Aktuelle Debatte Außereuropäische Kulturen im deutschen Museum

Humboldt Forum
Humboldt Forum | Foto: Ramón Castillo

Konferenz diskutiert über die Repräsentation Südamerikas im Zentrum außereuropäischer Kultur des Humboldt-Forums, das zurzeit in Berlin errichtet wird, und schafft die Grundlagen für einen größeren Austausch zwischen Kultureinrichtungen innerhalb Brasiliens, mit Südamerika und dem Rest der Welt.

Ende Januar 2014 trafen sich 26 Experten aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur – Anthropologen, Soziologen, Historiker, Museologen, Kuratoren und Linguisten – aus neun Ländern Südamerikas und aus Deutschland mit Designern und Planern, um an zwei Tagen in São Paulo Fragen in Zusammenhang mit der Repräsentation südamerikanischer Kulturen zu debattieren. Ebenso bedeutend wie die Themen auf der Tagesordnung – darunter die unterschiedlichen Beziehungen, die die einzelnen Ländern zu Europa pflegen, und die Art und Weise, wie der südliche Teil Amerikas auf jenem Kontinent kulturell repräsentiert wird – waren die Kontakte, die durch das Treffen gefördert wurden.

Ein Großteil der anwesenden Experten erkannte an, dass es zu wenige Foren dieser Art und andere Formen des institutionellen Austauschs sowohl innerhalb Brasiliens selbst als auch zwischen den Ländern Südamerikas gebe. „Von einem praktischen Standpunkt aus gesehen, gingen aus der Begegnung gute Ideen hervor, um Programme zu entwickeln und Kontakte zu knüpfen, die inzwischen auch schon zu einigen Partnerschaften geführt haben. Zum Museum der Menschenrechte des Mercosur haben wir den Kontakt für eine künftige Zusammenarbeit bereits wieder aufgenommen“, erklärt der Direktor des Kulturzentrums Memorial do Rio Grande do Sul in Porto Alegre, Márcio Tavares, der an der Konferenz teilnahm.

Auf der Suche nach einem anderen Diskurs

Der Hintergrund des Treffens, das vom Goethe-Institut organisiert wurde, war die Schaffung einer gemeinsamen Arbeitsplattform, die den Kulturbegriff erweitern und die Teilnahme verschiedener Länder und Regionen bei der Planung des Humboldt-Forums garantieren soll. Das Projekt will nicht nur einen Ausstellungskomplex gestalten, der den Weltregionen Amerika, Afrika, Asien und Pazifik gewidmet ist und in der Mitte Berlins eröffnet wird, sondern auch ein weltumspannendes Kulturexpertennetz knüpfen. „Ich würde sagen, der große praktische Fortschritt, den die Konferenz gebracht hat, ist allein schon, dass es sie gegeben hat. Ein Projekt wie das Humboldt-Forum führt dazu, dass man eine andere Arbeitsweise, einen anderen Diskurs sucht, und das wiederum führt zu der Idee, es nach und nach aufzubauen“, hebt der Direktor des Museums für Moderne Kunst von Bahia in Salvador, Marcelo Rezende, hervor, der auch an dem Treffen teilnahm.

Das Humboldt-Forum ist eines der gewagtesten und ambitioniertesten Kulturprojekte, die heute in der Welt entstehen, nicht nur vom architektonischen und konzeptuellen Standpunkt her – dem Anspruch, die Kultur von mehr als der Hälfte des Planeten zu repräsentieren –, sondern auch bezüglich der schwierigen Fragen, die die Ausarbeitung seines Museumsplans durchziehen. Einer der zentralen Punkte der Diskussion besteht laut den Teilnehmern der Konferenz im Januar in der Reflexion über den Blick, den ein deutsches Museum auf eine große Spanne von Kulturen und Zivilisationen außerhalb Europas werfen wird. Rezende fragt sich: „Wie kann man sich Strategien für ein europäisches (deutsches) Museum ausdenken, dessen Bestand sich aus Gegenständen außereuropäischer Kulturen zusammensetzt, ohne wieder in dieselben Fallen der postkolonialen Diskurse zu tappen, die sich angesichts des angespannten Verhältnisses zwischen Europa und den außereuropäischen Zivilisationen in der Geschichte als wenig tauglich erwiesen haben?“

