Future Perfect Mirante do Solar: „Die Kolonisation heute ist digital”

FOTOS​: Mirante do Solar
FOTOS​: Mirante do Solar

Ein Haus der Kultur und der Ethik bietet im Dialog mit der natürlichen Einzigartigkeit der Insel Itaparica Theater, Kino, Literatur, Tanz und visuelle Künste. Alles kostenlos.

Wegen seiner schönen Strände und des Mineralwassers der Fonte da Bica war Itaparica, die größte Insel der Todos-os-Santos-Bucht, Bade- und Erholungsort für die privilegierten Einwohner Bahias, als Pasqualino Magnavit sie im Alter von 10 Jahren zu besuchen begann. „1968 kaufte ich hier eine Ruine. Es war einmal der Hauptsitz einer Fazenda gewesen. An der Architektur lässt sich erkennen, dass man damals mehr Wert auf die Fassade des Hauses legte und der Strand keine Rolle spielte“, erzählt er.

Als die Fährverbindung von Salvador nach Itaparica eingerichtet wurde, begann der Architekt jedes Wochenende auf die Insel zu fahren. „Ich hatte schon immer diese starke Verbindung zum Meer, zur Sonne. Noch heute höre ich auf zu arbeiten, um den Sonnenuntergang zu erleben.“ In den 1990er Jahren erweiterte er das Haus für seine Neffen, die auf Itaparica ihre Sommerferien verbrachten. Nach dem Ruhestand zog er selbst dauerhaft in das Haus, widmete sich dem Zeichnen und der Entwicklung von Projekten, wie seit 2007 dem des „Mirante do Solar“seitdem Entwurf des.

Dialog mit dem Ort

Pasqualino Magnavita Pasqualino Magnavita | FOTOS​: Mirante do Solar Geleitet war die Errichtung des Mirante do Solar als Haus der Kultur und der Ethik von dem Wunsch, etwas für die Gemeinschaft zu tun. In einer Gegend gelegen, in der auf 35 Ortschaften verteilt fast 60.000 Personen leben, wurde das Haus nach fast sieben Jahren Bauzeit am 1. November 2014 als ein nichtkommerzieller Kulturverein eröffnet.

Das gemeinnützige Projekt auf insgesamt 1058 Quadratmetern bietet eine Galerie und Ausstellungsfläche, ein Auditorium für 130 Personen, eine Werkstatt für unterschiedliche Aktivitäten, eine Freiluftarena, Sekretariat, Verwaltungs- und Diensträume. Einzigartig ist der Bau durch seinen Dialog mit den natürlichen Gegebenheiten: Die Bühne des Auditoriums blickt aufs Meer hinaus, große Bäume dringen bis in den Innenraum, schaffen Labyrinthe und Durchgänge; die Geräuschkulisse ist geprägt vom Gesang der Vögel.

Kreativer Widerstand

FOTOS​: Mirante do Solar FOTOS​: Mirante do Solar Das Haus beherbergt unterschiedliche kulturelle Aktivitäten, Musik, Theater, Kunst, Film, Literatur, Tanz, Performances, Fotografie und visuelle Künste. Alle Aktivitäten sind kostenlos. „Ich vermarkte nicht, nehme keinen Eintritt. Das wäre gegen meine Prinzipien. Heutzutage wird nur an den Profit gedacht. Alles ist Ware geworden. Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Drei Viertel der Weltbevölkerung sind von diesem kapitalistischen System ausgeschlossen. Kann man denn nicht in einer Gesellschaft leben, in der das Hauptziel nicht Geldverdienen ist? Das sehe ich als ethisches Prinzip“, sagt der heute 88jährige Magnavita.

Sein Projekt übt sich in neuen, aktuellen ethisch-ästhetischen Prinzipien, die auch die Dimension des kreativen Widerstands beinhalten. „Wir haben nicht mehr das Paradigma der Kunst um der Kunst willen, sondern leben ein ethisches Prinzip, insofern als wir etwas im Widerstand gegen soziale Kontrolle erschaffen“, so seine Überlegung. Der offene, gastfreundliche Raum wurde von Magnavita selbst entworfen, gebaut und finanziert. Für ihn ist wichtig, „Dinge zu schaffen, die der Bevölkerung helfen, die bestehende Kontrolle zu überwinden, denn wir alle stecken in einem unsichtbaren elektronischen Halsband“.

Politische Haltung

FOTOS​: Mirante do Solar FOTOS​: Mirante do Solar Das ethische Prinzip ist für Magnavita eine politische und nicht parteigebundene Haltung. „Die Politik steckt in allem. Es ist ein Zusammenspiel von Kräften. In der Familie, in der Gesellschaft.“ Das Bewusstsein dafür kann durch Sensibilisierung für die Kunst geschaffen werden. Als Beispiel nennt Magnavita die ehrenamtliche Initiative der Lehrerin Rocio Castro, die im Haus in Zusammenarbeit mit dem Colégio Democrático Estadual Jutahy Magalhães 2015 den Filmklub Cine Clube do Mirante gegründet hat. Die Kinovorstellungen behandeln für den Schulunterricht wichtige Themen: Geowissenschaften, Soziologie, Geschichte, Geografie und Kunst und fördern die Diskussion über relevante Fragen sowie ein kritisches Verständnis aktueller Vorgänge - wichtig für zivilgesellschaftliche Bildung.

„Gestern wurde hier der Film Amazônia gezeigt. Danach haben wir uns unterhalten, dass es nicht nur darum geht, Tiere und Pflanzen zu sehen, sondern dass in Amazonien auch Menschen leben. Die Verwüstung des Landes betrifft die dort lebenden Indianer. Und der Regenwald wird für die intensive Landwirtschaft abgeholzt. Geld wird mit Soja gemacht. Das ist eine riesige soziale Ungerechtigkeit. Darüber nachzudenken heißt, eine ethische Haltung zu entwickeln und zeigen, dass es nicht nur um die ästhetische Seite Amazoniens geht.“

Magnavita macht also Revolutionen im Kleinen, sich völlig im Klaren darüber, dass die Veränderung durch ihre Reichweite nur langsam ist und nur eine begrenzte Verbreitung findet. „Man muss mit viel Kraft kämpfen. Die Leute stehen mit dem Rücken zur Sonne. Die Kolonisation heute findet nicht nur auf dem Land statt, sie ist digital.“