Interview Ein Süden ohne Norden

“América Invertida” (1943), Joaquín Torres Garcia
“América Invertida” (1943), Joaquín Torres Garcia

Marina Fokidis und Solange Farkas im Gespräch über die  vielfachen, den geografischen Raum überschreitenden Bedeutungen von Süden.
 

Solange Farkas, Gründerin und Leiterin des Festivals Panoramas do Sul, und Marina Fokidis, Gründerin und Herausgeberin der Zeitschrift South as a State of Mind, die bis zur Eröffnung der Dokumenta 14 deren inhaltliche Plattform ist, sprechen über die Bedeutung des Konzepts Globaler Süden in einer beständig im Werden befindlichen Welt. Fokidis ist eine der Vortragenden des parallel zur Biennale von São Paulo stattfindenden IV. Internationalen Seminars ARTE!Brasileiros.

Allgemein gesprochen wirkt der Süden noch immer als ein Teil der Welt, der ausgebeutet wird und/oder in dem es an bestimmten Eigenschaften oder Attributen des „Anderen“ - des Nordens - mangelt. Irgendwie ist der Norden noch immer die Achse, der Bezugspunkt von dem aus der Süden definiert wird und sich selbst definiert. Lässt sich diese Art zu denken überwinden? Wie können wir einen Begriff des Südens schaffen, der nicht eine prekäre Version des Nordens ist, sondern sich in eigenen Begrifflichkeiten definiert? Wäre dies eine „neue Geisteshaltung“? Und wie ließe sich eine solche Geisteshaltung definieren?

Solange Farkas: Ich glaube, das versucht man schon seit vielen Jahren. Die Länder des Südens - ihre Denker, Künstler, Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen, Aktivisten - versuchen bereits seit ihrer Unabhängigkeit - und damit meine ich unterschiedliche Formen der Unabhängigkeit, sei es vom sowjetischen Block, sei es vom Imperialismus des 19. Jahrhunderts - ein autonomes Denken aufzubauen, das die realen Bedingungen des Südens berücksichtigt, im Dialog mit unseren Eigenheiten und Bedürfnissen. Der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro zum Beispiel ist ein Repräsentant dieses autonomen Denkens, das nur vom Süden aus kommen kann.

Marina Fokidis: Das erinnert mich an den Namen einer Punkband aus Griechenland Ende der 1980er Jahre. Sie nannten sich South of Non North (Süden ohne Norden) - vermutlich inspiriert von dem gleichnamigen Erzählband von Charles Bukowski -, doch in meiner Vorstellung besaß dieser Titel für sie einen anderen Klang. Sie verweigerten sich der Beurteilung nach Maßstäben, die den Norden bevorzugen, und definierten sich lieber als Punk-Gruppe aus einem fiktiven unabhängigen Süden, der, um zu existieren und Erwähnung zu finden, keinen Norden braucht.

Der Gedanke ist selbstverständlich utopisch. In dem Zustand, in dem sich die Welt heute befindet, ist Nord/West noch immer die Bezugsachse für Süd/Ost, aber wie lange wird das noch gelten? Auch Menschen sind immer noch der Bezugspunkt für „Maschinen“, aber wie lange noch? Wir wissen es nicht. Wir verstehen unsere Zeit als einen heiklen Moment in der Geschichte, einen Wendepunkt. Nicht immer können wir auf die Philanthropen, Humanisten, Vermittler und „Wohltäter“ vertrauen und auf all jene von außen, die über die Idee eines „Südens“ die Kontrolle behalten wollen, indem sie ihn geografisch und konzeptuell soweit möglich eingrenzen. Es gibt weder Notwendigkeit noch Raum für noch mehr Appropriation durch den Blick aus dem Norden. Und doch möchten wir auch den Süden nicht als den Ort propagieren, an dem alles Wichtige ausschließlich und immer geschieht.

