Future Perfect „Unser Museum“

Foto: Carol Ramos
Foto: Carol Ramos

Das 1987 vom italienischen Padre Giovanni Gallo in Cachoeira do Arari gegründete Museu do Marajó hält trotz knapper finanzieller Mittel an seinem Auftrag fest, die kulturelle Vielfalt der Insel Marajó im Bundesstaat Pará zu zeigen.

Das Museu do Marajá öffnete 1987 in der Stadt Cachoeira do Arari seine Türen. Drei Stunden Bootsfahrt von Belém entfernt, ist das Museum für diejenigen, die die Kultur des Amazonas im Bundesstaat Pará kennenlernen wollen, ein archäologisches Erlebnis. Der Geist der Einrichtung, die als gemeinschaftlicher Raum angelegt ist, in dem die Bewohner der Insel Marajó sich wiederfinden sollen, zeigt sich schon im Museumseingang durch eine Holzkiste, auf der die Frage steht: „Was ist das neueste Stück des Museums?“. Um das herauszufinden, muss man nur den Deckel der Kiste öffnen, der mit einem Spiegel ausgekleidet ist, und stößt  auf die Antwort: „Das sind Sie“.

Das Objekt ist einer der „Hinterwäldler-Computer“: eine Serie von rustikalen und vollständig interaktiven Ausstellungsmöbeln, die der italienische Padre und Gründer des Museums Giovanni Gallo (1927-2003) entworfen hat. „Er las am frühen Morgen immer viel und kam dann voller Ideen ins Museum. So hatte er auch die Idee für diese Computer, die zu 100 Prozent als Caboclos-Stücke konzipiert wurden“, verrät Herr „Tacica“ (Otacir Gemeque), der Vizedirektor des Museums. (Als „Caboclos“ bezeichnet man die Nachfahren von Indigenen und Europäern; Caboclo-Stücke sind demnach von verschiedenen kulturellen Einflüssen geprägt.) Der 70-jährige Tacica ist ein treuer Nachfolger von Gallo und war immer schon verantwortlich für den Bau der Museumsobjekte.  

Einen herausragenden Teil der Sammlung nimmt die „Caco de Marajó“ ein, („die Marajó-Scherbe“), wie die Keramikkunst der Insel Marajó genannt wird. Die Keramiken sind verziert mit ikonografischen Zeichnungen, die soziale Normen und Weltbilder anderer Zeiten darstellen. Es handelt sich um Graburnen, Steine, Gefäße, Teller und Lendenschurze aus gebranntem Ton, die Gallo von Bewohnern der Insel geschenkt bekam, und die die Existenz von Völkern beweisen, die vom 5. bis zum 14. Jahrhundert auf Marajó gelebt haben. Unter den Artefakten befinden sich auch Lendenschurze für Frauen, die Fragen nach der Teilhabe der Frauen an den damaligen Gesellschaften aufwerfen.

Überlebensstrategien

„Die indigenen Völker der Insel Marajó entwickelten Strategien, um zwischen den Weißen und den Schwarzen zu überleben und ihre Kultur zu pflegen, sei es durch die indigenen Zeichen und Muster, durch die Wörter ihrer Sprache, durch die Esskultur oder durch die Spiritualität. Diese Geschichte wird im Museum anhand der Keramiken erzählt“, sagt Tainá Marajoara, Gründerin der Organisation Iacitatá Amazônia Viva, die die Esskultur des Amazonasgebiets bewahren möchte und Produkte verkauft, die von den traditionellen Gemeinden Parás hergestellt werden.

Wer das Museum besucht, wird von den Bildern, Reportagen und Schildern eingenommen, etwa von einer Tafel mit den Bedeutungen der Wörter in der Tupi-Sprache, von Gegenständen und Stickereien mit den Mustern und Zeichen der Insel Marajó, von ausgestopften Tieren und Arzneiölen, die aus Pflanzen extrahiert wurden, und von Tieren, die bis heute sinnbildlich für die Geschichte und die Kultur der Bevölkerung von Marajó stehen. Es gibt sogar eine Tafel über den Klimawandel und die Gefahren, die von Pflanzenschutzmitteln für die Umwelt ausgehen. „Gallos Gedanke war, möglichst viele Dinge zusammenzubringen, und wenn er heute noch leben würde, dann fänden sich hier auch aktuelle Diskussionen“, erklärt Tacica, der Touristen aus aller Welt und Schüler aus den Schulen der Region in Empfang nimmt, die sich für die Sammlung interessieren.

