Future Perfect Restaurante Interno: Vorübung für die Freiheit

Restaurante Interno, Cartagena
Restaurante Interno, Cartagena | Foto: Alberto Veiga

In einem Gefängnis in Kolumbien erlangen Frauen ihre Würde zurück, indem sie als Gastronominnen tätig sind.

Um sechs Uhr abends ist das Geräusch der Schlüssel und Riegel zu hören. Vierzehn Frauen verlassen ihre Zellen und begeben sich in einen kleinen Seitenflügel des Gefängnisses. Er ist mit Kissen und Bildern an der Wand dekoriert, mit Gitterstäben in fröhlichem Rosa, und in der blitzsauberen Küche beginnt sich etwas zu rühren: Das Restaurante Interno öffnet wie üblich seine Pforten für die Abendgäste im Frauengefängnis von San Diego in der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena.

Es handelt sich dabei um eine Initiative der Stiftung Acción Interna, die vor fünf Jahren von der kolumbianischen Ex-Schauspielerin Johana Bahamón gegründet wurde. Seither betreut die Stiftung 44.000 Häftlinge in 26 kolumbianischen Gefängnissen. Das Restaurante Interno wurde 2016 eingeweiht, inspiriert durch das Restaurant InGalera im Gefängnis von Mailand, in dem Häftlinge arbeiten und ein neues Handwerk lernen.

Gastronomie, darstellende Künste, EDV

Die Ausübung darstellender Künste, von Unternehmensführung, Gastronomie, biologischem Gartenbau oder EDV, aber vor allem der Abschluss einer Fach- oder Hochschulausbildung mittels Anbietern von Fernstudiengängen verändern das Leben der Gefängnisinsassen und der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung.

„Wir lernen mit den Menschen, mit denen wir in den Gefängnissen arbeiten. Man entdeckt dort so viel Talent, menschliches Potenzial und Wissen, das dort drinnen vergeudet wird. Wichtiger als der Fehler, den jemand begangen hat, ist, wie dieser Mensch gerettet werden kann. Diese Talente in Werkzeuge zu verwandeln, um wieder anknüpfen zu können, wenn sie entlassen werden – das ist die Funktion der Stiftung. Wir sind also Transformatoren“, erklärt Luz Días, Projektleiterin der Stiftung und verantwortlich für das Restaurante Interno.

Um neun Uhr an einem Dienstagabend im August ist das Interno voll. Die Gäste kommen von verschiedenen Orten in Kolumbien oder sind ausländische Touristen, die sich während ihres Besuchs in Cartagena das erlesene Menü karibischer Speisen schmecken lassen. „Große Veränderungen in der Welt können mit Initiativen wie dieser beginnen. Die Projekte, die hauptsächlich auf Ausbildung fokussieren, sind Werkzeuge, um nicht wieder der Kriminalität zu verfallen. Außerdem ist das Essen großartig, was sehr wichtig ist und für die Betroffenen auf ein ungekanntes Niveau abhebt“, resümiert der Kolumbianer Juan Portes, der oft mit ausländischen Freunden im Interior anzutreffen ist.

Arbeitende Häftlinge im Restaurante Interno, Cartagena Arbeitende Häftlinge im Restaurante Interno, Cartagena | Foto: Alberto Veiga

Gewinninvestitionen, Strafreduzierungen

Die Werkzeuge, die im Interior geschmiedet werden, haben eine größere transformatorische Kraft, als man annehmen möchte. Von den 160 Insassinnen des Frauengefängnisses von San Diego nehmen etwa 100 an einer Ausbildung teil oder haben bereits an einer Ausbildung in einem der gastronomischen Bereiche oder darüber hinaus teilgenommen; manche sind dabei, ihr Studium abzuschließen. Die Gewinneinnahmen aus dem Restaurantbetrieb werden auch dazu eingesetzt, den Zustand der Zellen und der Gemeinschaftsräume zu verbessern. Schon durch den Umsatz bei der Einweihungsfeier war es möglich, Betten für alle Häftlinge zu kaufen. Denn viele von ihnen schliefen auf dem Fußboden und litten an vielerlei Atemwegserkrankungen. Mit den Gewinneinnahmen aus dem Restaurant wurde ein Computerraum mit gut 20 Computern eingerichtet und die Bibliothek neu gestaltet: Ziel ist es, den Recherchezugang zu verbessern, um leichter und schneller eine Ausbildung zu bewältigen. Gerade haben acht Frauen ihr Abschlussdiplom für das Hotelgewerbe von der Offenen Nationalen Universität (UNAT) erhalten und 25 sind dabei, sich in verschiedenen Bereichen auszubilden.

