Kunst Eine neue Positionierung des Südens

Aspa, 2014, Konstantinos Hatzinikolaou, Entstehung und Erstpräsentation im Zusammenhang mit der Ausstellungsreihe ArchiveRights im ISET (Institut für Moderne Griechische Kunst).
(Ausschnitt) Aspa, 2014, Konstantinos Hatzinikolaou, Entstehung und Erstpräsentation im Zusammenhang mit der Ausstellungsreihe ArchiveRights im ISET (Institut für Moderne Griechische Kunst). | © Konstantinos Hatzinikolaou

Die Temporäre Akademie der Künste (PAT), gegründet 2013 von Elpida Karaba in Athen, hat sich zur Aufgabe gemacht, ausgewählte Aspekte griechischer Kunst und Geschichte gegen den Strich dominierender Meinungshoheit darzustellen. Das alternative Narrativ will auch umformen, was als Stereotyp von der „Kreativität in der Krise“  derzeit allzu leicht über die Lippen geht. Mit Hilfe von Soft Power Lectures rekonstruiert die PAT Segmente einer Kultur- und Kunstentwicklung, die gerne übersehen werden.

Dabei geht das PAT-Team von der Erfahrung aus, dass das symbolische Kapital des modernen Griechenlands nicht nur im Land selbst, sondern auch jenseits der Grenzen weitgehend ignoriert wird. Was hier allzu theoretisch klingt, hat handfeste lebenspraktische und politische Dimensionen.

„Süden“ als Chiffre für Ohnmacht 

Für Karaba ist „Süden“ weder nur ein geografischer Begriff noch versuchte Polarisierung, vielmehr eine Konvention, die Machtverhältnisse beschreibt. „Süden“, so die Athener Kuratorin, steht auch für alle und alles, womit die Vorstellung von „unten“ konnotiert ist, etwa weibliche Individuen, unbegleitete Minderjährige, Menschen mit abweichender sexueller Orientierung. Vielfach verfügen Subjekte des „Südens“ nicht über geeignete Instrumente oder partizipieren nicht an unumgänglichen institutionellen Kontexten. So werden sie ihrerseits leichter instrumentalisiert, oft auch dadurch, dass die inzwischen prekäre Lebenssituation vor allem der jungen Generation im „Süden“ als Vorteil an Flexibilität, Spontaneität, Vitalität und Freiheit exotisiert wird. Karaba ist überzeugt, dass die kursierenden Narrative über den Süden und seine Subjekte Gleichgewichte weder herstellen noch halten, ja sogar polarisieren. Genau hier setzen die Aktionen der PAT an: sie vermittelten alternative Wissensinstrumente und machen vertraut mit Denkprozessen und Kunstwahrnehmung, immer mit dem Anspruch, dominanten Narrativen  auf Augenhöhe entgegenzutreten. Zugleich verweist PAT auf widersprüchliche, stereotype und autoritäre Komponenten, die es überall gibt, im „Süden“ wie im „Norden“. Dabei setzt sie auf die aus der Diplomatie stammende Methode der „Soft Power“, einem Konzept zur Beeinflussung von Entscheidungsträgern und Akteuren ohne Einsatz militärischer und wirtschaftlicher Druckmittel. Doch auch in kritischer Absicht hat PAT sich dieses Verfahren zu eigen gemacht, dessen konventionelle Verwendung für hegemoniale Zwecke sie auf ihre Weise konterkarieren will.

Heiligenschein gegen Banalisierung

Als Beispiel eines Gegen-Narrativs könnte man auf das Filmporträt der über 80jährigen Konzeptkunst-Performerin Aspa Stassinopoulou verweisen, das der Künstler Konstantinos  Hatzinikolaou geschaffen hat. Wie man etwa auf deren Person und Arbeit reagiert, ist, so Karaba,  typisch für die Ignoranz gegenüber der griechischen Version der Moderne, gestaltet von einer weiblichen Künstlerin. Obgleich Teil einer Avantgarde, wurde ihr im Gegensatz zu vielen  internationalen Kollegen nie der Heiligenschein der Kunsterneuerung zugestanden; vielmehr ist sie, wie andere Künstler des „Südens“, unverhältnismäßig von Banalisierung und Vergessen bedroht.  
Die offizielle Kunst- und Kulturgeschichte kennt nur ganz bestimmte Namen und ignoriert andere, die durchaus bei der Aufnahme und Weitergabe von Ideen mitgewirkt haben. Dass etwa Stassinopoulou als in Griechenland agierender Künstlerin nur ein begrenzter Aktionsradius zur Verfügung stand, besagt nichts darüber, dass ihre Aktionen und Werke keinen Nachhall oder kein Feedback erzielen könnten – etwa im „Norden“. Große und kleine Dimensionen haben jeweils ihre ganz eigene Bedeutung, ein spezifisches Gewicht. PAT will daher als „Para“-Institution verschiedene Kapitel der Kunst- und Kulturgeschichte überhaupt erst aufzeichnen und so deren Teilhabe an einem erweiterten Narrativ über Kunst und Künstler einfordern.

Re-Designing von Institutionen

In einer Phase, in der europaweit politische und gesellschaftliche Institutionen heftig kritisiert werden, geht es der PAT gerade nicht darum, zu deren Auflösung oder Zerschlagung beizutragen. Vielmehr stehe, so Karaba, eigentlich ihre Rekonstruktion, ihr Re-Designing an, um einen Prozess einzuleiten, in dem neue Muster, Verdichtungen und Schnittstellen entstehen und organisiert werden.  Ohne institutionelle Zusammenhänge und Strukturen habe man dem überall durchgreifenden Neoliberalismus kaum etwas entgegenzusetzen. Letztendlich mache der, so ihre Überzeugung, die Befriedigung von Grundbedürfnissen, wie etwa Gesundheits- und Bildungschancen, vom Wohltätigkeitswillen weniger Privilegierter abhängig. Damit erkläre sich das Gemeinwesen selbst für gescheitert.
Mit Hilfe neuer Taktiken und Strategien muss zurückgewonnen werden, was Europa anfangs versucht und nun ganz offenkundig aus dem Blick verloren hat, nämlich auf der „Gouvernementalität“ zu bestehen: der Steuerbarkeit eines Gemeinwesens durch Institutionen, die zu grundlegenden Regulierungen in der Lage sind. PAT unterstützt diesen Prozess, indem sie sich und andere einübt in alternative nationale und kulturelle Bildungsnarrative sowie Identitätsformen.
 
Mission: impossible? Karaba erwidert entwaffnend direkt: „Ich mache einfach das, wovon ich überzeugt bin, ohne es als „Mission“ zu begreifen. Ich glaube an kleine Verschiebungen und Verlagerungen, bei mir selbst und bei anderen. Vielleicht zeigt sich dadurch in diesen schwierigen Zeiten ein Ausweg für uns. Manchmal denke ich, dass einem ziemlich schwindlig werden kann, wenn man die großen Dimensionen berücksichtigt. Dann gehe ich Schritt für Schritt tastend voran und bin zufrieden, wenn sich einige Türen auftun. Oft bin ich natürlich enttäuscht und habe auch Angst, obwohl mir klar ist, wie zweckwidrig das ist, so dass ich einfach weitermache."