Future Perfect Leseprojekt bringt Bücher in Schulen

Lesekreis Dragão Azul, Petrópolis, Bundesland Rio de Janeiro, Brasilien.
Lesekreis Dragão Azul, Petrópolis, Bundesland Rio de Janeiro, Brasilien. | Foto: Alberto Veiga.

Die Kraft der Veränderung durch Lesen spürten bereits zwei Generationen von Schulkindern öffentlicher Schulen im Landkreis Petrópolis – dank Maria Cristina Basilio, 73 Jahre alt und Erfinderin des Clube Cultural Dragão Azul.

Seit seiner Gründung vor 33 Jahren konnte das ehrenamtliche Projekt bereits 56 Schulen und Institutionen in der „Região Serrana“ in den Bergen des Bundesstaates Rio de Janeiro mit Büchern versorgen und damit Tausende Kinder erreichen. Um die zweitausend Titel pro Jahr kommen auf diese Weise zu einer Bevölkerung, der selbst die Möglichkeit fehlt, Bücher zu kaufen.

Die Idee stammt von Kiki, wie sie sich selbst nennt, Maria Cristina Basilio, ausgebildete Designerin und Mutter von drei Kindern, die 1984 mit einer Kindergruppe zu Weihnachten ein Theaterstück einübte. Daraus entstand der Clube Cultural Dragão Azul (Kulturklub Blauer Drache), der zehn Jahre lang, angeregt von der Lektüre von Kinderbüchern, Ausflüge in die Kultur organisierte. 1994 wurde Dragão Azul dafür mit dem zweiten Preis des Wettbewerbs „Beste Leseförderungsprogramme“ der Nationalen Stiftung für das Kinder- und Jugendbuch Fundação Nacional do Livro Infantil e Juvenil (FNLIJ) – der brasilianischen Sektion des International Board on Books for Young People (IBBY) –  ausgezeichnet und erhielt als Preis einen Grundstock von 230 Kinderbüchern.

Ich, meine Bücher, meine Wohnung

Maria Cristina (Kiki) Basílio zu Hause mit ihren Büchern des Lesekreises Dragão Azul. Maria Cristina (Kiki) Basílio zu Hause mit ihren Büchern des Lesekreises Dragão Azul. | Foto: Alberto Veiga. Als die Mitglieder der ersten Gruppe erwachsen waren, wollte Kiki die Bücher nicht in den Regalen stehen lassen und überließ ihren Bestand leihweise den Schulen in der Umgebung. Maximal 300 Exemplare pro Schule. Keine Untergrenze. Mit nichts als einer alten Olivetti-Schreibmaschine, das einzige Inventar des Projekts außer den Büchern, funktioniert die „Novos Rumos“ (Neue Wege) betitelte Phase bis heute. Noch zwei Mal gewann Dragão Azul den Wettbewerb der FNLIJ und konnte so seinen Bestand mit neuen, guten Büchern auf heute sechstausend Titel erweitern. „Wenn ich einen Preis bekomme und das in der Zeitung steht, tauchen neue Projekte auf. Die Leute lassen sich mitreißen“, ist Kiki überzeugt.

Das große Alleinstellungsmerkmal des Projekts ist die persönliche Betreuung jeder einzelnen Schule. Kiki redet mit Schulleiterinnen, Lehrerinnen, Schülerinnen und Schülern und wählt die Titel nicht nur nach Altersstufe oder den Wünschen der jeweiligen Klassen aus, sondern auch ausgerichtet auf Projekte im Unterricht. „Ich kenne meine Bücher gut, habe sie alle gelesen und kann darüber sprechen. Es ist wichtig, die Kinder mit den Geschichten zu infizieren“, sagt sie. Als alleinige Betreiberin des Projekts bringt sie die Bücher oft selbst in Tüten und per Omnibus bis zu den Schulen. Um Bücher in weiter entfernte Institutionen zu bringen, oder wenn sehr viele zu transportieren sind, helfen ihr auch Lehrkräfte. „Es ist ein ehrenamtliches Projekt, komplett familiär und hausgemacht. Ich, meine Bücher, meine Wohnung. Es gibt keine politische Verbindung, kein Unternehmen dahinter, nichts. Nur ich und ich“, darauf legt Kiki wert.

Bessere Leistungen in der Schule

Lesekreis Dragão Azul, Petrópolis, Bundesland Rio de Janeiro, Brasilien. Lesekreis Dragão Azul, Petrópolis, Bundesland Rio de Janeiro, Brasilien. | Foto: Alberto Veiga. In der Schule São Cristóvão, der ersten, die an dem Projekt beteiligt war und seit 22 Jahren Bücher erhält, kann die damalige Direktorin und heutige pädagogische Leiterin Fátima Alves die Veränderungen in den Leistungen der Schüler gut einschätzen. „Die Kinder bekamen Spaß am Lesen, allmählich werden sie regelrecht süchtig danach. Und damit interessierten sie sich stärker für das Lernen, mit sehr guten Erfolgen, insbesondere im Lesen und Schreiben. Verbessert hat sich auch die schulische Leistung insgesamt“, hebt die Pädagogin hervor. Die große Mehrzahl der Schulen erlaubt ihren Schülern, Bücher nach Hause zu nehmen und so auch die Familien damit in Berührung zu bringen und Eltern, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben, zu einer Alphabetisierung zu bewegen.

Bestand an guten Büchern

Lesekreis Dragão Azul, Petrópolis, Bundesland Rio de Janeiro, Brasilien. Lesekreis Dragão Azul, Petrópolis, Bundesland Rio de Janeiro, Brasilien. | Foto: Alberto Veiga. Für Érica Lima Xavier, Direktorin der städtischen Schule „Professora Jandira Peixoto Bordignon“, ist das Projekt von sehr großer Bedeutung, da die Schule selbst keine Bibliothek mehr besitzt. „Wir arbeiten in zwei umgebauten Häusern, ohne geeignete Räume, aber wir erhalten jedes Jahr einen neuen Bestand an guten Büchern. Die Kinder und ihre Familien müssen nicht auf Lektüre verzichten“, sagt sie. Das Projekt setzt auch auf die Ausbildung der Lehrkräfte in Literatur und organisiert die akademische Begegnung „Encontro Acadêmico“, um Lehrern Sekundärliteratur zur Verfügung zu stellen.

Die Bücher für 2017 wurden bereits fast komplett an die 15 Schulen, die sich im Landkreis Petrópolis an dem Projekt beteiligen, ausgeliefert. Im kommenden Jahr möchte Kiki die Anzahl der zu versorgenden Institutionen allerdings verringern. „Das wird von meiner körperlichen Verfassung abhängen. Ich möchte diesen Kindern das geben, was meine Kinder hatten und andere haben. Nach dem Startschuss am Anfang des Jahres lasse ich mich immer wieder hinreißen“, begeistert sie sich und deutet an, dass ihre Entscheidung mit der Zeit wohl noch einmal überdacht werden und sie weiterhin alle Schulen versorgen wird, die heute schon ihre Bücher bekommen.