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24.12.2020 | Jonas Lüscher & Michael Zichy
Ein neuer Funken Hoffnung

Mit diesem letzten Beitrag beenden Jonas Lüscher und Michael Zichy den Populismus-Diskurs auf Goethe.de/Zeitgeister. Die weltweite COVID-19-Pandemie hat die Stimme des Populismus in den Hintergrund gedrängt, und der Wahlsieg von Joe Biden in den USA weckt neue Hoffnung. Dort hat sich die Demokratie im Jahr 2020 durchgesetzt. Wie wird der Rest der Welt diesem Beispiel folgen?

Portrait image of Michael Zichy in grayscale; he is wearing glasses and a checkered shirt © Michael Zichy Jonas Lüscher Foto: Ekko von Schwichow
Liebe Freundinnen und Freunde,

es fällt uns nicht ganz leicht, diesen letzten Brief zu schreiben, bedeutet dies doch zuzugestehen, dass unser Dialog an sein Ende kommt. Es war einfach gut, dieses Gespräch mit Euch führen zu dürfen: Das erwartungsvolle Warten auf Eure Antworten, mit denen Ihr uns nicht nur aufschlussreiche und spannende Einblicke in Eure Länder, Gesellschaften und Eure ganz persönlichen Wahrnehmungen gewährt habt, sondern auch die uns dazu herausfordert haben, unsere eigenen Sichtweisen zu hinterfragen, Vieles anders zu sehen, und die uns weiterhin dabei helfen, die geistige Isolation zu durchbrechen, mit der wir uns – gerade dieser Tage – so oft abzufinden beginnen. Der heilsame Zwang, sich immer wieder für einen neuen Brief hinsetzen zu müssen und die Gedanken über die Lage der Welt, die so oft aufs Gemüt drücken, etwas sortieren und in wohlüberlegte Worte fassen zu müssen. Und schließlich der Trost, trotz der tausenden Kilometer, die uns trennen, und der so anderen Situationen und Perspektiven, die uns prägen, nicht allein zu sein mit unseren Sorgen, und vereint zu sein in unserem Kampf für eine bessere Welt. Dafür sei Euch herzlich gedankt!
 
Vielleicht ist es nur ein seltsamer Zufall, dass sich unser Dialog gerade auch über dieses letzte Jahr erstreckt hat, das ja wohl in vielerlei Hinsicht das seit langem verrückteste war, weil es zu allem Überfluss noch heimgesucht wurde von einer Pandemie, die, wie sich auch an unserem Dialog gezeigt hat, alles andere überlagert. Wie nicht anders zur erwarten hat der Populismus auch hier einen hohen Zoll gefordert: In jenen Ländern, in denen er das Sagen hat, ist der Umgang mit der Pandemie besonders schlecht, das Versagen des Staates besonders gravierend, die Infektions- und Todeszahlen besonders hoch und das Leid besonders groß. Die Abwahl Donald Trumps mag ein Hoffnungsschimmer sein, doch die Tatsache, dass beinahe die Hälfte der US-Amerikanerinnen und Amerikaner bereit sind, einen das Virus verharmlosenden, klimawandelleugnenden, ebenso Empathie - wie auch schamlosen Mann, der so offensichtlich nicht nur böse, sondern (zum Glück, möchte man sagen!) auch noch unfähig ist, ihr Vertrauen zu schenken, ist schwer zu fassen und zutiefst beunruhigend. Sind unsere Gesellschaften wirklich derart mit Blindheit geschlagen und mit versteinerten Herzen versehen, so kurzsichtig egoistisch oder schlicht bösartig, dass sie lieber einem Wahnsinnigen ihr Vertrauen schenken als einmal der (doch wirklich harmlosen) Gegenseite eine Chance zu geben?
Sicher, wir müssen uns fragen bis es schmerzt: Wie kann es passieren, dass die progressiven Kräfte, die sich für Menschenwürde und Gerechtigkeit einsetzen, nicht die Herzen der Menschen erreichen, und sie nicht imstande sind, ein Angebot zu formulieren, dass attraktiver als der Hass und die Angst ist, die Populisten anzubieten haben? Liegt der Erfolg des Populismus nicht auch an unserer Unfähigkeit, uns zu vereinen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, eine gemeinsame Geschichte zu erzählen und uns zu organisieren? Ist, mit anderen Worten, der Mangel der gemeinsamen Taten unsere Sünde?
 
Hier, so meinen wir, liegt auch eine unserer Aufgaben als Intellektuelle: Genau hinzusehen, gerade bei uns selbst, und gerade dort, wo es wehtut, und jene geheimnisvollen Worte zu finden, die ins Mark schneiden, die aufbrechen, den Eiter hervorholen, die dann aber auch zu heilen und zu versöhnen verstehen, die Hoffnung und Zuversicht schenken. Dies wird umso wichtiger sein, als uns unruhige Zeiten bevorstehen. Die Abwahl Donald Trumps mag ein Hoffnungsschimmer sein, aber optimistisch lässt sie uns nicht in die Zukunft blicken. Die ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen der Corona-Krise werden erst in den nächsten Jahren durchschlagen – sie werden gravierend sein –, und vom Klimawandel haben wir da noch gar nicht gesprochen. Die bedrohliche Ahnung, dass das annus horribilis 2020 nicht eine einmalige Erscheinung, sondern nur der Vorbote eines ungleich schrecklicheren Zeitalters ist, mag sich bei uns nicht wegdrücken lassen.
Doch unabhängig davon, ob die Zustände nur schlimmer oder besser werden: Gleich was die Zukunft bringen mag, unsere Aufgabe wird sich nicht ändern, nämlich unbeirrt das fortzusetzen, was wir ohnehin schon machen und in unserem Dialog unter Beweis gestellt haben: Eben genau hinzusehen, stets hinterfragend, mit scharfem Blick, der aber für das Menschliche, Warme, Erfreuliche nicht blind ist. Dafür unermüdlich Worte zu finden, die ihren Weg in die Seele der Menschen finden. Und die Dinge mutig das nennen, was sie sind: Das Böse das Böse und das Gute das Gute – und das, weil es sonst nicht erträglich wäre, mit einer kräftigen Prise Humor.
 
Habt Dank, bleibt gesund!
Sehr herzlich,
 
Michael und Jonas

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