf die Bevölkerung Hongkongs aus. Die Hongkonger Regierung hat ihre Glaubwürdigkeit schon lange vor Erscheinen des Virus verloren. Deshalb waren wir insbesondere zu Beginn des Ausbruchs sehr gut darauf vorbereitet, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Von der Bewegung mitgerissen, forderten streikende medizinische Fachkräfte die Schließung der Grenzen nach China. Protestierende gingen gegen die Einrichtung von Quarantänezentren in direkter Nachbarschaft zu Wohngebieten auf die Straße. Geschäftsinhaber*innen warteten nicht auf Maßnahmen der Regierung, sondern schnürten selbst Hilfspakete für ältere Menschen.

Staatsbürger*innen von Hongkong, die in den USA leben und die Bewegung unterstützen, schickten 100 000 OP-Masken für medizinisches Personal und sozial Schwache in die Stadt. Andere erforschten und entwickelten Ideen im Bereich der Maskenproduktion, und lokale Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen begannen im Februar mit der Herstellung von Masken, die sie seitdem zu erschwinglichen Preisen verkaufen. Darüber hinaus haben wir uns dank der Bewegung angewöhnt, die von der Propagandamaschinerie der Kommunistischen Partei Chinas verbreiteten Verlautbarungen zu den Ereignissen in Frage zu stellen. Von den engen Beziehungen zwischen der Partei und der WHO wissen wir schon seit langem, spätestens seit Margaret Chan im Jahr 2003 zur Generaldirektorin der WHO aufsteigen konnte – trotz ihrer zweifelhaften Kompetenz im Umgang mit dem SARS-Ausbruch.

Also nimm die rote Pille, während die Wissenschaft fieberhaft nach einem Impfstoff sucht.

*Bewegung gegen den Entwurf für ein Auslieferungsgesetz (Anti-extradition bill movement): Seit dem Sommer 2019 verstärkten sich die Proteste gegen einen mittlerweile zurückgezogenen Gesetzesentwurf, der die Auslieferung von Bürger*innen aus Hongkong nach China ermöglicht hätte. Sie entwickelten sich zu einer Demokratiebewegung des zivilen Ungehorsams gegen die von Peking kontrollierte Hongkonger Regierung.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Wir werden in einer deglobalisierten Welt leben, in der Gesundheitsversorgung nichts kostet, ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt wird, gleichgeschlechtliche Ehen legalisiert sind, neue Familienstrukturen entstehen, die Ressourcen gerecht verteilt werden, der Einsatz von Technologien auf ethischen Grundsätzen beruht, Gemeinschaften sich selbst versorgen und die Eiskappen in der Arktis wieder intakt sind … Und so leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.

Wie sehr ich mir wünschte, dass die Krise die Welt in genau diesen Zustand versetzen könnte.

Seit der „Schwarzer Tod“ genannten Pandemie im 14. Jahrhundert haben Epidemien die menschliche Zivilisation immer wieder geprägt. Unsere heute geltenden Gesetze und Vorschriften sind häufig auf den Ausbruch von Epidemien zurückzuführen. Doch selbst wenn mit der COVID-19-Pandemie mehr als nur ein vorübergehender Einschnitt verbunden sein sollte, wird es keine grundlegenden Veränderungen geben können, solange wir in einer neoliberalen, kapitalistischen, patriarchalischen, fremdenfeindlichen Gesellschaft leben. Zu den langfristigen Folgen könnten Kriege um Ressourcen, verstärkte Internetabhängigkeit, die Einführung einer Überwachung, die „unter die Haut“ geht (beispielsweise durch das Einpflanzen von Mikrochips oder die Gesichtserkennung über KI-gestützte Kameras) oder ein Wettlauf zwischen China und Russland um die Weltmachtstellung gehören.

Der Kapitalismus wird siegen, die Menschheit wird ihren Marsch in den Abgrund beschleunigen oder sie verbindet sich über Schnittstellen mit Computern, und die Tiere, die nach der Auslöschung noch leben, übernehmen die Weltherrschaft. So wird unsere wahre Erlösung aussehen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Diese Frage wird zurzeit am Schluss jeder Unterhaltung gestellt, fast als sei es ein Verbrechen, nach dem Gespräch über ein unheilbringendes Ereignis nicht das Thema Hoffnung zu erwähnen.

Es wird wieder besser, wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren, mir wird schon nichts passieren.

Hoffnung ist ein großes Wort, so groß wie das Konzept von Gott, vorausgesetzt, es gibt einen Gott. Womöglich kann man Hoffnung in der kleinsten Geste der Güte finden, so wie etwa eine ganze Welt in einem Sandkorn oder ein Himmel in einer Wildblume stecken kann. Manchen reicht vielleicht ein Gemälde, ein Gedicht oder ein Musikstück, um Hoffnung zu verspüren … So ein kleines Fünkchen Hoffnung genügt einigen schon, um neuen Lebensmut zu schöpfen. Ich habe vor langer Zeit mit dem Zeichnen aufgehört, meine Sprachkompetenzen sind erbärmlich, ich treffe keinen Ton und habe kein Rhythmusgefühl. Mag sein, dass das Leben mit heruntergedrehter Lautstärke besser auszuhalten ist oder gar schöner wird. Also hänge ich weiterhin der Wahnvorstellung an, dass die Kunst anderer Menschen oder sogar meine eigene Arbeit eine Person an einem weit entfernten Ort in dieser Welt berühren und diese Person anschließend zu Veränderungen bewegen könnte, mit denen die Menschheit gerettet wäre.

Ich beherzige die Botschaft des Films Melancholia von Lars von Trier: Wer mit dem Schlimmsten rechnet, den kann nichts mehr schockieren und der begrüßt freudig das Ende der Welt.

Leider wird es keine Apokalypse geben … Und die Geschichte fängt wieder von vorne an …

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