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06.12.2019 | Michael Zichy
Die vielen Gesichter des Populismus

Michael Zichy Foto: Herbert Rohrer, Wildbild
Liebe Freund*innen,

nach der nochmaligen Lektüre der hier bislang versammelten Beiträge aus Eurer Feder staune ich nicht schlecht darüber, zu welch reichhaltigem und inspirierendem Konvolut an Beobachtungen und Überlegungen unser Dialog inzwischen angewachsen ist. Ich wünschte, ich hätte ein ganzes Jahr, um die hier versammelten Gedanken alle fein säuberlich auseinanderzunehmen und neu zu sortieren, hier eine Idee aufzunehmen und dort eine These weiterzuverfolgen, bis ich sie wieder fallenlassen und in die Textur einarbeiten kann, so dass sich das Ganze nach und nach zu einem wohlumfassten, geordneten Konzept, zu einer Theorie formt, die mir das Gefühl gibt, der Sache Herr zu werden.

Doch dazu habe ich nicht nur nicht die Zeit, sondern – vielmehr noch – ich weiß, dass mit der ersten weiteren Antwort von einer oder einem von Euch mein schönes Gebäude in sich zusammenstürzen würde, weil da und dort ja doch noch lose Faden herausragen würden, an denen ihr unweigerlich einhaken und so das Gewebe wieder aufdröseln würdet. Aber: Ist das nicht eben der Sinn eines Dialogs? So bleibt mir die viel schönere Aufgabe, nach meinem Gutdünken den einen oder andere Gedanken aufzugreifen, da und dort etwas zusammenzuspannen, es mit meinen eigenen Überlegungen etwas zu vermischen, um daraus neue Fragen zu entwickeln, die dem Fluss unseres Gesprächs sein Gefälle geben.

Ich möchte versuchen, das bisher Besprochene ein wenig zusammenzufassen. Erstens: Wir haben den Populismus in vielen seiner Erscheinungsformen kennengelernt: in der Schweiz, in Ungarn, in Kenia, in Ägypten, in Russland, in Brasilien und in Indien. Dabei ist deutlich geworden, dass es, wie eingangs schon vermutet, den Populismus tatsächlich nicht gibt, sondern nur sehr viele verschiedene Arten von Populismus. Vor allem aber ist deutlich geworden, dass es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen dem Populismus, der die liberalen Demokratien westlichen Musters befällt, und einem ursprünglicheren Populismus, der in weiten Teilen der nicht-westlichen Welt das herrschende Paradigma der Politik ist und von dem aus betrachtet eigentlich der Westen die Ausnahme von der Norm darstellt.

So ist, wie uns Naren berichtet, die Politik in Indien von einem Herr-Diener-Verhältnis zwischen der herrschenden Elite und der beherrschten Masse geprägt; die Ägyptische Politik ist, wie uns Youssef wissen lässt, von einem kulturell tief verankerten, einvernehmlichen Verständnis von Macht und Hierarchie geprägt, und auch Yvonne lässt durchblicken, dass der Populismus in Afrika, in Kenia zumal, der Normalfall ist. Und nicht zuletzt scheint, wie Marias Beitrag zu entnehmen ist, auch Russlands Populismus auf ganz alte Muster der Beziehung zwischen „Lehnsherr und Vasall“ zurückgreifen zu können. Doch ist, so möchte man im Anschluss fragen, Ist der neue Populismus im Westen nicht gerade deswegen so erfolgreich, weil er auf archaischen Vorstellungen von Herrschaft gedeihen kann, die von der dünnen Oberfläche der liberalen Demokratie bedeckt wurde?

Experience graphicrecording.cool Aufschlussreich ist zudem die unterschiedliche Einschätzung, die der Populismus erfährt: Während er von denjenigen in unserer Runde, die positive Erfahrungen mit den westlichen Demokratien gemacht haben, geradewegs abgelehnt wird – mit Ausnahme von Ágnes vielleicht, die einen guten Populismus, wenigstens theoretisch, für möglich hält –, wird der Populismus von jenen unter uns, die ihn als Norm der Politik kennen, differenzierter betrachtet.