Als wir 2012 unsere Zeitschrift South as a State of Mind (Süden als Geisteshaltung) starteten, dachten wir an Süden als Treffpunkt gemeinsamer Intensitäten und nicht ausschließlich in geografischer Hinsicht. Nicht ausschließlich als ein Zusammenschluss von Regionen mit der Gemeinsamkeit einer kolonialen Vergangenheit. Wir wollten einen Schritt weiter gehen und sehen, wie es wäre, wenn der Süden nur noch Zustand wäre, Geisteshaltung eines natürlich entstehenden Gedankenprozesses, ausgehend vom Erbe und den Geschichten des Globalen Südens, aber darin nicht verharrend, sondern sich ausbreitend in unbekannte Gefilde. Unsere Idee war nicht, eine weitere kollektive Identität zu propagieren oder zu schaffen, sondern uns für andere unerwartete Gesprächspartner aus anderen Regionen, Gebieten und Nachbarschaften zu öffnen - mit Familie, Freunden und Fremden, die zu Freunden werden.

Wir denken den Süden nicht als einen Ort auf der Welt, sondern als eine Idee! Um den griechisch-australischen Theoretiker Nikos Papastergiadis zu zitieren, der uns am Beginn unserer Publikation ungeheuer beeinflusst hat, denken wir an Süden „als einen Raum, wo sich Menschen begegnen, um sich die Möglichkeit anderer Formen in der Welt zu sein vorzustellen“. Ein „kleiner öffentlicher Raum“. Darum gründeten wir die Zeitschrift als ein Werkzeug des Austauschs – ein Dialog, der ein gegenseitiges Verständnis von der Welt hervorbringen und dauerhaft produzieren würde. Dann ... könnte die ganze Welt Teil dieser Einstellung sein, falls gewünscht.

Titelblatt der von Marina Fokidis gegründeten Zeitschrift South as State of Mind, die als inhaltliche Plattform für die Dokumenta 14 dient. Titelblatt der von Marina Fokidis gegründeten Zeitschrift South as State of Mind, die als inhaltliche Plattform für die Dokumenta 14 dient. | Copyright: Zeitschrift South as State of Mind
Die Dokumenta 14 wird zeitgleich in Deutschland und Griechenland sein. Daher muss der Besucher, um die gesamte Ausstellung zu sehen, „migrieren“, sich zwischen den Ländern bewegen. Wie kann diese Bewegung relevant werden, anstatt nur eine andere Form des Globetrottings von Kunstprofis zu sein, wie sie vis-à-vis zum Kulturtourismus und der Biennalisierung der Kunstwelt sowieso bereits stattfindet? Wie lässt sich das Risiko vermeiden, in einen „Tourismus der sozialen Krise“ zu verfallen, während man gleichzeitig mit einer Tourismusbranche in Griechenland konfrontiert ist, die das Land und seine Inseln weiterhin als idyllisch verkauft und dabei auszublenden scheint, wie schwer das Problem der Migration dieses Land belastet?

Solange Farkas: Das ist zweifellos eine gute Frage für die Dokumenta 14. Wir wollen sehen, wie sie das lösen, aber zweifellos besitzt die Dokumenta das internationale Gewicht und die Instrumente, um mit dieser Frage umzugehen. Eine Art, sich davon zu distanzieren, ist zu versuchen, eine eher nüchterne Perspektive der Ungerechtigkeit und der Ungleichheit einzunehmen, die im Moment die internationale Szenerie erschüttern.

Marina Fokidis: Ich glaube, dass die Dokumenta 14 sich auf zwei Orte, Athen und Kassel, aufteilt, ist ein historisches Ereignis, das zum ersten Mal seit 1955 stattfindet. Natürlich gab es schon früher unterschiedliche Formen eines substanziellen Austauschs mit anderen Orten, vor allem während der Dokumenta 11 unter der künstlerischen Leitung von Okwui Enwezor mit den vier Konferenzplattformen und Workshops in unterschiedlichen Regionen - Europa, Asien, Amerika und Afrika - vor der Ausstellung. Doch was bei der Dokumenta 14 anders sein wird ist, dass sie nicht nur über verschiedene Orte ist oder über sie informiert, sondern tatsächlich an zwei Orten stattfindet, deren soziopolitische und wirtschaftliche Bedingungen komplett unterschiedlich sind - auch wenn beide in Europa sind.