Neben der Berufsausbildung bringt die Anstrengung eine Strafreduzierung: Jeder Arbeitstag bedeutet einen Tag weniger Haft. Außerdem tragen die Projekte im Frauengefängnis von Cartagena zum Unterhalt von Kindern und Verwandten der Insassinnen bei, von denen die meisten für ihre Familien die Ernährerinnenrolle einnehmen. Ein Gutschein über 200.000 kolumbianische Pesos (knapp 60 Euro) wird monatlich an die von ihnen bestimmten Angehörigen ausgehändigt.

Sujey Sumasa, 36 und wegen Erpressung zu sechs Jahren verurteilt, ist Teilhaberin eines Kunsthandwerkbetriebs, den Häftlinge mit Hilfe der Stiftung gegründet haben. Sie verweist auf die Bedeutung des Geldes, das sie ihren Angehörigen schickt: „Meine Familie kann mich nicht besuchen, weil sie sehr weit weg wohnt und die Reise sehr teuer ist, aber zumindest kann ich meinen Kindern durch meine Arbeit auf eine Art unterstützen. Wir alle schicken unseren Verdienst an unsere Familien.“ Die in Cartagena so typischen Rucksäcke, die von den Häftlingen gefertigt wurden, werden am Eingang des Restaurants verkauft, oder besser gesagt: am Eingang des Gefängnisses. Der Betrieb hat auch Verträge mit Händlern in anderen Landesteilen. All das ist der Ertrag aus einem viermonatigen Kurs in Unternehmensführung, der den Gefängnisinsassinnen angeboten wurde.

„Alles ist von der Frau abhängig“

Isabel Bolaño, 64, ist die Koordinatorin des Restaurante Interno innerhalb des Gefängnisses. Sie gehört selbst zu den Häftlingen und wartet seit drei Jahren auf ihr Urteil, weil sie sich einer bewaffneten Selbstverteidigungsgruppe von Bauern gegen die FARC angeschlossen hatte. Sie findet die treffenden Worte: „Indem wir uns unser Brot verdienen, tun wir etwas für unsere eigene Würde und für die unserer Familien, damit zum Beispiel die Kinder bessere Lebensbedingungen haben. Wir alle hier absolvieren eine Ausbildung oder erlernen ein Handwerk durch diese Projekte. Und es ist nicht nur durch das Restaurant, es sind auch Tanz, Theater, Bildung, Kultur, Würde. Wir erkennen hier auch, dass Bildung, Essen, Dienstleistungen, Kleidung, Wirtschaft, dass alles von der Frau abhängt. Frauen kämpfen, arbeiten, werden eingesperrt und trotzdem tragen sie weiter Verantwortung für ihre Kinder.“ Wenn sie aus dem Gefängnis freikommt, möchte Bolaño im Hotelgewerbe weiterarbeiten und das Projekt unterstützen. „Sie ermutigen uns und nützen das, was jede anzubieten hat. Bei allem, was wir mit der Stiftung machen, werden wir respektiert, sie spüren keine Verlegenheit wegen uns.“

„Zweite Chance“, Restaurante Interno, Cartagena „Zweite Chance“, Restaurante Interno, Cartagena | Foto: Alberto Veiga Die Begegnung hinter Gittern zu erleben bedeutet auch eine Resozialisierung für diejenigen in Freiheit. „Als Projektbetreuerin bin ich sehr froh, die Möglichkeit zu haben, mit den Häftlingen zu arbeiten. Man gewinnt eine neue Sicht auf das Leben. Man muss sich engagieren und vorwärtskommen wollen. Wer weiß, ob andere ähnliche Projekte daraus hervorgehen, durch welche die Fähigkeiten, die in den Gefängnissen bereits vorhanden sind, respektiert werden“, sagt Luz Días, die Projektleiterin der Stiftung.

Halb elf Uhr nachts. Die letzten Desserts werden serviert und die ersten Tische saubergemacht. Eine halbe Stunde später sind alle Gäste gegangen, die Lichter im Inneren werden ausgeschaltet und es ist wieder das Geräusch der Schlüssel und Riegel zu hören. In wenigen Minuten haben sich die lächelnden Frauen durch das Gitter von den Kunden verabschiedet – bis das Interno am nächsten Tag erneut seine Pforten, oder besser gesagt seine Gitter, öffnet.