Episoden des Südens „Ich glaubte zu wissen, wo der Süden sei“

Dokumentation politischer Proteste auf Haiti, aus der Episode „Neue Diaspora“
Dokumentation politischer Proteste auf Haiti, aus der Episode „Neue Diaspora“ | Foto: Daniel Lima

Wie lassen sich neue Perspektiven auf Kunst, Wissenschaft und Kultur finden, ohne eurozentristische Sichtweisen zu tradieren? Wie kann eine Dekolonisierung des Denkens gelingen? Mit dem Projekt „Episoden des Südens“ der Goethe-Institute in Südamerika werden neue Sichtweisen auf Kunst und Kultur erprobt und neue Wegrichtungen für den Dialog der Länder des globalen Südens aufgezeigt.

Die von 2015 bis 2017 laufende Veranstaltungsreihe umfasst Debatten, Forschungsarbeiten, Austauschprogramme, künstlerische und wissenschaftliche Produktionen. Jede Episode widmet sich einer konkreten Fragestellung und verbindet die Länder Südamerikas mit Südafrika und weiteren Ländern des globalen Südens. Ziel des vom Goethe-Institut São Paulo initiierten Projektes ist es, Perspektiven und Stimmen des globalen Südens sichtbar und vernehmbar zu machen. Der „Süden“ ist dabei nicht nur eine geografische Kategorie, sondern berücksichtigt auch soziale, historische und kulturelle Implikationen. Der kamerunische Philosoph Achille Mbembe hat diesen Perspektivwechsel mit den Worten „The World is catching up with Africa not the other way around“ auf den Punkt gebracht.

Mit 15 Episoden hat das Projekt zur Halbzeit bereits viel erreicht und angestoßen. Vier Kulturschaffende aus Brasilien, Deutschland und Afrika, die wichtige Beiträge in ausgewählten Episoden geleistet haben, nehmen Stellung zum bisher Erreichten. Welche Fragen stellen sich für die Länder des globalen Südens und wie nehmen die Episoden des Südens darauf Bezug?

Episode „Neue Diaspora“:

Die Veranstaltungsreihe rückt Migrationsbewegungen zwischen den Ländern des globalen Südens in den Mittelpunkt.

Daniel Lima, Künstler und Aktivist, Brasilien

Daniel Lima Daniel Lima | Foto: privat „Mit der Episode „Neue Diaspora“ machen wir darauf aufmerksam, dass die Migration innerhalb des globalen Südens in weiten Teilen der Welt nicht sichtbar wird, so als gäbe es sie gar nicht. Was definiert jenen Süden, von dem hier die Rede ist? Aus meiner Sicht das gemeinsame Trauma der Kolonisierung, aus der bis heute Ungleichgewichte resultieren, etwa in der Anerkennung von Wissen oder in den Handelsbeziehungen. Die zur Norm erhobene Referenz auf den globalen Norden führt zu einem Desiderat im Dialog zwischen den Ländern des globalen Südens. Die Episoden des Südens nehmen diesen Dialog auf. In der Episode ‚Neue Diaspora‘ nehmen wir die Migration aus Haiti nach Brasilien in den Fokus. Haiti ist die erste und einzige Nation, die aus einer Revolution von Sklaven hervorging. Diese Erfahrung kann uns dabei helfen, ein Narrativ unserer Widerstandsgeschichte zu kreieren.“


Episode „Konversationen mit Objekten“:

Diskutanten verschiedener Fachrichtungen sind eingeladen, mit einem im Raum befindlichen Kunstobjekt zu „sprechen“. Dabei werden Kategorien und die Begriffe der Kunstgeschichte hinterfragt und der nicht-europäischen Perspektive auf die Geschichte der Kunst Raum gegeben.

