Future Perfect Von Einwanderern lernen

Musikkurs Migraflix
Musikkurs Migraflix | Foto (Ausschnitt): Pressefoto / Divulgação

Kochen, trommeln, Schönschrift: das können Brasilianer in Workshops lernen, die von Ausländern mit geringem Einkommen geleitet werden. Die Online-Plattform Migraflix vermittelt die Angebote und will die Einwanderer in die Gesellschaft und den lokalen Arbeitsmarkt integrieren.

„Hier werden die Rollen vertauscht: Der Einwanderer ist nicht mehr der Ausländer, der unsere Hilfe braucht. Er wird vielmehr zu jemandem, der uns etwas geben kann. Und wir sind es, die dabei bereichert werden.“ So beschreibt die Unternehmerin Patrícia Salvaia aus São Paulo ihre Erfahrung mit Migraflix: In den vergangenen Monaten hat sie Kurse für arabische Kalligraphie, afrikanisches Trommeln sowie über syrische und marokkanische Küche besucht. Alle Kurse wurden über Migraflix vermittelt – eine im September 2015 in São Paulo gegründete Internetplattform, die schon siebzig Workshops angeboten hat. Diese werden von 25 Ausländern mit geringem Einkommen aus Ländern wie Bolivien, Peru und Syrien geleitet. „Im Vergleich zu einer konventionellen Unterrichtsstunde ist die Lernerfahrung tiefgehender, denn es kommt zu einem kulturellen Austausch: Am Ende haben wir etwas über das Leben in anderen Ländern gelernt“, so Patrícia Salvaia.

Für den argentinischen Wirtschaftswissenschaftler Jonathan Berezovsky, dem zusammen mit dem Journalisten Rodrigo Borges Delfim aus São Paulo die Idee zu Migraflix kam, hat die Plattform genau dieses Ziel: Brasilianer und Einwanderer durch Kulturaustausch einander näherzubringen. „Wir wollen dem Einwanderer nicht nur ein Einkommen verschaffen – 80 Prozent des Gewinns des Workshops gehen an ihn –, sondern es ist uns auch ein Anliegen, ihn in die brasilianische Gesellschaft zu integrieren“, erklärt Berezovsky, der selbst erst seit zwei Jahren in Brasilien lebt. „In einem syrischen Kochkurs lernen die Teilnehmer etwa nicht nur, wie man ein landestypisches Gericht zubereitet, sondern erfahren auch die persönliche Geschichte des Einwanderers: Warum er aus Syrien flüchten musste, was er vor dem Krieg gemacht hat, wie er sein Leben in Brasilien neu organisiert“, erklärt Berezovsky.

Netz an Kontakten

In den Kursen erfährt man Geschichten wie die des syrischen Maschinenbauingenieurs Talal Al-Tinawi, der auf Migraflix zurzeit den Workshop A Síria sobre a mesa (Syrien auf dem Tisch) anbietet. „Mit der Arbeit verdiene ich Geld, erweitere mein Netz an Kontakten und erfahre mehr über das brasilianische Volk“, erklärt Al-Tinawi. 2012 verließ er Damaskus, wo er lebte, um im Libanon ein englisches Sprachzertifikat zu erwerben. Bei seiner Rückkehr nach Syrien wurde er festgenommen, weil er mit einem von der Regierung gesuchten Mann mit dem gleichen Namen verwechselt wurde und verbrachte dreieinhalb Monate hinter Gittern.

Nach seiner Entlassung blieb die Angst, erneut festgenommen zu werden. Außerdem fühlte er sich zunehmend bedrängt durch den seit 2011 in seiner Heimat herrschenden Bürgerkrieg. So entschied er sich, mit seiner Frau Gazhal und den Kindern Riad und Sara – heute 14 und 11 Jahre alt – in den Libanon zu ziehen. Weil sie es nicht schafften, sich auf das Leben im Libanon umzustellen, beantragten der Ingenieur und seine Familie 2013 ein Visum für Brasilien, wohin schon viele ihrer Landsleute ausgewandert waren..

Um in Brasilien über die Runden zu kommen, begann der Ingenieur bei sich zu Hause syrisches Essen zu verkaufen. Ende vergangenen Jahres sammelte er mithilfe einer Crowdfunding-Website ca. 21.000 Euro und eröffnete im April in São Paulo ein Restaurant. „Jetzt ist Brasilien mein Land“, erklärt er. Die Erfolgsgeschichte von Al-Tinawi zählt bislang noch zu den Ausnahmen. „Die Einwanderer mit geringen Einkünften haben es sehr schwer, Arbeit zu finden, und sie stoßen in Brasilien auf Vorurteile“, erläutert Berezovsky.

Feine Mischung

Der Argentinier ist von Fragen zur Migration fasziniert. „Ich komme aus einer Familie von Einwanderern“, erzählt der Wirtschaftswissenschaftler, der Enkel einer polnischen Jüdin ist, die Ende der 1940er Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nach Buenos Aires kam. „Und ja, ich bin selbst auch ein Einwanderer: Ich wurde in Buenos Aires geboren, wuchs in den Vereinigten Staaten auf, lebte zeitweise in Israel und wohne heute in São Paulo.“ In Israel, wo er zwischen 2009 und 2014 lebte, engagierte er sich bei einer NGO, die afrikanische Flüchtlinge vor allem aus dem Sudan und aus Eritrea mit Mikrokrediten unterstützte. Als er 2014 nach Brasilien kam, gab er sein Engagement nicht auf und gründete Migraflix – zusammen mit Borges Delfim, der heute nicht mehr direkt an der Plattform beteiligt ist.

Das Projekt, das in São Paulo startete, gibt es seit neuestem auch Curitiba und Belo Horizonte. „Unser Ziel ist es, das Projekt in noch mehr Städte in Brasilien und auch in andere Länder zu bringen“, erklärt Berezovsky. Außerdem will Migraflix die Workshops an Schulen bringen. „So könnten Vorurteile über Einwanderer schon sehr früh durchbrochen werden“, glaubt Berezovsky. „Vorurteile entstehen aus Unwissen.“ Mit derselben Absicht hat der Wirtschaftswissenschaftler die Band Mazeej (Arabisch für „Mischung“) gegründet, die aus syrischen, palästinensischen, libanesischen und jüdisch-brasilianischen Musikern besteht. Den ersten Auftritt hatte die Band Ende Mai dieses Jahres in einer Synagoge in São Paulo. „Ich wollte mit der Band Personen aus verschiedenen Ländern und Religionen zusammenbringen, um zu beweisen, dass wir gemeinsam etwas schaffen können – unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder Religion“, sagt Berezovsky.