Future Perfect Kino und Kultur entlang des Flusses

Filmvorführung „Kino am Fluss“.
Foto: André Fossati

Filme, Workshops und Diskussionen über das Leben am mächtigen São-Francisco-Fluss bietet das Projekt Cinema no Rio den Menschen, die an dessen Ufer leben.
 

An einem warmen Abend in der kleinen Ortschaft Pedra de Maria da Cruz kommen die Bewohner gegen 19 Uhr zu einer Vorführung des Projekts Cinema no Rio (Kino am Fluss) zusammen. Rund 1000 Zuschauerinnen und Zuschauer versammeln sich vor einer Leinwand, um fünf Kurzfilme und einen Spielfilm anzuschauen. Schon seit elf Jahren veranstalten Initiator von Cinema no Rio Inácio Neves und sein Team Filmabende, Workshops und Diskussionen für und mit der Landbevölkerung entlang des fast 3000 Kilometer langen Fluss São Francisco. In dieser Zeit gab es mehr als 100 solcher Veranstaltungen.

Für Inácio Neves begann alles 1976 während einer Flussreise auf dem Passagierschiff Wenceslau Brás, bei der er sich in die Region verliebte. Seine zweite Leidenschaft war das Kino. 2004 beschloss Neves beides zu verbinden. Mit einer aufblasbaren, acht mal drei Meter großen Leinwand machte Neves sich mit seinem Team auf und suchte mit dem Projekt Cinema no Rio Kontakt zu und die Diskussion mit den Gemeinden entlang des Flusslaufs. „Die Begegnung mit den Flussanrainern und die Möglichkeit ihre Geschichten zu hören bewegen mich“, so Neves.

Jenseits der Zentren

  • Filmvorführung „Kino am Fluss“. Foto: André Fossati
  • Fotografie- und Filmworkshop mit Kindern. Foto: André Fossati
  • Fotografie- und Filmworkshop mit Kindern. Foto: André Fossati
  • Projektteammitglied Luiza Palhares im Workshop mit Anwohnern der Region am São Francisco Fluss. Foto: André Fossati
  • Filmvorführung „Kino am Fluss“. Foto: André Fossati
  • Projektleiter Inácio Neves. Foto: André Fossati
  • Der São Francisco Fluss. Foto: André Fossati
Juliana Afonso, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts, erzählt über die Video- und Fotografieworkshops in den Regionen, in denen sie Station machen: „Man spürt die Wertschätzung der Bewohner für sich selbst, wenn sie sich auf der Leinwand sehen. Cinema no Rio will den städtischen Raum verlassen, aus den Zentren herausgehen. Nach und nach hat das Projekt eine Beziehung zu den Orten und mit der Bevölkerung aufgebaut, an denen es Station macht. Es gibt einen Dialog mit der Lebenswirklichkeit an jedem einzelnen Ort.“

Wenn Cinema no Rio in einem Ort am Fluss zu Gast ist, nimmt es dort auch eine beratende Funktion ein. Denn den Dorfbewohnern fehlt es häufig an entscheidenden Informationen, mit deren Hilfe sie Verbesserungen in der Infrastruktur der Region durchsetzen könnten. Antônio Raposo ist einer von vielen Personen, die sich im Projekt engagieren. Er arbeitet als Instrumentenbauer und Kulturaktivist in der Region Pedra de Maria da Cruz und kämpft besonders für den Erhalt der Umwelt und regionaler Bräuche wie den „Congado“, eine aus Afrika stammende Tradition, die Riten, Feste, Geschichten, Musik und Gesang einschließt. Sie kam mit den Menschen, die früher als Sklaven nach Brasilien verschleppt und verkauft wurden. „Wir gehen aufs Land, und immer wenn sich die Gelegenheit bietet, leihen wir uns einen Projektor aus und zeigen den Leuten Filme. Wir haben das zwar schon wirklich oft gemacht, aber es ist immer wieder schön. Selbst mit einer kleinen Leinwand versuchen wir die Inspiration durch Cinema no Rio weiterzutragen. Denn es bleibt in den Köpfen der Leute“, sagt Raposo.

Ein neues Selbstbild

Am Nachmittag, vor der Vorführung in Pedra de Maria da Cruz, vermittelt ein Fotografieworkshop Kindern des Ortes eine neue Sicht auf die Welt: und zwar durch die Kamera. Aber es ist nicht nur einfach ein Fotoworkshop. Es ist eher ein Workshop über Wahrnehmung. Er hilft den Teilnehmern, ein neues Bild ihrer Gemeinschaft und ihrer Umwelt zu entwickeln.

„Die Workshops sind eine Form des direkten Kontakts zu den Leuten vor Ort. Wir haben Workshops mit optischen Spielzeugen gemacht und nun eben zur Fotografie. Es geht hier darum, mit dem Blick des Betrachters auf Dinge zu arbeiten. Und herauszufinden, wie Bewohner ihren Heimatort sehen und wie sie auf Bilder reagieren“, erklärt Neves. Wagner Roberto, der Filmvorführer des Projekts, erkennt eine Veränderung: „Ob wir wollen oder nicht, mit unseren Vorführungen und Workshops verändern wir die Stadt. Das ist, wie wenn ein großer Zirkus kommt. Mir ist auch aufgefallen, dass die Bewohner und die Kinder begeistert sind, wenn wir im nächsten Jahr wiederkommen“, sagt er.

Umweltbewusstsein fördern

Mit dem Film Rio São Francisco, um canto de misericórdia von Inácio Neves Filmabteilung Zenólia Filmes soll Bewusstsein für die Umwelt geschaffen werden. Der Kurzfilm wird im Rahmen der Aufführungen gezeigt und handelt von einem für alle Beteiligten sehr ernsten Problem: der Umwelt. Wenn er darüber spricht und darüber, was mit dem Fluss São Francisco geschieht, legt Neves seine Stirn in Falten und sein Gesichtsausdruck ändert sich. Bis 2012 reiste das Projektteam überwiegend mit dem Schiff. Heute ist das nicht mehr möglich.
  Das ist der Preis der jahrelangen Zerstörung. „Die Region hat sich drastisch verändert, und schuld daran ist zu 100 Prozent der Mensch. Der Fluss ist inzwischen nur noch ein Kanal, der Wasser zum Meer transportiert. Der Mensch hat die Ufervegetation zerstört, die Quellen und die Zuflüsse sind in einem katastrophalen Zustand. Die Anrainer merken, dass es weniger Fisch gibt. Denn es gibt Stellen, da kommt man fast trockenen Fußes durch den Fluss, an anderen ist das Waser stark verschmutzt“, sagt Neves. Er schlägt vor: „Man muss sich um die Zuflüsse kümmern, und der Fluss wird von selbst wieder gesund.“

„Um die Schönheiten und das Elend zu zeigen, lassen wir die Menschen von der Vergangenheit erzählen. Denn die Jugendlichen sehen den Fluss anders als die Alten; so verändert sich das Verhältnis der Anrainer zum Fluss. Aber eigentlich ist der São Francisco sehr schön, im Sonnenuntergang, im Sonnenaufgang. Wenn wir gut diskutieren, gelingt es uns, die Jugend ins Gespräch einzubinden“, ist sich Neves sicher. Er fügt hinzu:  „Vor allem dürfen wir den Anrainern nicht die Schuld am Niedergang des Flusses geben. Die Schuldigen kennen in den meisten Fällen den Fluss gar nicht“, sagt Neves bedauernd.