Claudia Mattos, Kunsthistorikerin, Brasilien

Claudia Mattos Claudia Mattos | Foto: privat „Entkolonialisierung ist auch ein Prozess, der die Sprache betrifft – wir brauchen neue Terminologien, um neue Beziehungen zu kulturellen Objekten aufzubauen. In den „Konversationen mit Objekten“ nehmen wir diese Neubewertung für die Kunstgeschichte vor, insbesondere durch eine kritische Haltung gegenüber Theorien und Praktiken der europäisch geprägten Geisteswissenschaften. Dabei geht es vor allem darum, unterschiedliche visuelle Traditionen in ihrer kulturellen Besonderheit anzuerkennen. In den letzten Jahren gab es viele Bemühungen, insititutionelle Strukturen zur Kommunikation und Interaktion zwischen den Ländern des Südens zu etablieren. Wir Länder des Südens müssen uns besser kennenlernen, um gemeinsame Interessen und auch Unterschiede auszumachen.“


Episode „Revoltierende Masse“:

Bei der Episode wird durch offene Proben, Konzerte und Vorträge die Musik des Protestes in den Ländern des Südens thematisiert und vorgetragen. Welche Ästhetik, welche Musikstile sind aus der Annäherung zwischen Musik und Poesie einerseits und Protest andererseits entstanden?

Neo Muyanga, Komponist, Südafrika

Neo Muyanga Neo Muyanga | Foto: privat „Die entscheidende Frage für den globalen Süden ist, wie wir unser eigenes, indigenes Wissen aktivieren können, auch unter Einbezug des Wissens der ländlichen und armen Bevölkerungsschichten. Dabei ist es eine der größten Herausforderungen, dass wir im globalen Süden keine gemeinsame Sprache haben, das erschwert Austausch und Solidarität. Bei dem Projekt „Revoltierende Masse“ haben wir versucht, den Graben zwischen Brasilien und Südafrika zu überwinden, durch Kunst und auch die Dekonstruktion des politischen Hintergrundes, in dem eben jene Kunst entsteht. Über Musik kreiieren wir eine neue Sprache des Austausches für die Länder des globalen Südens.“


Museale Episode:

Museumsdirektorinnen, Kuratoren und Akteure aus anderen Bereichen fragen nach der Zukunft der Museen und diskutieren neue Modelle der Präsentation, der Vermittlung und des Dialogs in Museen, um Wissen vom Süden nach Norden und umgekehrt zu vermitteln.

Marion Ackermann, bis Oktober 2016 Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, ab November 2016 Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Beiratsmitglied des Bereichs Bildende Kunst

Marion Ackermann Marion Ackermann | Foto: Michael Jäger „Wenn mich jetzt jemand fragen würde, wo für mich der Süden ist, würde ich antworten: Vor dem Projekt glaubte ich zu wissen, wo der Süden sei. Nach Ende der ersten Projektphase kam ich zurück nach Deutschland mit großen Zweifeln am eigenen System. Wir sprechen hier zur Zeit sehr viel von Partizipation, aber in Brasilien kann man radikale, existienzielle Formen erleben, die bereits seit Jahrzehnten tief im Bewusstsein verankert sind. Durch die Episoden des Südens habe ich ein Gefühl dafür bekommen, welche Diskurse an anderen Orten eine zentrale Rolle spielen, bespielsweise die Frage nach dem how to un-learn oder das Thema des Archivs. Eine der wichtigsten Fragen beim letzten Treffen war: „How to democratize a museum?“, das bleibt weiterhin aktuell und brisant.“

Episode „Technochamanismo“ Episode „Technochamanismo“ | Foto: Goethe-Institut e.V.
Episoden des Südens

Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts São Paulo und Regionalleiterin Südamerika, über „Episoden des Südens“
 
Katharina von Ruckteschell-Katte Katharina von Ruckteschell-Katte | Foto: privat „Die Idee zu den Episoden hatte ihren Ursprung in einer These des indischen Ethnologen Arjun Appadurai, der die Existenz einer „Theorie vom Süden aus“ in Frage stellt. Stattdessen solle man darüber nachdenken, ob es nicht so etwas wie ein „Südlich der Theorie“ geben könne. Die Episoden erkunden neue Wege der Erkenntnisfindung, indem sie radikal mit westlichen Denkgewohnheiten brechen. Am Anfang fühlt man sich unwohl, aber mit der Zeit lässt man sich mitreißen in eine Welt, die vielleicht unsere Zukunft sein wird. Oder, mit den Worten des brasilianischen Anthropologen Eduardo Viveiros de Castro über das Volk der Yanomami: „Das Indianertum ist nicht das Überleben der Vergangenheit, sondern ein Projekt der Zukunft“.“


Alle Episoden des auf drei Jahre angelegten Projektes werden auf der Website Episoden des Südens begleitet und dokumentiert. So entsteht ein kontinuierlich wachsendes Wissensarchiv zum globalen Süden.