Es gibt zwei Orte der Handlung, von denen aus die Dokumenta 14 sprechen wird. Zwei unterschiedliche Städte, was ihre Größe, Wirtschaft, kulturellen Gepflogenheiten und vieles mehr angeht. Von Anfang an legte der künstlerische Leiter Adam Szymczyk Wert darauf, zwei künstlerische Büros zu installieren und sein Team auf die zwei Standorte zu verteilen. Ich glaube, dieses „Teilen“ und der Arbeitstitel Von Athen lernen sind der Bezugspunkt, die Essenz, sozusagen das „Thema“ dieser Ausgabe, das in ihrem Symbolgehalt natürlich auch als Metapher dient für die Gründung des modernen Begriffs von Demokratie und ihres Abhandenseins. Szymczyks Idee, die Dokumenta zwischen dem sogenannten Norden und dem sogenannten Süden aufzuteilen - gemeinsam mit all den schwierigen politischen, sozialen, kulturellen Verhandlungen, die für eine solche Initiative geführt werden müssen - scheint mir die genaue Antwort auf Ihre Frage nach einem sinnvollen Ortswechsel. Diese Vielfalt an Orten für ein etabliertes institutionelles Ereignis wie die Dokumenta ist in Wirklichkeit eine Kritik an der Idee der Biennalisierung und zugleich ein Angriff auf die Autorität einer Mega-Institution.

Mit dieser Ausgabe der Dokumenta will Szymczyk sie wieder mit dem Begriff und der Realität der „Dringlichkeit“ in Verbindung bringen, die das Projekt einst in Gang setzte. Athen als Schwesterstadt war eine der Möglichkeiten, dies geschehen zu lassen. Ich glaube, die lange und organische Zusammenarbeit zwischen den beiden Orten - transportiert über eine Mega-Show wie die Dokumenta und ihren jahrelangen Entstehungsprozess - hat Athen bereits jetzt eine bestimmte Sichtbarkeit gegeben, über die traditionellen Klischees hinaus. Vielleicht wird die Dokumenta 14 ein wenig Licht - anders als dies die Medien über die Jahre der Krise getan haben - auf den grauen, betonierten Raum zwischen Parthenon und den Hafen von Piräus, der zu den Inseln hinausgeht, werfen.

Dies kann der Weg für ein gegenseitiges Verständnis der Vielfalt und der Nuancen der Ähnlichkeit in Haltung, Stil, Stimmen innerhalb von Europa sein, aber auch innerhalb des Südens und gewagterweise auch in der Welt. Die Dokumenta 14 will keine „Migration“ (was vielleicht nicht einmal das richtige Wort für das ist, was Kunst-Globetrotter tun) erzwingen, auch keinen freiwilligen Kulturtourismus, um genauer zu sein. Das ist nicht die Idee. Die Veranstaltungen, die Ausstellungen und das Projekt der Dokumenta 14 werden so gestaltet sein, dass die Besucher nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen, wenn sie nicht zwischen den beiden Orten reisen können. Natürlich wird es ein Segen sein, wenn alle Besucher die Gelegenheit hätten, an beiden Orten zu sein (und metaphorisch gesehen auch dazwischen).

Es werden Anstrengungen unternommen, um diese Reise so einfach wie möglich zu machen. Aber wichtiger, als alles zu sehen, wird es für die Besucher, die beide Orte besuchen möchten, sein, die „Welt“ aus unterschiedlichen Positionen zu sehen, von unten nach oben und von oben nach unten und nicht ausschließlich von oben nach unten. Die genauere Antwort auf Ihre Frage findet sich in den Worten von Adam Szymczyk: „Die beiden Projekte, auf zwei unterschiedliche Arten verwirklicht und von ihren jeweiligen Orten und voneinander lernend, werden zwei Bilder darstellen, die niemals zu einem einzigen Bild übereinandergelegt werden können. Genauso werden die beiden Ausstellungen nicht von einem einzigen Standpunkt aus erfasst werden können. Indem wir die Besucher der Dokumenta bitten, eine ähnlich Route zu nehmen wie ihre Produzenten und sich die Zeit für eine Pause in der Sichtbarkeit zu nehmen, indem sie zwischen den zwei Orten reisen, ist meine Hoffnung, dass die Ausstellung sich wieder in dienen Prozess der kulturellen Transformation begibt.“