In Bezug auf Südamerika weist Ramón Castillo, Direktor der Kunstfakultät der Universität Diego Portales in Santiago de Chile darauf hin, dass es unmöglich sei, die verschiedenen Orte, Identitäten und Temporalitäten, die in ihrer Gesamtheit eine Kultur bilden, zu repräsentieren und im Raum zu verorten, und dass es genau deshalb eigentlich kein Südamerika gäbe, sondern lediglich eine Mischung seiner unterschiedlichen Regionen. Davon ausgehend schlägt er für das Forum eine Ausstellung vor, „die in einzelnen Etappen entwickelt wird, wie ein Polyptychon [Mehrfachbild]; die erste Schau soll dafür bestimmt sein, dem mündlichen und geschriebenen Wort, das sich in Lateinamerika findet, eine 'Stimme' zu verleihen, in Anlehnung an das Gedicht ,Alturas de Macchu Picchu (Die Höhen von Macchu Picchu) von Pablo Neruda, der schreibt: 'Ich komme, um durch eure toten Münder zu sprechen'.“

Zerteiltes Territorium

Bei dem Treffen in São Paulo wurde aber nicht nur über das Humboldt-Forum diskutiert, sondern es hat deutlich gemacht, dass die bestehenden kulturellen Netze zwischen den Ländern Lateinamerikas und innerhalb von Brasilien selbst gegenwärtig noch am Anfang stehen. Das Treffen kann gleichzeitig aber auch als ein Ausgangspunkt für neue Strategien betrachtet werden. „Es existieren einige Netze, die sich in Lateinamerika im museologischen und akademischen Bereich etabliert haben, aber definitiv verfügen sie nicht über genügend Schnittstellen und Kraft, um neue Formate der Forschung, Praxis und Wissensproduktion hervorzubringen“, erklärt Castillo.

Unter den Faktoren, die zum Auseinanderdriften der Kultureinrichtungen beizutragen, sind die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede, die wir in den Ländern vorfinden, die historischen Entwicklungen und die sprachlichen Unterschiede. Das Ergebnis dieses Panoramas ist, dass die Mehrzahl der Kontakt- und Austauschnetze nicht auf systematische Weise oder durch effektive interinstitutionelle Programme funktionieren, sondern auf individuelle Initiativen beschränkt bleiben.

„Man könnte solche personalen und institutionellen Netze potenzieren, damit sie von Überzeugung und innerem Willen angetrieben klare Grundlagen für Finanzierung und Arbeit bekommen, die es ermöglichen, mittel- und langfristig Residenz-, Austausch- und Forschungsprogramme ins Leben zu rufen“, regt Castillo an. In diesem Sinne hat sich das Goethe-Institut, indem es die Konferenz organisierte, als eine Plattform empfohlen, die unterschiedliche kulturelle Bereiche und Institutionen aus verschiedenen und sogar weit entfernen Regionen und Ländern miteinander in Kontakt bringt.

Auch innerhalb Brasiliens ist es möglich, ein Panorama des Mangels, wenn nicht des vollständigen Fehlens fester Verbindungen zu beobachten, sind die Experten überzeugt. Im Museumssektor hat es zum Beispiel in vergangener Zeit einige Fortschritte gegeben, indem Foren geschaffen und eine nationale Politik für den Sektor eingeführt wurde. „Es ist ein gewaltiger Fortschritt im Vergleich zum atomisierten und konzeptionell armen Panorama, das noch vor wenigen Jahren existierte, aber wir befinden uns immer noch im Anfangsstadium. Auch was die Bildung von Netzen angeht, stehen wir noch am Beginn eines Prozesses, aber von Jahr zu Jahr entstehen in unserem Land neue Instanzen, an denen die Diskussion geführt wird“, schließt Tavares.