re:publica 2015 Die Zukunft kommt aus dem Süden

re:publica 2015
re:publica 2015 | Foto: Gregor Fischer (CC BY-SA 2.0)

In Berlin versammelten sich – unter starker brasilianischer Beteiligung – Teilnehmer aus dem Süden, um Räume digitaler Innovation an unterschiedlichen Orten der Welt zu diskutieren. 

 Hollywood hat uns bereits von dem introvertierten Jungen aus Harvard erzählt, der heute mit nur 31 Jahren an der Spitze eines Unternehmens, das auf der Vermarktung persönlicher Daten seiner Benutzer basiert, einer der größten Milliardäre der Welt ist. Doch was wissen wir über die Erfindung einer 18-Jährigen aus Nairobi in Kenia? Wie viele von uns haben schon einmal von Njeri Martha Chumo, der Gründerin von The DevSchool gehört? 2013 wurde Njeri ein Visum für die USA verweigert, wo sie Softwareentwicklung studieren wollte, also beschloss sie, ihre eigene Hackerschule zu gründen, zur Ausbildung von jungen Programmierern, insbesondere von Frauen in Kenia und Südsudan.

Njeri Martha Chumo war eine der diesjährigen Teilnehmerinnen am Global Innovation Gathering (GIG), das seit 2013 Innovatoren aus dem Süden auf eines der größten deutschen Events in Sachen Technologie und Gesellschaft bringt, die re:publica in Berlin.  

Afrika: Imagewechsel

Das GIG ist eine Begegnung von Innovationsräumen (die abhängig von ihren Eigenschaften und Zielen unterschiedliche Namen annehmen: hackerspaces, tech hubs, fab labs, makerspaces) aus der gesamten Welt mit besonderer Gewichtung der Länder des globalen Südens. In diesem Jahr waren dort unter anderen Repräsentanten aus Palästina, Indonesien, Pakistan, Madagaskar, Südafrika, Kenia, Ruanda, Simbabwe, Ägypten, Kolumbien, Äthiopien, Brasilien, Singapur.

Eine der Erfinderinnen des Treffens, Geraldine De Bastion, verfolgt begeistert die digitalen Innovationen auf dem afrikanischen Kontinent, mit besonderem Augenmerk auf das aufgrund einer stetig wachsenden Zahl von Technologieunternehmungen bereits „Silicon Savannah“ genannte Ostafrika.

2014 drehte De Bastion das Roadmovie Made in Africa, für das sie Personen und innovative hubs besuchte, mit dem Ziel, die unternehmerische und innovative Szene der Region zu dokumentieren und bekannter zu machen. Ihr Ausgangspunkt sind Geschichten, die eine Veränderung in der Art und Weise herbeiführen, wie Afrika in der Welt üblicherweise gesehen wird, nämlich als Kontinent der Katastrophen, Kriege und Armut. Njeri Martha Chumo ist eine der Protagonistinnen.

Brasilien: ein wichtiger Baustein

Im Interview sagt De Bastion, ihre Motivation für die Organisation des GIG sei genau diese Möglichkeit, Transformatoren miteinander in Verbindung zu bringen, zum Erfahrungsaustausch und um tatsächliche Kooperationen anzustoßen, indem neue Akteure in die Diskussion über Innovation und Unternehmertum auf globaler Ebene eingebracht werden. „Und Brasilien ist ein wichtiger Baustein auf diesem Weg“, sagt sie.Schon von Anfang an ist Brasilien dabei, diesmal als größte Delegation neben Kenia, mit acht Teilnehmern. Möglich war dies durch ein Projekt des Olabi Makerspace, eines in Rio ansässigen Netzlabors in Zusammenarbeit mit der Fundação Ford.

Süd-Süd-Zusammenarbeit

Laut Gabriela Agustini, Direktorin des Olabi und eine der Teilnehmerinnen des GIG, wurde das Projekt nach dem Motto Innovation von den Rändern entwickelt, als Gegensatz zum Schlagwort der „Spitzeninnovationen“ und mit dem Ziel einer Stärkung der Süd-Süd-Kooperationen, die nach ihrer und der Meinung der meisten Teilnehmer des Treffens durchaus voller Potenziale, doch immer noch in den Kinderschuhen steckt.

„Die Perspektiven erweitern und unterschiedliche Sichtweisen in die Produktion neuer Technologien zu integrieren kann nicht nur zur gesellschaftlichen Entwicklung in anderen Teilen der Welt beitragen, sondern auch die Herstellung von Produkten und Verfahren anregen, die anderen Gegebenheiten und Notwendigkeiten entsprechen“, schätzt Agustini. 

Kommt die Zukunft aus dem Süden?

Stets wiederkehrende Themen in den Gesprächen unter Afrikanern, Lateinamerikanern und Asiaten waren eine Kritik dessen, was wir als erfolgreiche Modelle der Technologieproduktion ansehen, sowie die Notwendigkeit eines tatsächlichen Bruchs. Der globale Süden tut sich in der Verwendung neuer Technologien zur Lösung sozialer Probleme hervor – man braucht nur nach Ushahidi oder M-Pesa zu googeln, um nur die kenianischen Entwicklungen zu nennen –, sowie durch die Wiederverwertung von Komponenten und Material – ein entscheidender Faktor, der mehr Berücksichtigung finden muss. Und doch exportieren wir weiter commodities, obwohl die Krise sich in den sogenannten entwickelten Ländern bereits dauerhaft festgesetzt hat. Nicht umsonst lautete das Thema der diesjährigen re:publica: „finding Europa“.Tayo Akenami, Direktorin von Afrilabs, eines Netzes von mehr als 29 hubs und Innovationsräumen überall auf dem afrikanischen Kontinent, sagt auf die Frage, was Europa in der Krise von Afrika lernen könne: „Wenn du zu Innovation nicht mehr in der Lage bist, musst du es vielleicht so machen, wie jene, die Innovationen betreiben“.

Es ist ein langer Weg, doch mit positiver Bilanz. Es gibt Aussicht auf Partnerschaften, gegenseitige Anerkennung in dem unbedingten Gefühl, dass der Süden viel beizutragen hat, Kreativität und Tatendrang im Übermaß besitzt, sowie seine Potenziale mit wirksamen Kooperationen in Politik und Wirtschaft entwickeln muss. Das Wort der Stunde ist Diversität. Und eine Gewissheit: Die Welt des tech muss tropischer werden.