Gallo hatte nicht wenige Fähigkeiten: Er sprach mehrere Sprachen fließend, war Fotograf und Schriftsteller, konnte Tiere präparieren und war ein politisch sehr engagierter Mensch. Er lebte den Alltag auf Marajó in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Darüber hinaus lernte er, respektvoll mit der größten Kraft der Insel umzugehen, dem Wasser, das im Winter das Land überschwemmt und im Sommer sich zurückzieht und das Land trocken hinterlässt, und auf diese Weise Ernten bestimmt, den Fischfang, die Jagd und die Fortbewegung der Bewohner.

Sklaverei und Rassismus

  •  Foto: Carol Ramos Foto: Carol Ramos
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  • Foto: João Ramid Foto: João Ramid
    Foto: João Ramid
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  • Foto: Carol Ramos Foto: Carol Ramos
    Foto: Carol Ramos
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Die Erlebnisse, die Gallo mit der Bevölkerung der Insel machte, verhalfen ihm zu der Fähigkeit, die emblematischsten Objekte zu sammeln, um aus nächster Nähe zu erzählen, was die Insel Marajó ausmacht. In dem Museum finden sich thematisch gegliederte Bereiche, die den geflochtenen Körben des Amazonasgebiets gewidmet sind, der Açaí-Beere, den Glasgefäßen mit Arzneipflanzen aus dem Regenwald, den ausgestopften Tieren, dem Universum der Vaqueiros, wie die Kuhhirten in Brasilien genannt werden, und der Welt der Fischer. Es finden sich auch Haushaltsgegenstände aus der Caboclo-Küche, ganze Sammlungen von Kochtöpfen, Kalebassen, Öllämpchen, sowie Bereiche, in den ethische, religiöse und philosophische Debatten dargestellt werden.
Das Material, mit dem in der Ausstellung die Sklaverei und der Rassismus in Brasilien diskutiert wird, ist reichhaltig: Folterwerkzeuge, Schilder mit vorurteilsbeladenen Sätzen wie „serviço de preto“ („Schwarzenarbeit“), die schon in die Alltagssprache eingegangen sind, Ausschnitte von Anzeigen für den Verkauf oder den Verleih von Sklaven aus alten Zeitungen und Abschnitte aus dem Buch Casa-Grande e Senzala (deutsch „Herrenhaus und Sklavenhütte“) von Gilberto Freyre.

„Das Museum bietet heute auch Töpferkurse an. Hier werden viele Repliken historischer Exponate angefertigt“, erzählt Tacica. Laut ihm besteht die größte Herausforderung für die Einrichtung darin, mit einem sehr kleinen Team die grundlegenden Museumstätigkeiten zu gewährleisten, wie die Reinigung und den Schutz der Exponate vor dem Wasser, das mit religiöser Strenge jeden Tag vom Himmel stürzt.

Im Stich gelassen

Das Fehlen von Geld und Partnern, um notwendige Renovierungsmaßnahmen durchführen zu können, ist eine der größte Bedrohungen für das bedeutende Kulturerbe. „Das Museum von Marajó besitzt eine Sammlung, die sehr reich an Geschichte und Archäologie ist, und die Form, wie die Ausstellung organisiert ist, mit Modulen, die es dem Besucher erlauben, einzelne Stücke der Sammlung zu berühren und langsam zu entdecken, was hinter den von dem Padre geschaffenen Apparaten steckt, ist originell”, erklärt die Anthropologin Denise Schaan. „Die öffentliche Hand hat das Museum leider völlig im Stich gelassen“, beklagt die Dozentin der Bundesuniversität von Pará (UFPA) und Autorin des Buchs Cultura Marajoara (deutsch „Die Kultur Marajós“, 2009).

Über die Ausstellungsräume hinaus ist es Gallo gelungen, eine Musikschule einzurichten und einen Garten mit Dutzenden von Obstbäumen anzulegen, in denen Faultiere wohnen und von denen sich die für das Amazonasgebiet so typischen Arzneiöle gewinnen lassen. Vor seinem Tod träumte Gallo noch davon, einen teso, eine Art Warft, neu zu errichten. Auf diese Erhöhungen bauten Indios in alten Zeiten ihre Häuser und rituellen Räume. Der teso sollte Teil der Ausstellung werden und über ihn verstreut sollten Scherben liegen – wie auf einer echten archäologischen Grabungsstätte.