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Sofia
Georgi Gospodinov, Autor

Von Georgi Gospodinov

Georgi Gospodinov © Phelia Baruh Ich denke an einen Nachmittag. Der Nachmittag der Welt. Konkret und symbolisch zur gleichen Zeit. Ich habe die Nachmittage schon immer geliebt, aber dieser ist anders. Es ist drei Uhr am Nachmittag. Man sagt, das sei die Uhrzeit des Todes Jesus Christi. Sie nennen es die Mönchskrankheit, eine besondere Wehmut, Acedia – die Trägheit des Herzens, seelisches Ermüden. Die Minuten sind endlos, die Welt steht still, irgendwo brummt eine Fliege, nichts geschieht, nichts passiert. Nur der Tod ist allgegenwärtig. Es gibt eine späte Malerei von Edvard Munch – „Zwischen Uhr und Bett“. Wir sind zwischen Computer, Fenster und Couch.

All das hat mich in Berlin erwischt, im Grunewald. Kurz bevor ich meinen Aufenthalt am Wissenschaftskolleg beendet hätte. Gott sei Dank sind meine Frau und meine Tochter bei mir. Meine Bibliothek ist in Sofia geblieben, und ich vermisse unendlich das Gefühl, es sei mir möglich, ein Buch nach Lust und Laune herausnehmen zu können, in sein Labyrinth einzutauchen, es dann zurückzustellen und ein anderes herauszunehmen. Wenn alles vorbei ist, werden sich die Bücher als unsere erste und letzte Zuflucht erweisen.

Es ist sehr wichtig, wie wir aus dieser Krise herauskommen und wie menschenwürdig wir unser höhlenartiges Zuhause verlassen werden. Das Überleben ist das erste Glied in der Kette, die erste Herausforderung, auf sie folgen weitere. Es gibt zwei Szenarien – das eine ist, dass sich nach der ganzen Isolation eine lang unterdrückte Aggression, ein Bruch mit dem Menschlichen, Grenzüberschreitungen, Wut, neuer Egozentrismus oder endlose Trauer und Gleichgültigkeit Bahn brechen. Das zweite Szenario zeigt ein neues Gespür für die verlorene Welt, Mitgefühl und Empathie, eine neue Sensibilität für den anderen und eine bessere Erkenntnis, worauf wir verzichten können und worauf – nicht. Wie werden sich die Rituale der Nähe zwischen uns verändern? Wie werden wir uns berühren, umarmen, uns wieder nahekommen? Auf uns wartet ein langer Weg, Zentimeter um Zentimeter, zwischen unseren eigenen Körpern. Meine optimistischste Vorstellung von der Welt danach? Es ist wieder ein Nachmittag, wir sind in die Sonne gegangen, auf eine Wiese. Es ist die Wiese der Welt, wir lesen, trinken Bier, essen etwas, in der Nähe spielen irgendwelche Kinder Ball, der fällt auf einmal neben uns auf die Erde, wir werfen ihn zurück, lachend.

Mich stimmt hoffnungsvoll, dass Kunst, Bücher, Bilder und Musik bezeugen: Es gab solche Zeiten auch früher, doch sie sind vorübergegangen und der Mensch hat überlebt. Ich hoffe, dass die Wissenschaft und all das gesammelte Wissen und die Kultur sich in einer solchen Situation mobilisieren lassen und in eine andere Phase übergehen. Ich vertraue darauf, dass der Mensch eine widerspenstige und lernfähige Kreatur ist. Vielleicht wird er endlich anfangen zu begreifen, dass er nicht allmächtig ist, sondern nur ein Teil des Lebens, des ganzen komplexen und hellen Netz des Lebens. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist eigentlich wichtiger. Und in einem gewissen Sinn ist es alles. Wir sind Teil des Lebens.

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