Ein Grund dafür scheint darin zu liegen, dass in diesen Fällen die Erfahrungen mit der Demokratie vielfach keine guten waren: So sind viele – von außen aufgezwungene – Demokratisierungsversuche kläglich gescheitert, und die westlichen Demokratien haben nicht selten statt wie versprochen Freiheit und Frieden vielmehr Unfreiheit und (Bürger-)Krieg gebracht. Nicht die heilige Dreifaltigkeit von Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit gab es, sondern die unheilige Vierfaltigkeit von Tyrannei, Folter, staatlicher Willkür und Korruption.

Weil Demokratie eben „kein Penizillin“, wie Youssef formuliert, ist, das den Bazillus der Unfreiheit von selbst vernichten könnte, ist es nicht verwunderlich, dass er statt auf die Abschaffung oder die demokratische Überwindung des Populismus auf eine „ältere und bewährtere Form des Populismus“ hofft, d.h. auf einen Populismus, in der sich die Herrschenden tatsächlich als Hüter des Volkes verstehen und sich nicht (nur) als sich selbst bereichernde Verräter an den Volksinteressen gebärden.
 

Ist der neue Populismus im Westen nicht gerade deswegen so erfolgreich, weil er auf archaischen Vorstellungen von Herrschaft gedeihen kann, die von der dünnen Oberfläche der liberalen Demokratie bedeckt wurde?


Zweitens finden sich in unserem Dialog viele wertvolle Beobachtungen darüber, was Populismus ausmacht:
Identitätspolitik graphicrecording.cool
  • Dazu gehört (a) eine starke Identitätspolitik, die energisch zwischen einem „uns“, dem (wie auch immer definierten) Volk, und „den anderen“, den Feinden des Volkes unterscheidet, denen eine Sündenbockfunktion zukommt. Zu diesen anderen gehört in der Regel auch die Intelligenz und die (Kultur-)Elite sowie ihr Wertesystem als innerer Feind. Wesentlicher Teil der Identitätspolitik ist, dass sich die Populisten als einzig legitime Repräsentanten des „uns“ ausgeben: als wahre Vertreter der wahren Interessen des wahren Volkes.
  • Ein weiteres Charakteristikum ist (b) das Triggern der niederen Instinkte, die Anrufung all jener archaischen und triebhaften Kräfte, die eine zivilisierte Gesellschaft durch Vernunft und Aufklärung, durch Konditionierung und sozialer Kontrolle (ja, auch durch politische Korrektheit) zu unterdrücken und zu zügeln versucht. Die starke Emotionalisierung führt zu starker Polarisierung, die die Entzweiung von Gesellschaften mit sich bringt und Risse mitten durch Familien gehen lässt, wie Carol von Brasilien erzählt. Dabei ist diese Entzweiung nicht nur Konsequenz, sie ist auch Werkzeug populistischer Politik.
  • Nicht vergessen werden darf, (c) die Verkündung entsprechender einfacher, brachialer Lösungen, als ein weiterer Wesenszug populistischer Politik. Da ist weiterhin, wie Youssef und Maria hellsichtig beschreiben, (d) das illusionäre Versprechen der Rückkehr zur idealisierten guten, alten, glorreichen Zeit, das Hand in Hand geht mit der Rückkehr zu alten, feudalen Machtverhältnissen zwischen Herrschenden und Untertanen, die letztere zu passiven Empfängern macht und sie aus jeglicher Verantwortung befreit. Hand in Hand geht dies illusionäre Versprechen zudem mit dem realistischem, wenigstens am Status Quo nichts zu ändern. Oder, mit Ágnes gesprochen, das Ziel des Populismus ist vornehmlich negativ bestimmt: Es nährt sich aus der Ablehnung all dessen, was nicht bekannt und was nicht das Eigene ist: anderer Menschen, anderer Sitten, anderer Kulturen, anderer Zeiten, ja selbst die Zukunft ist nur als Wiederholung des Gestern vorstellbar.

Gedanken haben wir uns drittens auch über die Ursachen des Populismus gemacht: Die gegenwärtigen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verrückungen, mit denen kaum jemand zurechtkommt, die durch sie verursachten großen Unsicherheiten und groben „seelischen Erschütterungen“, sowie das tiefe Ressentiment, das genährt wird von dem Verdacht, von der Geld- und Machtelite, die allenthalben ihr schönes Leben zur Schau stellt, hemmungslos betrogen und hoffnungslos abgehängt worden zu sein.

