Die Vila Itororó

  • Vila Itororó - Sacada Gabriel Quintão
  • Vila Itororó de cima Foto: Gabriel Quintão
  • Vila Itororó Pia Senga
  • Vila Itororó Escada Senga

Die Vila Itororó lädt ein, sich gemeinsam konkrete Gedanken zu machen, was für eine Art von Stadt wir uns wünschen. Eine vielfältige, offene Stadt, die nicht allein vom Handel geprägt ist, sondern uns allen gehört. Ein Ort, an dem Kultur nicht nur künstlerisches Schaffen umfasst und weiterentwickelt, sondern alles, was wir unter Freizeit, Umwelt, Wohnen und Zusammenleben verstehen, was nicht ohne Konflikte bleibt. Daher ist die Baustelle allen zugänglich.

Die Vila Itororó befindet sich auf einem ca. 5000 Quadratmeter großen Grundstück in Bixiga, dem Kernstück eines Häuserblocks im heutigen Viertel Bela Vista, und besteht aktuell aus elf Gebäuden einschließlich dem einzigartigen Hauptgebäude und dem Sitz des ehemaligen Clube Eden Liberdade. Der übrige Komplex aus von Francisco de Castro Anfang des 20. Jahrhunderts als Mietshäuser konzipierten Gebäuden wird derzeit restauriert. Die Vila Itororó wurde in der Vergangenheit hauptsächlich zu Wohnzwecken genutzt. Sie wurde unter Denkmalschutz gestellt und für gemeinnützig erklärt und ging anschließend in öffentlichen Besitz über. Zukünftig soll sie für kulturelle Zwecke genutzt werden.
 
Wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich wurden Abbruchmaterialien einer Stadt, die sich im ständigen Abbruch und Aufbau befand – Fenster, Türen, Ornamente und andere architektonische Elemente – zum Bau der Vila Itororó wiederverwendet. Im Laufe der Jahre kam es zu unzähligen Umbauten wie dem Einbau neuer Zugangswege, der neuen Innenaufteilung der Gebäude und neuen Anbauten und Schuppen. So steht die Geschichte der Vila Itororó auch symbolisch für die Geschichte der Mietshäuser in São Paulo und des dortigen Alltags und schwelenden kulturellen Lebens.
 
In den 1970-er Jahren wurde eine Debatte angestoßen, die Bewohner der Vila zum Auszug zu bewegen, um dort ein Kulturzentrum einzurichten.

Wie sollte man die Geschichte der Vila Itororó erzählen, wenn gleichzeitig deren Bewohner zum Auszug gedrängt werden? Wo würden diese Menschen dann wohnen? Was könnte eine Änderung der gesellschaftlichen Rolle der Vila Itororó rechtfertigen? War die Art und Weise, in der die Bewohner ihr Leben organisierten, nicht auch eine Form von Kultur, die es zu bewahren galt?

In den 2000-er Jahren war der Widerstand der Bewohner durch den Zusammenschluss verschiedener Künstlerkollektive, junger Architekten und Aktivisten sowie verschiedener Gruppen, die Rechtsberatung anboten, geprägt. Dieser gemeinsame Widerstand ermöglichte einen wichtigen Sieg: die Umsiedlung der Bewohner in Sozialwohnungen im Zentrum der Stadt. Viele hätten jedoch lieber weiterhin in der Vila Itororó gewohnt, trotz fehlender Instandhaltung durch den damaligen Besitzer, die zu einer Verschlechterung der dortigen Lebensqualität führte.
 
Die Vila Itororó sollte heute aus einer Perspektive betrachtet werden, die kulturelles und historisches Erbe nicht nur als etwas versteht, das es zu bewahren gilt, sondern als ein Werkzeug zur Umgestaltung der Gegenwart. Der Gebäudekomplex der Vila Itororó, so wie er von Francisco de Castro konzipiert wurde, ist ein Bruchstück einer Stadt, die nie Wirklichkeit wurde. Heute ist die Vila eine Mischung aus Utopie, Träumen, Unmöglichkeit und Zerstörung und dient neuen Projekten zur Wandlung der urbanen Wirklichkeit der Stadt als Inspirationsquelle und Herausforderung.

Offene Baustelle

Das aktuelle, von der Stadtverwaltung von São Paulo koordinierte Projekt überprüft frühere Entscheidungen und Visionen und öffnet die Baustelle für Debatten über zukünftige Nutzungsmöglichkeiten der Vila Itororó. Es entstand die Idee, die Diskussion über die Gemeinnützigkeit der Vila öffentlich zu führen und gemeinsam mit der Stadt über eine mögliche sinnvolle Lösung nachzudenken. Die Vila, die derzeit restauriert wird, bietet Raum für Experimente. So entstand ein ebenso beispielloser wie notwendiger Dialog zwischen der zu bewahrenden Architektur und  Möglichkeiten der Nutzung, die sich ausgehend von der Geschichte der Vila entwickeln lassen.
 
Auf der Baustelle der Vila Itororó kann jeder die Arbeiten der Architekten, Ingenieure, Bauarbeiter und Schreiner sehen. Wer möchte, kann die Baustelle betreten und wird so vom reinen Beobachter zu einem Teil dieser Baustelle und zum Publikum des Projekts. Zwischen Büros und Werkzeugen findet der Besucher einen Raum, der sich im kontinuierlichen Auf- und Umbau befindet und der die jüngsten Kämpfe in der Vila und ihre ferne Vergangenheit sowie ihre zukünftigen Möglichkeiten zum Vorschein bringt. Dieser im Bau befindliche Raum wächst gemeinsam mit seinem Publikum inmitten des Schutts und der laufenden Restaurierungsarbeiten.

Dieser Raum des kollektiven Auf- und Umbaus dient vorübergehend als Kulturzentrum oder besser gesagt als Experiment zur Erprobung eines Kulturzentrums der Zukunft unter realen Bedingungen.  

Er ist ein Stadtlabor und zeigt offenkundig, dass es Alternativen zu den bestehenden Modellen kultureller Einrichtungen gibt. Das Erbe ist lebendig und kann unabhängig von seinen Erhaltungszustand aktiviert werden. Die zukünftige Nutzung der Vila sollte ausgehend von den derzeit dort stattfindenden Experimenten und öffentlichen Debatten geplant werden.
 
Einige Fragen sind bereits gestellt. Sie erwarten keine konkreten Antworten, sondern ermöglichen den fortgesetzten Wiederaufbau dieses Gebäudes, das sich im ständigen Wandel befand und noch befindet. Was verstehen wir unter Kultur? Brauchen wir Kulturzentren in der Stadt? Warum sollte es in einem Kulturzentrum nicht auch Wohnungen geben? Museen haben Restaurants und Geschäfte. Sind dann nicht auch Wohnungen in einem Kulturzentrum legitim? Bedeutet Wohnungen beizubehalten nicht, die Geschichte dieses Ortes zu bewahren?

Schaue dir die Reportage beim Programm Metrópolis vom TV Sender Cultura an über die Vila Itororó Canteiro Aberto.
(Beginn bei 3:10)