Hannah Hurtzig Zu Tisch in São Paulo

Hannah Hurtzig
Hannah Hurtzig | Foto: Mobile Academy Berlin

Die Künstlerin, die für das Konzept und die Leitung der Mobilen Akademie zuständig ist, spricht über ihre Überlegungen zum Thema Körper in der Installation Zu Tisch.

Wie sind Sie auf die Idee dieser Installation gekommen?

Das Thema beschäftigt uns schon eine ganze Weile und lässt uns nicht mehr los. In unseren Installationen und Inszenierungen besprechen, übersetzen entziffern wir in den letzten 6 Jahren immer wieder verschiedene Körperzustände und –transformationen. Angefangen hat es mit dem toten Körper und verschiedenen Todes-Theorien: Der Tod als Rückkehr ins Unbestimmte, vielleicht in den Kosmos, vielleicht in einen Zustand vor unserer Geburt . Der Tod als die befreiende Ablösung der Seele vom Körper. Oder als Durchgangsstadium. Der Tod als der Ordnungshüter der Welt, der den Einzelnen zwingt im Kollektiv der Toten aufzugehn und der damit Platz macht für die Lebenden. Der Tod als Bewußtseinsübung und Gestaltungschance für das Leben. Oder als unakzeptable Zumutung, die man einfach ablehnen muss. Bei diesem Projekt hatten wir das Glück in Delhi zu arbeiten und konnten so auf eine lebendige und vielfältige Todeskultur und Philosophie des Todes zugreifen.

Dann haben uns die untoten Zustände des Körpers interessiert, zum Beispiel die ethischen und gesellschaftlichen Probleme der Wachkomapatienten. Aber auch die Erfolgsgeschichte eines popkulturellen Phänomens unserer Zeit – die der Zombies im Comik, im Film und Fernsehen.

Wir haben ein Jahr mit Neurowissenshaftlern und Informatikern gearbeitet über die aktuellen Schnittstellen zwischen Organismus und Technik, das ist so was wie angewandte Science Fiction. Und dieses und auch im nächsten Jahr wird uns die Prothetik beschäftigen. Also immer wieder: Körper, Fleisch und Worte. Aus dieser Beschäftigung sind Filme und Archive und theatrale Events entstanden – die Darstellungsformen ändern sich dann immer wieder.

Bei der Installation geht es um eine Reflexion über den [menschlichen] Körper, aber wie kam es zu der Idee des Formats mit dem Tisch und wie wird die Reflexion dadurch dem Publikum kommuniziert?

Dieses ständige Reden über den Körper, seine Versprachlichung und Interpretation, die detaillierte Beobachtungen, das kommt einem kannibalistischen Akt nahe. Und da wir in Brasilien sind, dachten wir, dann legen wir den Gegenstand all unseres Interesses doch einfach virtuell auf den Tisch und setzen uns an die gedeckte Tafel. Es gibt dann eine Dramaturgie des Sprechens zwischen Dialog, Zwischenrufen und Gruppendiskussionen. Das Publikum lauscht über Kopfhörer, kann sich im Raum bewegen, Blicke und Konzentration wandern lassen, es ist ein langer Tag von 3 Uhr nachmittags bis in die Nacht, man kann kommen und gehen und sich das Programm je nach Gemütslage zusammenstellen.

Der australische Künstler Sterlac spricht über die Biokompatibilität der Technologie, etwa mit dem menschlichen Körper. Auf welche Art und Weise können technologisch-körperliche Modifikationen nicht legitim sein? Was bedeutet das?

Natürlich stellen sich durch die Forschungen und Erfolge der Biotechnologie, der Prothesenforschung, Robotik und die der künstlichen Intelligenz ethische Fragen nach der Aneignung (appropriation) des Lebens. An welcher Zukunft basteln und designen wir da gerade? Haar-extensions, gelaserte Augen, Gehirnschrittmacher sind schon akzeptiert und am Ende einer langen Reihe von technologischen enhancement kommen dann die Kryoniker und Transhumanisten zu Wort? Ich werde meine Lebenszeit jedenfalls nicht darauf verwenden mir vorzustellen wie es wäre, wenn man in der Techno-Zukunft nicht mehr sterben muss. Da erforsche ich doch lieber, wie man den Dialog mit den Toten führen kann.

Ist die beste Form sich Wissen anzueignen immer noch der Dialog?

Der Dialog ist uns vertraut. Er ist eine gesellschaftlich gut eingeübte Kommunikationsform, d.h. wir wissen ihn zu lesen, wir wissen, was wir da beobachten, weil wir Vergleichsmöglichkeiten haben mit der Beichte, dem Interview, der Beratung, der psychoanalytische Sitzung, dem Verhör. Insofern benutzen wir das Dialogische gerne für die Darstellung von Wissensformen. Aber das Zuschauererlebnis, die Aneignung ist immer kollektiv, unsere Inszenierungen, (mise en scene) zitieren Versammlungstätten, die Arena, die Agora, neue und alten Formen der assemblies. Hier in Sao Paulo ist es die Verlängerung des Experten-Dialogs in eine Tischgesellschaft.

Die Installation verfügt über ein Karaoke. Was steckt dahinter?

Es ist ein Bilder- Karaoke. Im Laufe der Recherche sind faszinierende Fotos, Filme, Bilder von Körpern aufgetaucht. Manche erschreckend und gruselig, andere verstörend und wunderlich. Man findet nicht so schnell die Worte sie zu beschreiben. Es sind Rätselbilder des Körpers, die wir aber nicht den Spezialisten zur Dechiffrierung vorlegen, sondern lieber die Meinungen des Publikums dazu einsammeln wollen. Wir projizieren sie und man hat dann zwischen 1-3 Minuten Zeit, das Bild, oder auch den Film öffentlich zu kommentieren.

Was bedeutet der Körper für Sie?

Ein Vehikel. Ein Vehikel für wunderbare und köstliche Entdeckungen. Mein täglicher Gegenspieler. Wahrzeichen unserer Endlichkeit. Produkt und Produzent von Gesellschaft.

Derzeit humpele ich ein wenig, ich verzehre mich nach jemanden, der sich nur sehr zögerlich für mich interessiert, seit einem halben Jahr bin ich wieder zigarettensüchtig, - also was soll ich sagen? Momentan stellt sich das Verhältnis mal wieder als ein problematisches dar.