What next? graphicrecording.cool Wenn wir wirklich, wie Maria formuliert, inmitten einer „tiefgreifenden kulturellen Verschiebung“ stecken, die „das gesamte Relief der Gegenwart“ verändern wird, und wenn wir wirklich, wie Yvonne sagt, eine der „großen Existenzkrisen der Menschheit“ durchleiden – und es spricht viel dafür, dass dem so ist, dass wir das Sterben der alten und das Heraufkommen einer neuen Ordnung beobachten – wenn wir also wirklich in einer Phase der fundamentalen Veränderung stecken, ließe sich dann der Wahnsinn des Populismus, der den Planeten erfasst, nicht als ein Mechanismus der Verdrängung des Fiebers deuten, das uns alle ergriffen hat?

Liegt die Anziehungskraft des Populismus nicht gerade darin, dass er die Probleme, in denen wir stecken, entweder verleugnet (menschengemachten Klimawandel: gibt es nicht) oder für einfach lösbar erklärt (die Flüchtlinge: lassen wir nicht rein oder, besser noch, schießen wir nieder!). Ist der Populismus das Symptom der Verweigerung, die harte Wirklichkeit anzuerkennen, ist er der Triumph des Lustprinzips über das Realitätsprinzip?

Doch genug der Diagnosen und Deutungen. Es bleiben nämlich noch wichtige Fragen zu bearbeiten, die Ihr alle schon in Euren Beiträgen formuliert habt und ich hier aufgreifen möchte:
  1. Gibt es am Populismus auch positive Aspekte? Oder, um eine Intuition Yvonnes und Youssefs etwas zu verfremden: Wenn der Populismus ein unvermeidlicher Aspekt liberal-kapitalistischer Demokratien ist, ist sein Aufbrechen – so wie das einer lange gereiften Eiterbeule – dann nicht heilsam? Und: Ist der Populismus eine Folge unserer eigenen blinden Flecken? Kehrt in ihm das kollektiv Verdrängte wieder zurück? Zwingt uns der Populismus mit anderen Worten nicht dazu, dort bei uns selbst hinzusehen, wo es weh tut? Hinzusehen etwa zu denjenigen, die so gar nicht zu unserem Selbstverständnis als aufgeklärte Demokratien passen wollen und die daher so gerne übergangen werden? Kurz: Ist der Populismus ein Symptom, das als Korrektiv verstanden werden kann?
  2. Was ist dem Populismus entgegenzuhalten? In unseren Beiträgen finden sich dazu einige Andeutungen, die interessanterweise alle zweierlei gemeinsam haben: Erstens müssten Antworten den Menschen aus der Seele sprechen, ihre „seelischen Erschütterungen“ ernst nehmen, ihre „subjektiven Bedürfnisse“ nach Sinn- und Zweckhaftigkeit, nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu Gemeinschaft, Tradition und Religion ansprechen. Zweitens gehen die Andeutungen davon aus, dass eine Antwort auf den Populismus wahrhaftig sein müsste. Yvonne sucht nach „Wörtern, die ins Mark schneiden“, nach „einer lückenlosen Sprache“, mit der sich „Wege aus dem Abgrund […] durch Wahrhaftigkeit herausschürfen lassen.“ Carol fordert Glaubwürdigkeit, denn Bürger*innen müssen „den Glauben daran zurückgewinnen, dass moderate Politiker*innen [tatsächlich] für sie kämpfen und tätig werden.“ Und Ágnes mahnt eine Elite ein, die sich auszeichnet durch „geistiges Niveau, Einsatz für die Menschenwürde und Verständnis.“
  3. Braucht es – um dem Populismus etwas entgegenzuhalten – eine kulturelle Elite, oder braucht es eher Demonstrant*innen in genügend großer Zahl, die in „finsterer Entschlossenheit“ bereit sind, einen hohen Preis zu zahlen? Und, damit verbunden: Welche Rolle kommt dabei uns zu, die wir hier diesen Dialog führen und die wir zweifellos zur kulturellen Elite unserer Länder und Gesellschaften gezählt werden dürfen? Was sollen, was müssen wir tun?
 
Herzliche Grüße
Michael Zichy
 

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