„Post-racial“ Debatte über neue Handlungsformen

Post-racial
Post-racial | Foto: Pressefoto

Fachleute aus Brasilien, Südafrika und den USA treffen sich zu einem Workshop in São Paulo, um darüber zu diskutieren, wie Rassismus wahrgenommen wird und welche Brüche er in der jeweiligen Gesellschaft hervorruft.

Als Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, begann sich in den Vereinigten Staaten eine Art neues Schlagwort zu verbreiten, welches einigen amerikanischen Politikern und Aktivisten zufolge mit der Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte des Landes eine neue Ära einläutete: a post-racial America.

Der für die Mehrheit der Brasilianer noch unbekannte Begriff bezieht sich auf „eine Gesellschaft oder Epoche, in der das Thema Rasse nicht mehr als relevant für die soziale Dynamik erachtet wird“. Laut Anhänger dieser Theorie wachsen Jugendliche der sogenannten Generation Y oder Z – also diejenigen, die nach 1980 geboren sind – bereits in einer Gesellschaft auf, „die farbenblind“ sei.

Am 24. Februar 2014 hat die New York Times jedoch auf ihrer Internetseite den Artikel Colorblind notion aside, colleges grapple with racial tension („Trotz des Konzepts der Farbenblindheit haben Hochschulen mit Rassenkonflikten zu kämpfen“) veröffentlicht, in dem die Kolumnistin Tanzina Vega auf die jüngste Verschärfung in der Wahrnehmung von Rasseunterschieden an US-amerikanischen Universitäten verweist. Ihre Thesen riefen später Kritik hervor.

„Post-racial“ als Begriff

Laut David Theo Goldbergh, Leiter des Humanities Research Institute an der University of California und Experte für Rassismusfragen, kann heutzutage keine Gesellschaft von sich behaupten, den Rassismus oder auf dem Konzept von Rasse basierende Unterscheidungen überwunden zu haben. „Post-Rassismus ist für die Geschichte des Rassismus das, was Post-Kolonialismus für die Geschichte des Kolonialismus ist – seine zeitgenössische Ausprägung“, so Goldbergh.Im Januar 2014 trafen sich Goldbergh und 18 weitere Forscher aus Brasilien und Südafrika zum Workshop Summer Conversations in São Paulo, um auf der vom Goethe-Institut organisierten Veranstaltung die unterschiedlichen sozialen und ethnischen Panoramen der drei Länder (Brasilien, USA und Südafrika) vorzustellen und zu diskutieren. Betrachtet man die Debatte in den drei Ländern, so wird man mit enormen Unterschieden, wenn micht mit Abgründen, konfrontiert, so weit auseinander liegt der jeweilige Fokus der Diskussion.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Während die Menschenrechtskommission des brasilianischen Senats kürzlich eine 20-Prozent-Quote für die Anstellung von Schwarzen oder Farbigen in der Bundesverwaltung beschlossen hat, bereitet sich der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten darauf vor, über den Gesetzesantrag proposal 2 zu entscheiden, der Fördermaßnahmen zugunsten von Minderheiten (affirmative action) verbietet. Im Jahre 2006 hatte sich die Bevölkerung von Michigan für das Verbot entschieden. Die Quoten, die 1961 in den USA eingeführt wurden, gelten heute als verfassungswidrig.

Süd-Süd Dialog

Auf einer vereinfachten Skala der Fortschritte und Rückschritte in der Minderheitenförderung würde Südafrika eine mittlere Position einnehmen: Gesetze zur Stärkung der Minderheiten wurden längst eingeführt (Es existiert seit Jahrzehnten ein Quotensystem als Maßnahme, die Auswirkungen der Apartheid zu mildern), jedoch werden viele Folgeentscheidungen revidiert und bei jedem Einzelfall über die Abschaffung nachgedacht. Im Bereich des Sports wurde die Minderheitenförderung im Jahre 2006 abgeschafft, jedoch soll sie noch im Laufe des Jahres 2014 wieder in Kraft treten. Außerdem fand eine politische Revolution im Land statt, die vor 20 Jahren den Aufstieg einer demokratischen Regierung und die Wahl eines schwarzen Präsidenten ermöglichte. Dennoch weist auch das Wirtschaftssystem noch Züge des Apartheid-Regimes auf, wie etwa beim Arbeitslohn, der unter der schwarzen Bevölkerung bis zu sechs Mal niedriger ist als unter der weißen.Für Kelly Gillespie vom Anthropologie Institut der Universität Witwatersrand in Johannesburg, die auch am Workshop in São Paulo teilgenommen hat, ist der Dialog mit Brasilien und Südamerika nicht nur wegen der gemeinsamen Geschichte beider Länder wichtig, die geprägt war von einer engen Verbindung zwischen Rasse und Kapitalismus, sondern auch und ganz besonders, weil die brasilianische Realität beispielhaft zeigt, dass man zwar blind für die Hautfarbe sein kann, der Rassismus damit aber noch lange nicht verschwindet.