Die diesjährige Berlin Biennale, kuratiert von dem Post-Internet-Kollektiv DIS, erfuhr harsche Kritik für seine angeblich mangelnde Beschäftigung mit sozialen oder politischen Ereignissen im heutigen Europa und seine erklärte Negation „artivistischer“ Praktiken, wie sie derzeit in Mode sind. Mit der Fixierung auf eine spekulative, von Technologien geformte Zukunft, wurde der Biennale und der Kunst, die sie zeigte, der Vorwurf gemacht, sich nicht ausreichend weder mit der Vergangenheit noch mit der Zukunft auseinanderzusetzen und historische, soziale, politische und kulturelle Unterschiede in der Welt nicht wahrzunehmen. Anstatt die Koexistenz einer Vielfalt an Zeitlichkeiten und Erkenntnissen zuzulassen, warf man ihnen vor, „Fortschritt“ ein weiteres Mal den hegemonischen Paradigmen des Nordens zu unterwerfen. Andererseits mag die Kunst aus dem Süden oft übertrieben „sozial“ - im Sinne einer Art „Soziologisierung“ - sein, also mit einer lokalen soziopolitischen Realität verbunden, die sie permanent anprangert oder kommentiert. Sind diese zwei „Arten“ von Kunst tatsächlich gegensätzlich? Oder gibt es hier etwas dazwischen oder einen möglichen Dialog?
 


Solange Farkas: Doch, es gibt Dialogmöglichkeiten, zweifellos. Die Frage ist nicht die nach der Art Kunst, sondern nach den Diskursen, die diese unterschiedlichen Praktiken hervorbringen, validieren und betonen. Wichtig ist nicht ihre Unterschiedlichkeit, sondern, dass sie in unterschiedlichen Beziehungsgeflechten gedacht werden. Die Frage hat vielleicht noch eine weitere Dimension, die wesentlich prosaischer ist andererseits aber auch schwerwiegender: Kunstproduktion reflektiert die drängenden Fragen bestimmter Gesellschaften und Regionen. Also ist es in gewisser Weise natürlich, dass sich die Kunstproduktion und das kuratorische Denken in bestimmten Regionen nicht mit einer bestimmten Soziologie beschäftigen. Auf der anderen Seite ist es ein wenig erschreckend, dass dies so geschieht, da ja die Kuratoren und Künstler dieser Regionen noch immer in einer auf gewaltsame Weise ungerechten und ungleichen Welt leben.

Marina Fokidis: Man kann vielleicht sagen, dass diese Frage bereits ihre eigene Antwort enthält. Tatsächlich ist an die letzte Berlin Biennale einiges an harscher Kritik herangetragen worden, aber es gab auch einige wenige sehr positive Stimmen. Ich glaube, die Gesamtheit dessen, was auf dieser Biennale gezeigt wurde, war sehr kohärent und solide. Für mich war sie so verkehrt, dass ich sie wieder für gelungen erachte. Es ist nicht leicht, Fehler zu zeigen - den nackten, nicht den inszenierten Fehler. Es ist auch ein mutiger Zug. Ich habe die letzte Biennale von Berlin als eine Ode an die „Leere“ erlebt. Die soziale, gefühlsmäßige, geistige und kulturelle Leere. Sie erinnerte mich ein wenig an das Gefühl, das ich beim Anschauen eines der ersten Filme von Jim Jarmush hatte, Stranger than Paradise, in dem drei Protagonisten durch die Landschaften der USA oszillieren, komplett wortlos. Stumm nicht wegen der Schönheit oder der Wirkung der Landschaft auf sie, sondern im Gegenteil, weil sie nichts zu sagen haben über die Welt und darüber, wie sie sich entwickelt. Weil sie die Leere empfinden.

