Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Mit Blut geschriebene Notizen

Os primeiros soldados
Felipe Amarelo

Von Giuliana Zamprogno

Meine Großmutter war eine der Gründerinnen der Blutbank im Bundesstaat Espírito Santo in den 1980er Jahren, gleich zu Beginn des AIDS-Ausbruchs. Es scheint heute undenkbar, aber damals nutzte man weder Handschuhe noch Masken in Labors. Als sie aber zu Chefin wurde konnte sie endlich alles, was sie in der Fiocruz in Rio de Janeiro gelernt hatte, in die Praxis umsetzen. Besonders gerne erinnert sie sich an ihre entsetzte Freude, als sie in der Kinderlehrerin-Handschrift die luxuriöse Bestellung von „10 Tausend Latexhandschuhe und ich weiß nicht wie vielen Masken“ in die Akte schrieb. Ich erfuhr das erst, oder begann mehr Interesse zu haben, die berufliche Geschichte meiner Großmutter zu hören, im Laufe der Produktion von Os primeiros soldados.

Vitória ist keine gewöhnliche Stadt. Im wahrsten Sinne des Wortes eine Insel, scheint ihre Geographie das Gefühl der Isolation der Hauptstadt vom Rest des Landes zu verstärken, insbesondere in den attraktiven und trendigen Nachbarstaaten. Hier trägt das Urbane das Gepäck des Dorfes mit sich, und so wird das intime Leben der Stadt fast immer von den Beziehungen auf dem Land nachgezeichnet: Dort, wo alle Wege zum Meer führen, ist zwangsläufig auch dort, wo jeder jeden kennt. Aber auch dieser vermeintliche Mangel an Fluchtwegen lässt ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Der Lurex der 80er gegen die geschlossene und sich zurückziehende Stadt. Auf Partys im Querelle (später Nachtklub Eros) oder im fiktiven Genet finden LGBTQIA+-Identitäten Ausfluchten zur Heteronormativität, ähnlich wie in den New Yorker Balls. In der Dunkelheit der Nacht bauen diese Subjekte ein System der Komplizenschaft auf, in dem der bejahende Ruf der Performance mit dem Geheimnis Hand in Hand geht. Wie bei „Marronagem“ und „Quilombagem“ sind Fluchten, Allianzen und Verschwiegenheitspakte Überlebens- und Widerstandsformen in einem kleinen Modus (Dénètem Touam Bona), die als echte Kriegsstrategien funktionieren.

"Ich wusste, dass du auch der einzige… du weißt schon... von Itarana warst." Der Geburtsort meiner anderen Großmutter, Itarana, ist die winzige Ortschaft, in der Humberto (Vitor Camillo) gelernt hat, „Männlichkeit“ zu zeigen und unter konservativen Augen wie ein „richtiger Mann“ zu klingen. Er und ich teilen die Ursprünge des gleichen warmen orangefarbenen Landes mit seiner kleinen weißen Kirche und Kaffeeplantagen.

Os primeiros soldados ist ein Drama, das sehr gut Affirmation und Zuflucht zu dosieren weiß, sich von offenen politischen Allegorien wegbewegt, um eher prägnante als frontale Angriffe zu finden. Ebenso dem Offensichtlichen entgegen singt Rose (Renata Carvalho) Gonzaguinha, und nicht Madonna. Ein Lied –
„Um Homem também chora (Guerreiro Menino)“ (Ein Mann weint auch - junger Krieger) – über die Brüche der Männlichkeit, wird von einer Trans-Person gesungen. Wenn das Lied schwer wiegt, weiß Rose das Publikum zu dribbeln und verwandelt in einer Improvisation „es geht nicht“ in „man kann es“: ein heimlicher Protest gegen eine affirmative Lebenswende zum Jahreswechsel. Ein paar Monate später verwandelt Rose zusammen mit Suzano (Johnny Massaro) und Humberto die Zuflucht auf der Farm in einen Versuch, dem Tod zu entgehen.

AIDS verbindet die verlängerte Entdeckungszeit und das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens. Angesichts dessen, was noch nicht bekannt war, teilen Krankheit und Film den Rhythmus der ersten Sarkome und unsicheren Informationen – „ein Pakt der Unwissenheit“, wie Rodrigo selbst sagt, der auch mit dem Zuschauer gepflegt wird. Aber wie kann man seinem eigenen Körper entkommen? Für die, die dabei sind, ist das Nebeneinander von absurder Todesangst, Erlösung, Revolte und Feiern geprägt von Antibiotika, Virostatika und allem anderen, was „Scheiss darauf“ geschmuggelt wird.

In einem Gedicht mit dem merkwürdigen Titel „Passagem do Ano“ (Jahreswechsel) schreibt Carlos Drummond de Andrade: Das Leben ist fett, ölig, tödlich, betrügerisch. 

Top