„Brasilien spielt in Südafrikas non racial-Diskurs die Rolle eines wichtigen Mahners, denn durch schlichtes Vermeiden von Rasse-Kategorien kreiert man noch lange keine Gesellschaft ohne Rassismus. In Wirklichkeit ist Brasilien ein typisches Beispiel dafür, dass wenn man Rasse-Kategorien vermeidet und so tut als ob sie nicht existierten, der Rassismus sich mit voller Kraft ausbreiten kann, ohne dass man eine Möglichkeit hätte, ihn zu kritisieren“, hebt Gillespie hervor.

Laut Ansicht der südafrikanischen Forscherin ist eine der Hauptschwierigkeiten im Dialog mit Brasilien zu Rasse und sozialer Dynamik die Bedeutung, die das Land heute der Minderheitenförderung – auch bekannt als positive Diskriminierung – beimisst und damit die Quotenregelungen ins Zentrum der Debatte rückt. In Südafrika hingegen handelt es sich, ähnlich wie auch in den Vereinigten Staaten, weiterhin um begleitende politische Maßnahmen am Rand, die eingebettet sind in einen historischen und tief verwurzelten Kontext von Rassismus.

Utopie?

Obwohl die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Minderheitenförderung als Hauptstrategie gegen soziale Ungleichheit kritisiert wird, da sie die soziale Dynamik weiterhin mit der Logik der Unterscheidung verknüpfen, gilt es unter Forschern und Aktivisten als Konsens, dass diese politischen Eingriffe von großer Bedeutung seien. Dies gelte hauptsächlich für Kontexte in denen die Wahrnehmung von Rassismus und die durch ihn ausgelösten Gesellschaftsbrüche noch in den Kinderschuhen steckten, so wie es in Brasilien der Fall ist.

Für den Filmemacher Joel Zito Araújo, dessen Werk sich auf das Thema Rassismus in Brasilien konzentriert, ist es unmöglich, die Quoten nicht als natürliche und notwendige Entwicklung anzusehen, trotz aller Unzulänglichkeiten im Entstehungsprozess. „Im Zuge einer Revolte gegen die Tatsache als ausgeschlossene Bevölkerungsgruppe leben zu müssen, kämpfen Schwarze und Indigene für ihre Rechte und für eine historische Wiedergutmachung. Heute verbirgt sich hinter einer aufkeimenden Identität dieser Gruppen eine Suche nach Anerkennung ihrer Rechte auf Teilhabe an den materiellen Reichtümern des Landes, auf Teilhabe an der Bildung, am Land, an der religiösen Freiheit“, verdeutlicht Araújo.

Wenn auf der einen Seite Brasilianer und Südafrikaner noch auf Minderheitenförderung angewiesen sind, um Zugang zur Gesellschaft und sozialer Gleichberechtigung zu erhalten, gibt es auf der anderen Seite genügend Beispiele dafür, dass das Ende solcher Maßnahmen und selbst die Wahl eines schwarzen Präsidenten nicht ausreichen, Rassismus endgültig aus der Gesellschaft zu verbannen. Als gemeinsamer Nenner der drei an den Summer Conversations teilnehmenden Nationen kann der Entwurf einer Gesellschaft angesehen werden, in der Rasse nicht mehr ausschlaggebend ist.

„Die post-rassiale Welt ist eine Utopie, die wir alle anstreben. Das Ideal ist eine Gesellschaft, in der Unterscheidungen, die auf Rasse oder kultureller Zugehörigkeit zu einer Ethnie basieren, aufhören gesellschaftlich wahrgenommen und diskriminiert zu werden“, meint die Professorin Maria Helena Toledo Machado, die an der Philosophischen Fakultät der Universität von São Paulo (USP) lehrt und Expertin für die Sozialgeschichte der Sklaverei, Abolition und Post-Emanzipation ist. Noch ist es allerdings unmöglich vorherzusehen, was die einzelnen Gesellschaften tun werden, um diesen Wandel tatsächlich zu bewerkstelligen.