Unter diesem Blickwinkel hat diese Biennale womöglich gar nicht Vergangenheit, Zukunft und soziale und politische Gegenwart ausgeblendet, wie viele dachten, sondern sich genau damit eingelassen, genau so, wie sich viele damit im Privaten und vor ihren Computerbildschirmen einlassen. Sie surfen gleichzeitig zwischen den entsetzlichsten Nachrichten des Tages, voller Verzweiflung, Verlust, Kriegen und Toden, ihren Glutenfreien Diäten und Crossfit-Foren. Genau so, wie viele derer, die der Biennale kritisch gegenüberstehen, ihre Information für ihren Solange Farkas, Gründerin und Leiterin des Festivals Panoramas do Sul, und Marina Fokidis, Gründerin und Herausgeberin der Zeitschrift South as a State of Mind, die bis zur Eröffnung der Dokumenta 14 deren inhaltliche Plattform ist, sprechen über die Bedeutung des Konzepts Globaler Süden in einer beständig im Werden befindlichen Welt. Fokidis ist eine der Vortragenden des parallel zur Biennale von São Paulo stattfindenden IV. Internationalen Seminars ARTE!Brasileiros.

Aktivismus um die Welt zu einen besseren Ort zu machen. Vielleicht ist dies ein viel größeres Problem als diese eine Berlin Biennale. Natürlich ist es sehr wichtig, dass unterschiedliche kulturelle Zeitlichkeiten und problematische Geschichten von Ungerechtigkeit auf diesen Mega-Schauen gezeigt werden. Aber da dies inzwischen zur Norm wird, fast eine Bedingung für eine erfolgreiche Ausstellung, verliert es an Relevanz. Eine automatische Geste, die stumpf wird, sobald sie auf den Boden einer Ausstellungshalle trifft. Inmitten all dieser notwendigen Ausstellungen - die heftige Auseinandersetzungen über Migration, Ausbeutung, historisches Unrecht beinhalten, aber dabei aus Mitteln multinationaler Konzerne, Trusts oder autoritärer Regime finanziert werden (weil es keinen anderen Weg gibt) -, ist ein Projekt wie die Biennale von Berlin ein nützliches Zwischenspiel, eine Art „Wake up call“, trotz all ihrer Schwäche..

Brasilien wird „Land der Zukunft“ genannt. Der Begriff wird gern ergänzt mit „und wird es immer sein“. Scheinbar ist der Süden permanent in einem Zustand des „Werdens“. Anstatt nur eine Frage des Raums scheint die Trennung von Norden und Süden auch eine Frage von Zeitlichkeit, oder besser von Zeitlichkeiten, zu sein. Wenn der Norden bereits in der sogenannten nach-zeitgenössischen Epoche angekommen zu sein scheint (was das Thema der diesjährigen Berliner Biennale mit den Titel The Present in Drag war), scheint der Süden sich immer noch mit der Idee der Modernität herumzuschlagen (die noch nicht ausreichend historisiert wurde), übertrieben mit der Geschichte und ihrer Umschreibung befasst und daher unfähig, eine Zukunft zu entwerfen - wenngleich man glaubt, dass genau der Süden dafür am besten ausgerüstet sei.

Solange Farkas: Aus meiner Sicht ist diese Aussage „Brasilien ist das Land der Zukunft“ inaktuell, handelt es sich doch um ein altes Klischee aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Süden koexistieren unterschiedliche Zeitlichkeiten, genau wie im Norden. Hier sind die Unterschiede nur weniger homogen als im Norden, doch wir bewegen uns durch parallele Kontexte, die unterschiedliche Zeitlichkeiten ausdrücken (oder synthetisieren), manchen näher an Mustern des Nordens, andere nicht unbedingt. Was die Erfindung der Zukunft angeht, besitzt der Süden vielleicht mehr - konzeptuelles, emotionales - Potenzial, aber bevor sie möglich wird, braucht es eine Ausweitung und Verfeinerung unserer Autonomie.

Marina Fokidis: Ich glaube, dass Norden und Süden, Westen und Osten, also alles, in der Post-Kontemporanität angelangt ist. Wir sind alle voneinander abhängig. Vielleicht wird dies in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich ausgedrückt - „Ausdruck“ wird oft von der Umgebung, der Politik, der Gesellschaft, der Landschaft, der Sonne, dem Licht und dem Klima beeinflusst. Ich glaube, der Punkt ist die „Autonomie“ des Südens. Die ganze Welt befindet sich in einem permanenten Zustand des Werdens, und vielleicht kann der „Süden“ als Geisteshaltung eine wichtige Rolle in dieser Phase einnehmen - hin zu einer besseren Welt.


Dieses Interview wurde ursprünglich auf der Webseite ARTE!Brasileiros veröffentlicht.
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